Wirecard-Skandal

„Dort arbeiteten nicht 5700 Kriminelle“ - Münchner Wirecard-Mitarbeiter packt aus

Jörn Leogrande vor dem Firmengebaude der Wirecard AG.
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Ex-Wirecard-Mitarbeiter Jörn Leogrande rechnet in „Bad Company“ mit der Skandal-Firma ab.
  • Sebastian Obermeir
    VonSebastian Obermeir
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Verschwundene Milliarden, Vorstandsmitglieder auf der Flucht: Münchner Wirecard-Mitarbeiter packt aus

Jörn Leogrande war 15 Jahre bei der Wirecard AG tätig. Dann kam der große Börsenskandal. Der Chef der Firma, Markus Braun, sitzt in Untersuchungshaft, die Nummer 2, Jan Marsalek, gehört zu den meistgesuchten Personen der Welt. In seinem Buch „Bad Company“ gibt Leogrande Einblick, wie es so weit kommen konnte und wie es sich anfühlte, als leitender Marketingmitarbeiter im Skandal-Unternehmen zu arbeiten. Hallo hat ihn gesprochen. 

Herr Leogrande, im Zentrum des Wirecard-Skandals steht Jan Marsalek, einer Ihrer ehemaligen Chefs. Hätten Sie ihm all das, was nach und nach ans Licht zu kommen scheint, zugetraut?
Für mich war Jan ein sehr smarter, intelligenter Typ. Aber er wollte nie wirklich ins Operative gehen. Das steht im Widerspruch zu dem heutigen Bild von Jan in den Medien. Hier wird er häufig als omnipräsenter Superschurke dargestellt, der in Libyen Milizen kontrolliert, mit unterschiedlichen Geheimdiensten kooperiert und gleichzeitig noch einen Dax-Konzern ausraubt. Dass er jetzt auf diese Art und Weise als Bösewicht stilisiert wird, gefällt ihm im Grunde sogar, glaube ich.
Ist er bloß der Sündenbock?
Einige der Leute, die mittlerweile im Visier der Staatsanwaltschaft sind, wälzen tatsächlich die ganze Schuld auf Jan Marsalek ab. Ich halte es jedoch für unwahrscheinlich, dass ein Einzelner das so durchziehen könnte.
Wo er steckt, wissen Sie natürlich nicht, oder?
Nein. Ich habe keine Ahnung.
Welches Gefühl hatten Sie, als der Skandal öffentlich wurde?
Wenn man länger für die Wirecard gearbeitet hat, dann hat man schon gedacht, dass es auch Türen gibt, die man lieber nicht öffnet. Wir haben zwar Fragen gestellt, aber nie befriedigende Antworten bekommen. Die Wucht dieses Skandals kam aber völlig überraschend und hat alle Mitarbeiter, mit denen ich gesprochen habe, bis ins Mark erschüttert.
Fühlten Sie sich ausgenutzt?
Die Mitarbeiter waren im Prinzip nur die Staffage für dieses Geschäft. Und das finde ich schade. Denn was die Wirecard wirklich hatte, waren Mitarbeiter, die für die Firma gebrannt haben. Da saß der Schock umso tiefer. Der Großteil meiner Identität war bei Wirecard. Ich war dauernd am Handy, war erreichbar, wenn Markus Braun oder Jan Marsalek etwas wollten, bin ich gesprungen.
Plagen Sie Schuldgefühle?
Zuerst möchte ich klarstellen: Ich habe keine illegalen Transaktionen getätigt, ich habe nichts von den Vorkommnissen oder den fehlenden Konten gewusst. Da trifft mich keine Schuld. Was ich mir aber vorwerfe: Dass ich intensiver hätte nachfragen müssen. Mich nicht hätte abspeisen lassen dürfen. Aber es gab auch keine Offenheit. Man sagt Markus Braun als CEO nicht: Erzähl doch mal, wo die Umsätze her sind.
Zumal die Bilanzen eigentlich geprüft waren.
Genau. Bis 2018 gab es einen testierten Jahresabschluss. Für uns Mitarbeiter hieß das genau wie für andere, dass der Umsatz und der Gewinn des Konzerns von hochprofessionellen Wirtschaftsprüfern abgesegnet wurde.
Konnte das Zweifel beseitigen?
Je höher der Aktienwert stieg, desto stärker war die Unsicherheit in mir geworden. Ist das wirklich möglich? Diese Geschwindigkeit. Ein Wachstumsentwicklung wie mit dem Lineal gezeichnet. Das kam mir schon ein bisschen merkwürdig vor. Ich habe nie eine Aktie gehabt und habe auch nie jemandem eine empfohlen. Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, die zur Wirecard wechseln wollten. Es wollten ja viele dabei sein, und in meiner Erinnerung habe ich auch immer ein bisschen Vorbehalte geäußert.
Da passt es umso mehr, dass Sie im Buch über Ihre Anfänge bei der Wirecard vermehrt in der Wir-Form schreiben. Je näher aber das Jahr 2020 rückt, desto distanzierter wirkt es.
Als ich 2005 angefangen habe, hat man jeden gekannt. Dann wurde das Unternehmen immer größer. Natürlich wurde es damit auch abstrakter und das Wir-Gefühl nahm ab. Die Identifikation der Mitarbeiter war aber immer noch sehr hoch. Man wollte Teil dieser Erfolgsgeschichte sein.
Sie haben sich 2017 zwar nach anderen Jobs umgesehen. Schlussendlich sind Sie aber geblieben.
Die Angebote, die ich damals bekommen hatte, waren im Grunde alle nicht perfekt. Und ohne unmittelbaren Druck war der Anreiz nicht groß genug für den Wechsel. Heute sehe ich das natürlich anders.
Soll das Buch jetzt einen Abschluss bilden?
Gewissermaßen. Dazu kommt, dass die Medien lediglich eine Außensicht bieten können. Ich wollte zeigen, wie es ist, in so einem Unternehmen zu arbeiten. Ich war 15 Jahre dort und wollte nicht, dass davon nichts übrig bleibt. Außerdem wollte ich eine Lanze brechen für die Mitarbeiter. Das waren nicht 5700 Kriminelle, sondern zum großen Teil hochspezialisierte Profis für das Wachstumsthema Zahlungsabwicklung.

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