„Die Leute haben sich die Nasen platt gedrückt.“

Die Geschichte vom Traditionshaus Dallmayr in München ‒ Autorin Lisa Graf im Hallo-Interview

Lisa Graf
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Lisa Graf hat den ersten Band ihrer dreiteiligen Saga „Dallmayr. Der Traum vom schönen Leben“ veröffentlicht.
  • Claudia Theurer
    VonClaudia Theurer
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Die Autorin Lisa Graf widmet sich mit viel Recherche-Aufwand dem Leben von Therese Randlkofer, die das Traditionshaus Dallmayr in München maßgeblich prägte...

Schon als Kind besuchte die Autorin Lisa Graf mit ihrer Giesinger Tante das Feinkosthaus Dallmayr. Nun hat sie den ersten Band ihrer dreiteiligen Saga „Dallmayr. Der Traum vom schönen Leben“ veröffentlicht. Er spielt 1897, als Therese und Anton Randlkofer den Laden an der Dienerstraße übernahmen und ihn zur ersten Delikatessadresse Münchens machten.

Während sich die Gutsituierten und der Königshof an erlesenen Pralinen, frisch importierten Bananen aus La Palma oder Kaffee aus Südamerika labten, träumte der Normalbürger vom schönen Leben und drückte sich die Nase an den dekorierten Schaufenstern platt. Doch nach dem glanzvollen Aufstieg des Familienunternehmens droht ein jähes Ende, als Patriarch Anton unerwartet stirbt.

Hallo hat mit der Autorin über eine starke Frau und das Leben vor über 100 Jahren gesprochen.

Das Dallmayr-Haus 1912.

Die Geschichte des Traditionshaus Dallmayr - Autorin Lisa Graf im Interview mit Hallo München

In Passau, wo Lisa Graf aufgewachsen ist, hat sie sich im Büro einer Molkerei „die Zeit totgeschlagen“, dann beim Bahnpostamt in München Briefe sortiert bis sie ihre schreiberische Ader entdeckte. Bis jetzt hat sie Reisebücher oder Kriminalromane verfasst, die teilweise in ihrer Wahlheimat, dem Berchtesgadener Land, spielen.

Aber jetzt hat es die 63-Jährige ins große Historienspiel getrieben. Mit großer Leidenschaft, akribisch recherchiert, schildert sie in drei Bänden die Geschichte des Hauses Dallmayr.

Frau Graf, wie sind Sie auf die Geschichte von Dallmayr gestoßen?
Eigentlich durch einen Zeitungsartikel über den Goldachhof bei Ismaning. Darin stand, dass eine Frau, nämlich Therese Randlkofer, den Hof 1905 gekauft, dort ein Mustergut errichtet und ihr Geflügel für ihr Geschäft, den Dallmayr, selbst gezüchtet hat. Und da dachte ich mir, wie gibt’s des, dass eine alleinstehende, nicht mehr ganz junge Frau das alles schafft und dass ihr das alles gelingt. Aber die Geschichte mit dem Goldachhof erzähle ich eingehend im zweiten Band.
Zurück zum ersten Band. Was macht Dallmayr so besonders?
Es ist eine Münchner Institution. Als Kind bin ich mit meiner Tante aus Giesing schon immer gern zum Dallmayr reingegangen. Es ist einfach ein Einkaufserlebnis für alle Sinne.
Droht Dallmayr so eine Pleite wie Obletter oder Kaut-Bullinger?
Ich glaube, die Gefahr besteht überhaupt nicht. Die Firma ist immer gut damit gefahren, ihre Basis ausschließlich in München zu haben. Auf der ganzen Welt gibt es nur in Japan ein paar kleine Dallmayr-Läden in einer Shopping-Mall. Wenn ich mal übersetzt werden sollte, dann ins Englische und Japanische, das wünsche ich mir.
Therese Randlkofer war für ihre Zeit ja eine starke Frau. Woher nahm sie als Witwe mit noch nicht erwachsenen Kindern die Kraft?
Sie hat zuvor zusammen mit ihrem Mann 20 Jahre lang ein Lebensmittelgeschäft in der Maffeistraße geführt, hatte fünf Kinder und natürlich im Laden mitgearbeitet. Sie hatte zwar keine Ausbildung, aber viel Erfahrung und konnte was. Sie hat das gemacht, worin sie gut war, hat gut gekocht und gern neue Rezepte ausprobiert, sie war experimentierfreudig. Sie muss auch ein gutes Händchen für ihre Angestellten gehabt haben, das zeigt die geringe Fluktuation. Außerdem hatte sie gute Verbindungen zum Hof und war gut vernetzt, wie man heute sagt.
Alleininhaberin Therese Randlkofer
Ist im Roman alles wahr oder haben Sie Figuren dazu erfunden?
Ja, das habe ich. Die Ziehtochter Balbina zum Beispiel. Ich habe im Stadtarchiv alte Dokumente durchgeschaut, da war eine handschriftliche Bewerbung einer Buchhalterin bei Dallmayr dabei, von einer Balbina Lutzenberger. Der Name hat mir sofort gefallen und ich dachte mir, so eine Figur ist wichtig für den Aufbau des Romans. Auch Thereses Gegenspieler, der böse Schwager Max, ist eine Erfindung von mir
Aus welchen Verhältnissen kam denn Therese Randlkofer?
Sie stammte von einem Bauernhof in der Oberpfalz in der Nähe von Cham. Wie sie allerdings nach München kam, weiß ich nicht genau. Vermutlich hatte sie damals schon andere Zukunftspläne, als Bäuerin oder Magd zu werden.
Würden Sie sagen, sie war eine gute Mutter?
Auf jeden Fall. Sie hatte alles im Griff. Sie wollte, wie alle Mütter, nur das Beste für ihre Kinder. Dass ihre Tochter Elsa einen anderen Weg gegangen ist und nichts mit der Firma zu tun haben wollte, ist eine Interpretation von mir. Es sollte in dem Roman nicht nach Schema F. und nur um eine gut situierte Kaufmannsfamilie gehen. Sondern auch um andere Personen, wie den Lehrling Ludwig Loibl und seine Schwester Lilly, zwei Arbeiterkinder aus Haidhausen.
Die Mehrheit der Münchner Bevölkerung war zu der Zeit eher arm und konnte sich gar nichts leisten. Gab es nie eine Rebellion gegen den Luxus des Adels und gehobenen Bürgertums?
Soweit ich weiß nicht. Es gab mal ein Ereignis, da wurde bei Dallmayr ein Bär angeliefert und dort zerlegt. Klingt barbarisch, aber damals waren Bärentatzen eine große Delikatesse. Da haben sich die Leute die Nasen am Schaufenster platt gedrückt. Aber das war kein Aufstand, nur Neugierde. Die Arbeiter und ärmeren Leute haben sich zu Konsumgemeinschaften in Sendling und Haidhausen zusammengeschlossen, damit sie billiger einkaufen konnten.
Ist Ihre Hauptfigur Therese noch einmal eine neue Beziehung eingegangen nach dem Tod ihres Mannes?
Sie hatte ja die Vision, den Dallmayr zu einem Delikatessenkaufhaus zu machen. Früher gab es überall nur kleine Läden. Dann kam das Kaufhaus Tietz, später Hertie, das über mehrere Stockwerke ging, toll dekoriert war, da waren die Leute hin und weg. Ihr Geldgeber und Freund, Michael von Poschinger, war ein wichtiger Mann in ihrem Leben, nur war der verheiratet. Wäre er frei gewesen, hätte sich da durchaus etwas entwickeln können, weil die beiden sich schon sehr gut verstanden haben und es durchaus manchmal knisterte zwischen ihnen.
Wie lange hat denn diese Frau gearbeitet?
Für eine Witwe wäre es üblich gewesen, dass sie den Betrieb für den ältesten Sohn erhält und dann möglichst schnell übergibt. Therese hat jedoch über 20 Jahre die Geschicke ihres Geschäfts gelenkt und erst 1919 an ihre Kinder übergeben. Die Geschwister Randlkofer waren dann zu gleichen Teilen ihre Erben.
Sie sagen bis 1919 hat sie die Firma geleitet, was war dann?
Dallmayr hat den Ersten Weltkrieg mit Müh und Not und ziemlich gerupft überstanden. In den 30er-Jahren kam dann der Kaffee zu Dallmayr, es ging wieder bergauf. Doch der Zweite Weltkrieg brachte praktisch den Untergang. Das ganze Gebäude in der Dienerstraße wurde zerstört. Und um den Wiederaufbau zu finanzieren, mussten die Kinder den Goldachhof verkaufen und wieder neu anfangen.
Es werden ja insgesamt drei Bände. Wann und mit welchem Ereignis hört die Dallmayr-Saga bei Ihnen auf?
Der erste Band umfasst die Jahre 1897 bis 1900, der zweite Band 1905 bis1920 und der dritte endet dann mit der Wiedereröffnung in der Dienerstraße nach dem Zweiten Weltkrieg. Der zweite Band erscheint im November 2022, er ist aber bereits vorbestellbar.

Hallo München verlost Exemplare von „Dallmayr. Der Traum vom schönen Leben“

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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