Familie, Corona-Politik, Rathaus-Koalition

Münchens Bürgermeisterin Verena Dietl im Hallo-Interview: „Familien auch nach der Pandemie entlasten“

Dritte Bürgermeisterin Verena Dietl am Rathaus in München
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Verena Dietl (SPD) spricht im Hallo-Interview über Familien und Corona-Politik
  • Marco Litzlbauer
    vonMarco Litzlbauer
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Münchens Dritte Bürgermeisterin Verena Dietl blickt auf ein erstes Amtsjahr im Zeichen der Corona-Pandemie zurück. Im Interview spricht sie über Familien, Impffortschritt & Wohnungspolitik

München - Ins kalte Wasser: Alle klassischen Aufgabenbereiche der Dritten Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD) stehen im Zeichen der Pandemie. Im exklusiven Hallo-Interview berichtet die 40-jährige zweifache Mutter von ihren Erfahrungen im Amt, wie Familien geholfen werden kann und wie sie die Rolle der SPD wahrnimmt.

Interview mit Verena Dietl: Das erste Amtsjahr stand ganz im Zeichen der Corona-Pandemie

Frau Dietl, Sie sind jetzt seit einem Jahr Bürgermeisterin. Wie fällt Ihr eigenes Fazit aus?

Schon bei den Koalitionsverhandlungen waren wir mitten in der Pandemie. Dass wir uns aber ein komplettes Jahr ausschließlich im Krisenmanager-Modus befinden, das hätte ich nicht gedacht. Familien, Sportvereine, Soziales, Wohnen – alle meine Bereiche sind direkt von Corona betroffen.

Und doch prägen Merkel, Söder und Co. - also die Entscheider auf Bund- und Länderebene – die Schlagzeilen in München. Fluch oder Segen für ein erstes Jahr als Bürgermeisterin?

Bund und Länder entscheiden, das stimmt. Aber wir haben da sehr wohl eine Meinung dazu.

Die da wäre?

Zum Beispiel, dass es wichtig ist, dass Jugendliche Kontakte haben. Mehr als aktuell erlaubt. Ich habe erst jüngst wieder an Gesundheitsminister Klaus Holetschek geschrieben, dass es mehr Öffnungen für Jugendliche im öffentlichen Raum braucht. Auch abseits der Sportvereine, wo jetzt wieder in kleinem Rahmen draußen trainiert werden kann.

Wird die Meinung der Münchner Rathaus-Koalition in Bayern gehört?

Natürlich fühlt man sich da manchmal ein bisschen machtlos, weil man nicht alle Regelungen nachvollziehen kann. Aber unser OB Dieter Reiter stimmt sich oft mit Markus Söder ab und ich habe schon den Eindruck, dass da ein guter Austausch stattfindet und München als einwohnerstärkste Stadt des Freistaats ernst genommen wird.

Wie beurteilen Sie die Situation, dass je nach Kindertageseinrichtung bis zu 90 Prozent der Münchner Kinder die Notbetreuung nutzen?

Zunächst einmal sind Familien die Hauptleidtragenden der Pandemie und der Einschränkungen. Viele, die arbeiten, können kein Homeoffice machen, oder trauen es sich nicht, weil es im Betrieb eben nicht gerne gesehen wird. Da hätte ich mir mehr Klarheit für die Eltern gewünscht.

Ein Bekenntnis zur echten Homeoffice-Pflicht?

Ja. Natürlich nur da, wo Homeoffice möglich ist. Wie schon gesagt: Kontakte sind gerade für Kinder enorm wichtig. Aber wenn es nur darum geht, die Kurve runterzubekommen, dann würde die Homeoffice-Pflicht helfen. Im ersten Lockdown waren wirklich nur die in der Notbetreuung, die echten Bedarf hatten. Jetzt ist das nicht mehr ganz so – das ist die Erkenntnis der letzten Wochen. Man muss die Unternehmen in die Pflicht nehmen, dann regelt sich das andere leichter.

Sie haben selbst zwei Kinder im Alter von ein und sechs Jahren. Wie funktioniert das bei Ihnen?

Durch ständigen Wechsel. Mein Partner ist Freiberufler und auch ich bin immer wieder im Homeoffice.

Wie kann sich die Situation für Münchner Familien entspannen?

Wir müssen auch nach der Pandemie weiter unterstützen, beispielsweise Kinder, die Lerndefizite haben. Außerdem zusätzliche Angebote im öffentlichen Raum schaffen. Und wir dürfen auch weiterhin nichts im Sozialbereich kürzen, um beispielsweise mit beratenden Angeboten zu helfen.

Letzteres müsste man dann sogar noch ausbauen.

Völlig richtig. Angesichts des angespannten Haushalts sicher nicht leicht. Aber für die Familien ist es wichtig, dass sie dann nicht drei Monate auf einen Termin warten müssen.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Impffortschritt in München?

Sehr zufrieden. Wir verimpfen alles, was wir haben – nicht zuletzt durch Sonderaktionen wie die für Kita-Erzieher und Lehrer oder die Astrazeneca-Aktion für Senioren. Zugesagt worden ist uns mehr, so ehrlich muss man sein. Insofern bin ich mit dem Freistaat nicht ganz zufrieden.

Sind Sie selbst schon geimpft?

Noch nicht. Ich gehöre zur Prio-3-Gruppe und hoffe, demnächst dran zu sein.

Auf Bundesebene werden aktuell mobile Impfteams für Brennpunkt-Viertel diskutiert. Macht man es sich da zu einfach, oder ist das ein sinnvoller Schritt?

Ich finde das sehr gut. Es darf nicht passieren, dass privilegiertere Gruppen mit besseren Kontakten zu Ärzten Vorteile haben. Aber es wird auch noch viel Überzeugungsarbeit nötig sein – gerade wenn wir in die Prio-4-Gruppe kommen. Da muss man dann die Menschen gezielt ansprechen.

Wäre es dazu nicht gut, wenn man – wie in Hamburg – Corona-Fallzahlen nach Vierteln aufschlüsseln würde?

Ich halte nichts davon, dass das öffentlich gemacht wird. So würde man einzelne Viertel an den Pranger stellen.

Intern würde ein Aufschlüsseln ja reichen.

Intern müsste man das dann schon auswerten – aber auch inhaltlich. Beispielsweise, ob man alle Berufsgruppen gleichermaßen erreicht hat.

Die Anträge auf Wohngeld in München haben sich im Corona-Jahr verdoppelt. Reicht es da, die beiden städtischen Wohnbaugesellschaften zusammenzulegen?

Natürlich nicht. Aber es ist sinnvoll, aus beiden das Beste rauszuholen. So wollen wir die Zahl der jährlich fertig gestellten städtischen Wohnungen von derzeit etwa 1250 auf dann 2000 steigern. Da sind wir aber noch nicht. Wie man diese Zahl erreicht, das wird die Debatte der nächsten Zeit sein.

Bei den städtischen Wohnungen hat man im vergangenen Jahr aufgrund von Corona auf Mieterhöhungen verzichtet, niemandem gekündigt und ausstehende Zahlungen gestundet. Wird das auch die kommenden zwölf Monate so sein?

Aktuell gilt diese Regelung bis 30. Juni. Aber wir sind ja noch mitten in der Pandemie, wir werden diese Regelung mit Sicherheit verlängern. Es ist uns wichtig, dass aktuell niemand aus einer städtischen Wohnung fliegt.

Wie erleben Sie in Zeiten von Corona- und Politik-Verdruss das Verhältnis der Münchner zur Rathaus-Politik?

Ich bekomme oft die Rückmeldung, dass es die Leute gut finden, dass sich die SPD/Volt-Fraktion für das Soziale stark macht. Das muss auch weiterhin deutlich werden.

Wird das auch im Hinblick auf den Bundestags-Wahlkampf deutlich genug?

Das wird sich zeigen. In München war die SPD ja schon immer sehr stark. Ich gehe fest davon aus, dass es dafür reicht, dass München mit zwei SPD-Mandaten in Berlin vertreten sein wird (Sebastian Roloff aus dem Stimmkreis München-Süd befindet sich auf Platz 5, Claudia Tausend aus dem Stimmkreis München-Ost auf Platz 10 der Landesliste der Bayern-SPD, Anm.d.Red.).

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