Interview von A bis Z mit Kult-Wirtin Toni Netzle

„Das heutige Schwabing ist mir fremd“

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In Hallo erinnert sich die  Münchner Kult-Wirtin an die vergangenen Jahre zurück.

Die Münchner Kult-Wirtin Toni Netzle wird am 25. März 90. Im Hallo-Interview erzählt sie alte Geschichten rund um den „Alten Simpl“ und erinnert sich an die vergangenen Jahre zurück...

Um wohl kein ehemaliges Lokal in München ranken sich so viele Geschichten wie um den „Alten Simpl“: Ella Fitzgerald, Duke Ellington, Robert de Niro waren dort, Willy Brandt feierte dort seine Wahlparty, Abi und Esther Ofarim hatten dort ihren ersten Auftritt in Deutschland, Brigitte Bardot, Gina Lollobrigida, Gerd Fröbe zählten zu den Gästen. 

Doch niemand durfte um Autogramme gebeten werden – außer Rudi Carrell („Lex Rudi“). Denn die Wirtin Toni Netzle führte von 1960 bis 1992 ein strenges Regiment – hatte klare Vorstellungen von „ihrem Wohnzimmer“. 

So herrschte auch ein absolutes Uniformverbot und ein Herrengedeck wurde nicht serviert. Alkohol hingegen schon, obwohl Netzle bis heute keinen einzigen Tropfen Alkohol angerührt hat. Ihr Lieblingsgetränk: Schwarztee. 

Ob sie damit am 25. März auf ihren 90. Geburtstag anstoßen wird, hat sie im Hallo-Interview nicht verraten. Zu allen anderen Themen hat die Schwabingerin immer noch eine sehr deutliche Meinung. Welche, lesen Sie hier von A bis Z.

Münchner Kult-Wirtin Toni Netzle (89) von A bis Z

Angeschrieben hat jeder. Hätte ich das Geld von allen Bierdeckeln wirklich bekommen, hätte ich heute eine Villa in Grünwald. Ich habe sie dann immer nach einem halben Jahr verbrannt. Nur ein Schauspieler hat mir jahrelang, sogar noch in Euro, alles zurückgezahlt.

Bedroht wurde ich, als ich ein Buch gegen Alkohol schreiben wollte, Ende der 70er-Jahre. Ich hatte recherchiert. Ein anonymer Anrufer sagte, wenn ich weiter mache, werden meine Kinder entführt. Das Buch kam dann nie.

Corona macht mir keine Angst. Ich bin im Krieg groß geworden. Ich kenne das Grauen: Hunger, Kälte, Krankheit, Tod. Aber das Grauen von damals kann man heute niemandem mehr vermitteln.

Depperte gab es bei mir keine: Es waren Paradiesvögel. Wenn einer von denen rief: Toni, was hast Du heute für komische Gäste, habe ich sie verteidigt: Der darf das, das ist unser Paradiesvogel.

Ende vom Simpl 1992 war eine reine Vernunftsentscheidung: Ich musste das tun. 32 Jahre Nachtleben, ich war kräftemäßig am Ende – und ich musste wieder den Kopf freikriegen.

Fit: Heute setze ich mich auf mein Trimmrad, um 12 Uhr mittags. Mal zehn Minuten, mal eine halbe Stunde. Währenddessen schalte ich die Nachrichten an.

Gefährlich war die Arbeit nicht, auch wenn ich nie einen Mann neben mir hatte: Ich war die Chefin. Verprügelt worden bin ich nur einmal – von einer Frau. Und ein zweites Mal bekam ich eine Watschn – auch von einer Frau.

Herrengedeck habe ich im Alten Simpl verboten. Wer trinkt denn sowas: ein Bier und ein Piccolo. Bäh.

Internet brauche ich nicht. Ich bin auch ohne 90 geworden. Wenn ich etwas wissen will, schaue ich Nachrichten, ins Lexikon oder rufe Leute an. Auch mal bei der Zeitung.

Jung und Alt: Die Kategorisierung ist mir zu blöd. Außer, dass Junge schneller besoffen sind. Meine Gäste hatten jedes Alter.

Kammerspiele: Ich bin am Theater zweimal angegangen worden. Ich habe dem Mann eine geklatscht und war die Besetzung los. Aber die Engagements waren mir als alleinerziehende Mutter eh zu unsicher.

Lesen: Leidenschaftlich gerne. Ich habe noch mindestens hundert Bücher, die ich lesen will. Am liebsten Biografien, Autobiografien. Die nächsten, die ich lesen werde, sind die von Dirk Rossmann und von Michelle Obama.

Musik bei uns war fürchterlich, grauenhaft. Das war Absicht. Die Musik diente einzig als Barriere. Damit niemand hört, was der andere Tisch beredet.

Nüchtern war ich immer: Ich selbst habe bis heute nie einen Tropfen Alkohol getrunken, nie ein Bier gezapft. Ich finde Alkohol ist ein Verbrechen, das verändert die Leute.

Ole: Nie wieder wollte ich geschieden werden. Die entwürdigende Frage vor dem Scheidungsrichter war: „Wann hatten Sie das letzte Mal Geschlechtsverkehr mit Ihrem Mann?“ Deshalb bin ich mit meinem Mann Ole seit 58 Jahren ohne Trauschein zusammen.

Politik: Ich war immer Sozialdemokrat. Das wussten alle. Komischerweise saß die halbe CSU bei mir im Lokal drin.

Quote: Frauenquote? Wozu? Es soll der den Job machen, der es besser kann.

Rausgeschmissen habe ich fast jeden mal. „Sind Sie so nett und verlassen jetzt das Lokal, Sie passen hier nicht rein“ habe ich dann gesagt. Oder anders, laut: Wie, Sie haben mich Nutte genannt? Raus! Und 80 Prozent kamen trotzdem immer wieder. Nur wer meine Bedienungen angefasst hat, flog automatisch und für immer.

Schwabing von heute kenne ich nicht. Ich lebe seit den 60er-Jahren in Schwabing. Aber wenn ich heute das Haus verlasse, steht draußen ein Taxi. Im Alten Simpl war ich nur einmal wieder.

Türsteher? Furchtbar. Als wir 1968 nach dem Umbau größer wurden und einen Ansturm erlebten, hat das mein Bruder mit einem Freund gemacht. Ich stand ein einziges Mal zehn Minuten hinter dem Guckerl – dann habe ich die Tür wieder aufgemacht. Wenn es voll war kam eh keiner mehr rein.

Umzug vor zehn Jahren hatte was Gutes. Aus dem alten Haus am Kurfürstenplatz mussten wir raus, weil der neue Hausbesitzer die Miete verdoppeln wollte. Das war dritter Stock Altbau – das hätte ich nicht mehr lange geschafft. Heute wohne ich im ersten Stock in einer kleineren Wohnung.

Von Herzen bin ich: altmodisch. Ich schreibe Briefe von Hand. Manchmal lege ich noch einen Ausdruck vom Computer dazu. Meiner ist aus den Neunzigern, eine bessere Schreibmaschine. Aber am liebsten sind mir selbst geschriebene Briefe.

Wille, letzter: Meiner ist gemacht. Ich habe genau festgelegt, wie es sein soll, da mischt mir keiner mit. Ich komme in das Grab meiner Eltern und Schwester auf dem Waldfriedhof.

X-viele: Ich habe tausende Vhs-Kassetten. Da ist mein ganzes Leben drauf: Ich im Theater auf der Bühne oder alles, was ich im Fernsehen aufgenommen habe. Sie digitalisieren zu lassen, kostet ein Schweinegeld.

Y wie in gay: Ach, bei uns waren doch alle Schwulen. Das hat jeder gewusst und es war allen egal.

Zweimal gab es Ärger mit dem Amt: Einmal, weil ich erst ab September 1960 die Konzession hatte, aber am 27. August geöffnet habe, das andere Mal weil ich die Sperrzeit um 4 Uhr morgens nicht eingehalten habe.

Marie-Julie Hlawica

Haben wir ihr Interesse geweckt? Mehr spannende Interviews finden Sie in unserer Übersicht.

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