Schreiben mit der Keule des Altwerdens

„Alt werden ist nichts für Feiglinge“ - Franz Xaver Kroetz im Gespräch mit Hallo München

Ein vitaler Beruf, der ihm immer Spaß gemacht habe: Franz Xaver Kroetz über das Dasein als Schriftsteller.
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Ein vitaler Beruf, der ihm immer Spaß gemacht habe: Franz Xaver Kroetz über das Dasein als Schriftsteller.
  • Marie-Julie Hlawica
    vonMarie-Julie Hlawica
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Nächste Woche wird der bekannte Dramatiker und Regisseur Franz Xaver Kroetz 75 Jahre alt. Hallo hat mit ihm über das Älterwerden und seinen neuen Gedichtband gesprochen.

Es ist ruhiger geworden um den Autor, Regisseur, Schauspieler und Revoluzzer. Zu seinem 75. Geburtstag erscheint sein Gedichtband, „Ich spür Herbst“, Kroetz über Kroetz. Im Interview erzählt er über das Altern, die Liebe zum Beruf, Baby Schimmerlos und warum er posthum keine nach ihm benannte Straße braucht.

Herr Kroetz, Ihre Kollegen schreiben in Ihrem Alter Autobiografien – Sie einen Gedichtband.

Fünf Jahre hab ich versucht, eine Autobiografie zu schreiben und festgestellt: Das ist Schmarrn. Je mehr ich nachgedacht habe, habe ich mich gefragt: „Franz ist das wirklich wahr, was du da geschrieben hast?“ Es wäre Fiction geworden, ich kann mich an vieles nicht mehr detailliert erinnern. Ich habe es meinen Kindern zum Lesen gegeben. Die waren kritisch! Also habe ich einen Teil weggeschmissen, den schönen behalten, vielleicht für später. Nur meine Gedichte werden jetzt gedruckt.

Dieser Band heißt „Ich spür Herbst“. Die Texte sind dunkel, düster und schwer.

Die Gedichte sind alle mit der Keule des Altwerdens entstanden. Es sind Paraphrasen der beiden Zitate „Das Alter ist ein Massaker“ und „Alt werden ist nichts für Feiglinge“. Darüber geht es – über das Verlieren des Lebens. Zwischen 70 und 75 da ist ein Sprung. Mit 70 hab ich mir eingebildet, ich bin noch für jede Frau ein tolles Angebot.

Was ist jetzt anders?

Wenn ich jetzt zurück schau, denk ich mir: Du hast ja überhaupt keine Ahnung! Zwischen 70 und 75 hab ich meine Wirklichkeit justiert. Jetzt, seit zwei, drei Jahren, weiß ich: Franz, du bist ein alter Mann.

Macht Ihnen der Tod Angst?

Nein. Mir macht auch nicht Corona Angst, mehr die Hysterie der Menschen. Wenn ich nicht mehr allein aufs Klo kann, dann darf es vorbei sein.

Wenn Sie nicht auf Ihrem Hof im Chiemgau, sondern hier sind, wohnen Sie im Pasinger Elternhaus. Heimatgefühle?

Das alte Eiscafé Portofino gibt es noch – das ist für mich das echte Pasing. Aber es hat sich viel verändert. Als die Arcaden gebaut wurden, hab ich gedacht, die spinnen ja, wie ein Bunker, das gehört in die Luft gesprengt. Inzwischen weiß ich, der ist praktisch, wenn der offen ist, kriege ich alles, Lebensmittel, Klamotten, Bücher. Ja, wenn ich was bin, bin ich Pasinger, Münchner bin ich schon lange nimmer.

Viele Münchner lieben Sie als Kult-Reporter Baby Schimmerlos. Das mochten Sie lange nicht.

Irgendwann ist es zu viel, wenn dich jeder auf der Straße mit „Hey Baby, wo hast’ deinen Porsche gelassen“ anhaut. Ich bin ja nicht mal mehr mit der S-Bahn in die Stadt gefahren. Ich bin von Hauptberuf Dramatiker, Regisseur und plötzlich dreht sich alles nur um Kir Royal. Da kriegt man eine Mordswut. Aber das relativiert sich alles. Ich bin ja auch nicht Schauspieler geworden, um anonym zu bleiben. Und es war fantastisch, in so einem grandiosen Ensemble zu spielen.

Haben Sie denn noch Kontakt zu Kollegen von damals?

Vor zwei Jahren hab ich die Senta Berger getroffen. Ich hatte gerade ihr Buch „Ich habs doch gewusst, dass ich fliegen kann“ gelesen und gedacht: Verdammt, jetzt kann sie auch noch schreiben. Wir haben ein herzliches Fern-Verhältnis.

Was bedeutet für Sie Glück?

Dass ich einen so guten Kontakt zu meinen Kindern hab’, das wünsch ich eigentlich jedem. Die Töchter wohnen beide im Münchner Westen, mein Sohn hier in meinem Elternhaus. Glück ist auch, dass ich den richtigen Beruf gewählt habe. Ich habe mit zwölf angefangen zu schreiben und bin mein Leben lang Schriftsteller und Autor gewesen. Trotz Schreibblockaden und Wut war und ist es ein vitaler Beruf, hat mir Spaß gemacht, mein ganzes Leben lang – und er hat mich nie enttäuscht.

Wenn München Sie mit einer Franz-Xaver-Kroetz-Straße würdigen wollte...?

...dann bloß im alten Pasing. Ich hab mir den Therese-Giehse-Platz angeschaut. Du lieber Gott! Auf keinen Fall will ich in die Neubaugebiete Freiham oder Paul-Gerhard-Allee, da wär ich beleidigt. Besser wär ein Franz-Xaver-Kroetz-Weiher. Ja, des tät mir gefallen!

Zur Person

Geboren am 25. Februar 1946 in München, verlässt Franz Xaver Kroetz früh die Schule, besucht stattdessen 1961 die Schauspielschule in München und das Max Reinhardt-Seminar in Wien. Seine gesellschaftskritischen Texte, Einakter wie „Heimarbeit“ und „Hartnäckig“, werden an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt.

Kroetz gilt in den 70er-Jahren als wichtigster deutschsprachiger Gegenwartsdramatiker, kandidiert, politisch aktiv, zweimal für die bayerische Landesliste der DKP. Seine Dramen, Hörspiele, Romane und Theaterstücke werden vielfach mit Preisen ausgezeichnet, wie dem Ernst-Hoferichter-Preis oder dem Bertolt-Brecht-Preis.

2005 erhält Kroetz das Bundesverdienstkreuz. Dem Fernsehpublikum wird Kroetz 1986 durch „Kir Royal“ bekannt. 2008 folgen unter Regie von Joseph Vilsmaier „Die Geschichte vom Brandner Kaspar“, 2017 die TV-Serie „Über Land“. Sein Gedichtband „Ich spür Herbst“ erscheint in der Verlagsbuchhandlung Franz König, Köln.

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MARIE-JULIE HLAWICA

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