„Das Stadtarchiv ist froh darüber“

Fotograf und München-Chronist Heinz Gebhardt im Hallo-Interview über die Entstehung der U-Bahn

Heinz Gebhardt – Schon als junger Mann war er in München mit seiner Kamera unterwegs und hat die Entwicklung der Stadt dokumentiert.
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Heinz Gebhardt – Schon als junger Mann war er in München mit seiner Kamera unterwegs und hat die Entwicklung der Stadt dokumentiert.
  • Kassandra Fischer
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Die U-Bahn in München wird 50 Jahre alt und der Fotograf Heinz Gebhart war von Anfang an mit seiner Kamera dabei. Seine Erinnerungen an die Zeit der Großbaustelle...

Mit seiner Kamera hielt Heinz Gebhardt (74) Ende der 60er-Jahre die Entstehung der Münchner U-Bahn fest. „Das Stadtarchiv ist froh darüber“, weiß der Fotograf, der damals erst Anfang 20 und noch in der Ausbildung war.

Sein Fundus an Bildern ist mächtig, seine Erinnerungen an die Zeit ebenso. Im Gespräch mit Hallo erinnert er sich daran, wie sich die Münchner damals mit der Großbaustelle arrangiert haben, an eine Feuer-Tragödie während der Bauzeit sowie an seine erste U-Bahn-Fahrt.

Der München-Chronist Heinz Gebhardt.
Herr Gebhardt, Sie kennen die Stadt noch ohne U-Bahn, haben die Großbaustelle von Anfang an fotografisch dokumentiert. Wie war das damals?
Von der Münchner Freiheit über den Marienplatz bis zum Stachus war alles eine offene Baugrube. Man musste aufpassen, dass man nicht hinunterfällt. Die Leute kamen zum Glockenspiel und standen bis zum Rand der Baugrube.
Die Innenstadt im Baustellen-Chaos – wie groß war der Ärger der Münchner damals?
Die Leute waren zwar ständig in Absperrungen eingepfercht, haben die Unannehmlichkeiten aber mit größter Entspanntheit ertragen. Es herrschte eine münchnerische Gelassenheit, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.
Die Vorfreude war also größer?
Ich erinnere mich noch, wie die Münchner sonntags über die Baustelle am Olympiagelände spaziert sind. Alte Mütterl mit Stock, Frauen mit Kinderwagen. Die Leute haben einfach Bretter aus den Zäunen gebrochen und sind durch die Absperrungen gegangen. Alle wollten sehen, was dort gebaut wird.
Und das hat niemanden gestört?
Montags wurden die Bretter wieder hingenagelt, am nächsten Sonntag wieder abgerissen...
Was ist Ihnen sonst noch besonders in Erinnerung geblieben?
Eine große Kuriosität war die Stachusbrücke. Eine Holzbrücke, die damals von der Bayerstraße bis zum Karlstor über eine große Baugrube führte.
Kurios – inwiefern?
Zuerst haben sich die Leute über das Ungetüm aufgeregt, dann hat sich etwas typisch Münchnerisches ergeben: Die Brücke wurde zu so etwas wie heute der Gärtnerplatz, abends haben sich dort die Leute getroffen. Sie haben die Brücke so lieb gewonnen, dass es nach einem Jahr, als die Baustelle fertig war und der Abriss der Brücke anstand, Proteste gab.
Die Münchner wollten die Brücke behalten?
Sie haben sogar gefordert, dass die Brücke unter Denkmalschutz gestellt wird. Das U-Bahn-Referat hat die Brücke dann noch ein halbes Jahr stehen lassen, obwohl sie nicht mehr gebraucht wurde.
Sie haben den Bau der U-Bahn hautnah begleitet. Gab es auch Probleme?
Im Februar ‘69 gab es ein großes Unglück in der unterirdischen Baustelle am Marienhof. Dort kam es zu einem Brand, dabei sind drei Leute umgekommen.
Heute gibt es ganz andere Sicherheitsvorschriften, man braucht für alles Genehmigungen. War das damals einfacher?
Beim Brand hat mich niemand gehindert, einfach die Leiter hinunterzugehen und dabei zu sein. Einen Helm hatte ich natürlich auf. Aber auch insgesamt konnte man ohne Probleme überall hin. Trotz Baustelle konnte ich beispielsweise mit meinem VW Käfer bis zum Rathaus fahren. Es war zwar verboten, dort zu stehen, aber es hat sich niemand aufgeregt.
Sechs Jahre dauerte die Bauzeit. Wie kam die technische Innovation dann bei den Münchnern an?
Zuerst war es alles ungewohnt, der Einlass zur U-Bahn war auch sehr kompliziert geregelt. Es gab Balken, die auf und zu gegangen sind, die Leute haben sich darin verheddert. Ein paar Tage durften alle umsonst fahren, um sich daran zu gewöhnen. Aber: Mit der U-Bahn war man plötzlich viel schneller als mit der Tram.
Erinnern Sie sich an Ihre erste U-Bahn-Fahrt?
Ich war schon sehr früh bei einer Vibrationskontrolle dabei. Wir sind mit einem provisorischen Spezialwagen gefahren und haben getestet, ob die Fenster klirren oder Türen wackeln.

Die U-Bahn in München feiert Geburtstag: Alle Zahlen und Fakten, was zum Jubiläum geplant ist und welche Projekte in Zukunft anstehen...

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