Münchens Möglich-Macherin

Zum Internationalen Frauentag: Die Vorsitzende vom Verein für Fraueninteressen im Hallo-Interview

Inga Fischer ist Vorsitzende des Münchner Vereins für Fraueninteressen.
+
Inga Fischer ist Vorsitzende des Münchner Vereins für Fraueninteressen.
  • Romy Ebert-Adeikis
    vonRomy Ebert-Adeikis
    schließen

Am 8 März ist der Internationale Frauentag. Im Hallo-Interview spricht die Vorsitzende vom Verein für Fraueninteressen über die Gleichstellung und Unterstützung von Münchner Frauen.

Wer sich für Fraueninteressen einsetzt, gilt schnell als Revoluzzerin, die eine männliche Vorherrschaft stürzen will. Inga Fischer setzt eher auf Ausgleich: „Mir geht es ums Miteinander, nicht ums Gegeneinander“, sagt die 52-Jährige aus Kirchtrudering. „Aber wenn wir Frauen stärken, haben wir auch einen starken Zusammenhalt in der Gesellschaft“, so die Wahlmünchnerin.

Seit Dezember ist die Mutter zweier Kinder Vorsitzende des Vereins für Fraueninteressen und tritt damit in historischen Fußstapfen: Gegründet wurde die Gemeinschaft Münchner Frauen vor über 125 Jahren unter anderem von Anita Augsppurg.

Wo es in Sachen Gleichstellung hakt und wie ihr Verein Münchner Frauen Unterstützung bietet, erklärt Fischer anlässlich des Frauentags am Montag, 8. März, im Hallo-Interview.

Inga Fischer (52), Vorsitzende des Vereins für Fraueninteressen, von A bis Z

Anita Augspurg war 1894 Mitgründerin unseres Vereins. Viele namhaften Münchnerinnen machten sich in unserem Verein für Fraueninteressen stark: Ika Freudenberg, Luise Kiesselbach, Hildegard Kronawitter.

Beitrag leisten: Mit den 14 Einrichtungen unseres Vereins wollen wir einen Beitrag zu einem guten gesellschaftlichen Miteinander leisten – überall da, wo Bedarf besteht. 

Corona macht wie unter einem Brennglas Missstände sichtbarer. Man denkt, Home-Office hilft, Beruf und Familie zusammenzubringen. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Das ist Augenwischerei. Im Home-Office verschwimmt die Erwerbsarbeit mit der unbezahlten Care-Arbeit. Die fehlende Trennung macht es noch schwieriger.

Druck: Die Erwartungen an Frauen sind in unserer Gesellschaft extrem hoch – scheinbar haben sie alle Möglichkeiten. Diese nicht zu nutzen, wird als Versagen empfunden.

Equal Pay: In Sachen gleicher Bezahlung liegt Deutschland in Europa ziemlich weit hinten. Aktuell verdienen Frauen 19 Prozent weniger als Männer. Das ist so, als ob Frauen bis zum 10. März unentgeltlich arbeiten würden. Im März machen wir darauf mit unserem Münchner Aktionsbündnis aufmerksam. Die Tram „Nächster Halt Equal Pay“ fährt durch München, es gibt einen eigenen Song und Social-Media-Aktionen.

Feministin: Klingt so kämpferisch! Ich bin eine Mut- und Möglich-Macherin. 

Gleichberechtigung ist in Deutschland schon recht gut vorangeschritten, Männer und Frauen haben die gleichen Rechte. Aber nicht die gleichen Möglichkeiten. Bis zu einer echten Gleichstellung ist darum noch ein weiter Weg zu gehen.

Haus: Früher saß unser Verein im Lehel, seit September sind wir nun im Altheimer Eck in der Altstadt. Nach Corona wollen wir die Nachbarschaft definitiv zu einem Tag der offenen Tür einladen.

Internationaler Frauentag am 8. März: Begehen wir mit dem Verein nur informell – wir stoßen auf uns Frauen an. 

Juno ist unser zweitjüngstes Projekt. Seit 2016 geben wir geflüchteten Frauen eine Stimme und bieten ein breites Integrationsangebot.

Kioske: Zwischen 1928 und 1936 hat der Verein für Fraueninteressen in München vier Milchkioske betrieben. Mit diesen wurde die sogenannte Mittelstandshilfe finanziert.

Luise Kiesselbach: Eine tolle Frau, die sich für die Anerkennung sozialer Berufe stark gemacht hat und lange unsere Vereinsvorsitzende war. Und, was sie auch mit mir verbindet: Sie lehnte jedweden Personenkult ab. Sie hätte wohl kein Denkmal gewollt. Und wenn, dann dort, wo sie mit anderen Frauen zusammen gewirkt hat – etwa an der Brienner Straße. 

Mitglieder haben wir aktuell circa 270, darunter auch zwei Männer. Dazu kommen 75 Mitarbeiterinnen und über 700 Ehrenamtliche.

Neuer Start ist ein Bildungsangebot für Frauen, die wieder in den Beruf einsteigen und sich neu orientieren wollen. Dieses gibt es seit 40 Jahren. Die Herausforderungen haben sich seitdem kaum geändert. Über „Neuer Start“ bin auch ich 2007 zum Verein gekommen.

Öffentliche Ämter: Seit 2014 gehören wir dem Aktionsbündnis Parité, das sich für eine paritätische Vertretung von Frauen und Männern in der Politik einsetzt. Unsere Wahlprüfbeschwerde wurde kürzlich vom Bundesverfassungsgericht abgelehnt. Jetzt kämpfen wir erst recht weiter.

Partner: Die Stadt München ist unser Hauptzuschussgeber. Fast alle Angebote werden von ihr gefördert, einige sind sogar auf ihren Wunsch entstanden. Wir realisieren, wozu die Stadt nicht immer die Möglichkeiten hat.

Quote: Wir sind absolut für eine Frauenquote in Unternehmensvorständen. Es hat sich gezeigt, dass ohne keine Gleichberechtigung zustandekommt.

Radikalität braucht man zum Durchsetzen von Fraueninteressen insofern, dass man immer dranbleiben muss.

Sichtbar starke Frauen: Meine Devise für dieses Jahr ist es, den Verein für Fraueninteressen und unsere Arbeit noch sichtbarer zu machen. 

Tausendsassa: Neben meiner Tätigkeit als Vereinsvorsitzende leite ich die Programme „Neuer Start“ sowie „Zu Hause Gesund Werden“ und engagiere mich zudem bei einer Einrichtung der Pfennigparade in meiner Nachbarschaft.

Unmöglich finde ich, wie wenig Anerkennung, nicht nur finanziell, Care-Berufe erhalten, obwohl sie so wichtig sind.

Vorsitzende des Vereins für Fraueninteressen bin ich seit Dezember. Ich habe kandidiert, um frischen Wind reinzubringen. 

Wahl: Frauen haben nur scheinbar die Wahl, alles zu tun, was sie wollen. Vielen ist ein selbstbestimmtes Leben wegen äußerer Umstände und persönlichen Hemmnisse nicht möglich – hier setzen unsere Angebote an.

Xtrem motivierend finde ich meine Arbeit. Weil es so befriedigend ist, anderen etwas möglich zu machen.

Yoga mache ich nicht. Für mich ist es schwer, zur Ruhe zu kommen. Aber dafür schlafe ich viel, bewege mich an der frischen Luft und singe im Chor.

Zu Hause Gesund Werden ist ein häuslicher Betreuungsdienst für kranke und genesende Kinder, deren Eltern etwa arbeiten müssen. Dafür haben wir 60 Helfer.

Romy Ebert-Adeikis

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Gerd Baumann: „Heimat ist ein Label, das aufgestülpt wird“
Gerd Baumann: „Heimat ist ein Label, das aufgestülpt wird“
Mario Barth: „Ich frage mich, wann ich Vater werde...“
Mario Barth: „Ich frage mich, wann ich Vater werde...“
Abschied vom Theater? „Für mich unvorstellbar“ - Neue „Rosenheim Cops“-Kommissarin Vanessa Eckart im Interview
Abschied vom Theater? „Für mich unvorstellbar“ - Neue „Rosenheim Cops“-Kommissarin Vanessa Eckart im Interview

Kommentare