Interview von A bis Z

Sexueller Missbrauch in der Erzdiözese München und Freising - „Diese Verbrechen dürften nie verjähren“

Lateinlehrerin und Schulpsychologin Michaela Huber
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Michaela Huber, 57, leitet die Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs der Erzdiözese München und Freising.
  • Marie-Julie Hlawica
    VonMarie-Julie Hlawica
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Michaela Huber hat keinen einfachen Job. Die Leiterin der Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der Erzdiözese München und Freising im Interview...

Ein schwieriges Thema im Blickpunkt der Öffentlichkeit: Michaela Huber leitet in der Erzdiözese München und Freising für die kommenden drei Jahre die Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs. Die Kommission versteht sich dabei als ein Organ, das von außen auf die Strukturen schaut, sie analysiert und darauf aufbauend Empfehlungen zum Umgang mit den Betroffenen gibt. Gleichzeitig sollen zukunftsweisende Ratschläge erarbeitet werden.

Was ihr für diese Funktion wichtig ist, wie die Lateinlehrerin und Schulpsychologin zu dieser Aufgabe kam, warum sie möchte, dass Kardinal Marx im Amt bleibt und was nicht nur die katholische Kirche, sondern die Gesellschaft beim Umgang mit Missbrauchsfällen besser machen sollte, erklärt sie hier von A bis Z.

Aufarbeitung der Skandale soll befrieden, sagt der Betroffenenbeirat. Die Erzdiözese München und Freising setzt dabei ein Zeichen, indem sie den Menschen vor der Institution Kirche in den Mittelpunkt stellt.

Buße: Oft nur ein Lippenbekenntnis. Es fehlt eine öffentliche, glaubwürdige Geste aller Bischöfe, in der sie sich als Repräsentanten des Systems Kirche zur Schuld der Institution bekennen. Wie Willy Brands Kniefall 1970 in Warschau. 

Christen werden durch den Missbrauchsskandal gerade alle in einen Topf geworfen, die Austritte häufen sich. Dabei werden die, die im Namen der Kirche viel Gutes tun, in ihrer täglichen Arbeit mit und für Menschen, völlig übersehen. 

Diözesen gibt es in Deutschland 27 – unsere Kommission ist mit ihnen im Austausch. Ich bin sehr froh, für München-Freising tätig zu sein. In Köln unter Kardinal Wölki hätte ich nie mitgearbeitet.

Eingearbeitet in die Thematik habe ich mich intensiv, viele Stunden mit Mitgliedern des Betroffenenbeirats gesprochen. Das Thema ist mir leider nicht neu. In 30 Jahren als Schulpsychologin und Supervisorin war das Thema „Missbrauch in der Familie“ gegenwärtig.

Fehler: Blinde Flecken gibt es überall. Unsere Analyse der Ist-Situation soll sie künftig vermeiden. Ein Präventionskonzept ist erstellt, jetzt geht es um Veränderung, ein Aufbrechen der Struktur, die den Missbrauch möglich machte und macht.

Gott ist für mich eine Art große, mächtige, die Welt und das Leben bestimmende Kraft, Hilfe in schwierigen Situationen. Auch wenn ich aus der Kirche ausgetreten bin. 

Herbst: Da sollte das externe, juristische Gutachten zum Missbrauch in der Erzdiözese erscheinen – mit Basis unserer Kommissionsarbeit. Es erscheint verzögert Mitte Januar.

Intention unserer Arbeit ist, der Erzdiözese Änderungen zu empfehlen. Ohne Weisungsbefugnis, mit Ideen, was Kirche, die Diözese als Organisation, ändern kann, sollte, muss. 

Jugendliche haben es heute nicht einfach. Ich wünschte, dass sie sich nicht von Angst leiten lassen. Im Sinn von Don Bosco: fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen.

Kommissionsmitglieder sind es acht: alles ehrenamtlich tätige Mitglieder, darunter auch Missbrauchs-Betroffene. Wir sind ständig im Kontakt, treffen uns sechsmal im Jahr.

Leben heißt für mich auch, sich für Menschen einzusetzen. Dazu beitragen, dass die Welt eine bessere wird. Mit ein Grund, warum ich nach meiner ersten Absage zur Kommissionsarbeit dann doch zugesagt habe.

Marx als Erzbischof will tiefe, strukturelle Veränderungen der Kirche bewegen. Ginge Marx – ich weiß nicht, ob ich bei der Kommission bliebe.

Neugier ist mein Motor, hat mein Leben immer bereichert und mich in die Kommission geführt: Was kann man bewirken, wenn ein System sehr verkrustet ist? Meine 84-jährige Mutter ist täglich interessiertes, neugieriges Vorbild. Das ist für mich Ausdruck von Jugendlichkeit, wichtiger als Haare färben!

Oberhaupt: Braucht die Kirche einen Papst? Einen, dem alle Menschen gleich lieb sind. Keinen, der leere Worte sagt, unchristliche Politik macht. Franziskus ist empathisch. Aber er hat nicht den Mut, längst notwendige Reformen festzulegen. Er hätte die Macht dazu.

Political correctness nervt, wenn sie Selbstzweck wird. Wichtiger ist, eine korrekte Haltung zu Themen wie Missbrauch zu haben, sie laut auszusprechen, auch wenn es nicht allen passt. Doch viele hören nur, ob man korrekt gegendert hat...

Qualifikation der Kommissionsmitglieder: je ein Strafrechtler, Kinder- und Jugendpsychiater, Jugendamtsvertreter, Psychologe, Vertreter des Diözesan-Rats und des Kirchengerichts, zwei Betroffene.

Ruhe finde ich im Wald. Ich liebe den Bergwald mit all seinen Gerüchen, der Luft, dem weichen Waldboden und den großen, alten Bäumen. Ich glaube, nach einem Besuch trifft man bessere Entscheidungen.

Systeme, geschlossene: sind gefährlich. In Familien, Vereinen, Institutionen wie der Kirche wird Zusammenhalt falsch verstanden, Missbrauch verschwiegen. Die Gesellschaft muss diese Strukturen ändern – ein Aspekt unserer Kommission.

Theologie hätte mich zum Lateinstudium interessiert, aber schon damals wollte ich mich keiner Organisation verschreiben, bei der ich als Frau ein Mensch zweiter Klasse bin. Die Schulpsychologie, Seelsorge ohne Kirche, wurde meine Leidenschaft. Dieser Beruf hat mich jetzt in die Kommission geführt.

Unerwartet kam meine Krebsdiagnose, ich musste den Schuldienst aufgeben. In der Kommission bringe ich mich sinnvoll ein, freue mich, mit und für Menschen zu arbeiten. 

Verbrechen wie Kindesmissbrauch dürften nie verjähren. Da ist Gesetzesänderung nötig. Missbrauch ist Mord an Kinderseelen, der Täter muss wie bei Mord zeitlebens die juristische Verantwortung tragen. Im Kirchenrecht kann übrigens in schweren Fällen eine Verjährung komplett aufgehoben werden.

Weg unserer Kommission ist das Ziel. Alle Beteiligten lassen sich in der Arbeit auf einen neuen Weg ein, um Missbrauch aufzuklären.

X-Wege gibt es nach Rom, neben Wien meiner zweiten Lieblingsstadt! Rom vereinbart alles, was mir wichtig ist: die Antike, die beeindruckende Präsenz der Kirche, das pulsierende, leicht chaotische Leben und das italienische Essen! 

Yes we can – der Grundsatz gilt für die Arbeit unserer Kommission. Für mich gilt: Man kann mit der Aufklärung in der Erzdiözese nur gewinnen, nicht verlieren. 

Zufall war, dass mich das Kultusministerium, das einen Sitz in der Aufklärungskommission der Diözese stellte, angefragt hat. Mein Gedanke nach meiner ersten Absage war: Vielleicht kann ich etwas bewirken – ich habe die Wahlwiederholung gedrückt und zugesagt.

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