Wiederwahl per Brief

„Noch immer nicht selbstverständlich“ - Hallo hat mit Münchens Behindertenbeauftragten gesprochen

Behindertenbeauftragter Oswald Utz
+
Oswald Utz will sich auch in seiner fünften Amtszeit für die Interessen der Münchner Behinderten einsetzen.

Oswald Utz ist zum fünften Mal zum Behindertenbeauftragten der Stadt München gewählt worden. Warum es für genügend zu tun gibt, verrät Utz im Gespräch mit Hallo ...

Er wohnt in Neuhausen, ist Vater von zwei Töchtern, seit über 30 Jahren Wahlmünchner und kann hier auf 16 Jahre Arbeit als Behindertenbeauftragter zurückblicken – und nach vorne: Jüngst wurde er via Briefwahl des Behindertenbeirats der Landeshauptstadt für seine fünfte vierjährige Amtszeit nominiert. Nur der Stadtrat muss noch zustimmen. Formsache.

Nicht nur, weil der 55-Jährige wegen seiner angeborenen Glasknochenkrankheit ständig auf den Rollstuhl angewiesen ist, sieht und erlebt er München auf ganz andere Weise – gerade jetzt unter Corona-Bedingungen. „Ich wünsche mir, dass trotz Schließungen und Einsparungen die Menschen mit Behinderung nicht vergessen werden“, so Utz. Wie sich der gebürtige Franke dafür einsetzt, dass Einkäufe, Mus­eums- oder Schulbesuche und vermeintlich simple Alltagssituationen für alle Menschen mit Behinderung in der Stadt selbstständig zu meistern sind, wann er wütend wird, was ihn am Denkmalschutz stört und warum jeder von seiner Arbeit profitiert, verrät er den Lesern von Hallo München hier von A bis Z.

Behindertenbeauftragter Oswald Utz (55) von A bis Z

Anschauen kann zum An­glotzen werden. Wer wie ich im Rollstuhl sitzt, kennt das. Es zeigt, wie wenig selbstverständlich eine Behinderung auch heute noch in der Gesellschaft ist.

Behindert zu sein, heißt nicht, krank zu sein. Krank ist man mit Schnupfen oder Husten. Beides geht wieder weg. Ich bin ein Mensch mit einer dauerhaften Beeinträchtigung. Aber das ist nur ein Merkmal meiner Person, ich bin mehr.

Cool ist es, einfach in den Tag hinein zu leben. Nicht immer einfach, denn es gibt für mich kein „schnell mal los“. Bevor ich das Haus in Richtung U-Bahn verlasse, schaue ich zum Beispiel, ob der Lift zu den Gleisen funktioniert.

Dumm ist für mich, wenn jemand glaubt, Barrieren baut man nur für einige wenige ab. Von Barrierefreiheit profitieren viele, nicht nur Menschen mit Handicap. Piktogramme helfen allen bei der schnellen Orientierung. 

Ehrliche Rückmeldungen sind mir lieber als unehrliche. Auch wenn eine ehrliche Antwort oft unbequem und hart ist, weiß ich, woran ich bei meinem Gegenüber bin.

Förderung für Menschen mit Behinderung ist gut, heißt aber, die Gesellschaft muss sich nicht damit befassen. Behinderte Menschen werden zu oft unsichtbar gemacht, lernen etwa in extra Werkstätten, extra Schulen, extra Förderprogrammen. 

Gescheitert bin ich im Studium. Ich habe es schweren Herzens abgebrochen, weil ich damals zu sehr auf die Hilfe anderer angewiesen war – etwa um in der Bibliothek Bücher auszuleihen oder Räume zu erreichen. 

Handicap: Menschen mit Handicap müssen es im Alltag leichter haben. Dass der Denkmalschutz einen Aufzug ablehnt und ein Kind im Rolli deshalb nicht seine Sprengelschule besuchen kann und von seinen Freunden getrennt wird, muss nicht sein. 

Inklusion ist mein Ziel. Ein Schulhaus für alle, damit körperlich und geistig Gesunde sowie Menschen mit Behinderung miteinander aufwachsen. Alle können voneinander lernen und profitieren.

Jahr: 2020 hat auch sein Gutes. Der Sommer war entspannt. Ich bin mit meiner Familie in der Stadt geblieben, habe München wiederentdeckt.

Kraft verliere ich nicht unnötig. Wenn ich einsehe, dass der Zug abgefahren ist, ist es vergebene Liebesmüh, weiter zu diskutieren. Beispiel: die barrierefreie Gestaltung der neuen Stammstrecke. Da hätte man mehr tun können, etwa mehr Aufzüge am Marienhof planen.

Labels: Man ist als Mensch mit Behinderung schnell gelabelt: Der ist Rollifahrer, das kann der nicht. Wenn erst einmal der Stempel sitzt, kommt man aus der Schublade nicht mehr raus. 

München macht Fortschritte. Dabei meine ich nicht nur abgesenkte Bordsteine. Es geht um Mitbestimmung. Münchens Verwaltung und Politik hat dafür offene Ohren. 

Niederflurbusse: Was habe ich dafür gekämpft. Jetzt gibt es sie – aber es können nicht genug sein. Für ältere Menschen, Mütter mit Kinderwagen. Für alle.

Offenheit ist das A und O der Gesellschaft. Ich bemühe mich, die Argumente meiner Gegenseite zu verstehen. Selbst, wenn ich ihre Ansichten nicht teile.

Politik: Ich versuche, meine Ideen als Behindertenbeauftragter im Stadtrat diplomatisch durchzubekommen.

Qual ist, dass man bei der Begegnung mit einem Menschen mit Behinderung defizitär denkt: Was kann der alles nicht? Bei Nicht-Behinderten heißt es: Was kannst Du am besten? Was macht Dir am meisten Spaß?

Richtigstellung: Nur zehn Prozent der behinderten Menschen werden mit ihrer Beeinträchtigung geboren. 90 Prozent aller Behinderungen werden erst im Leben erworben. Es kann also jeden treffen.

Solidarität wünsche ich mir unter Menschen mit Behinderung. Wir müssen homogener nach außen auftreten. Nicht jeweils als Blindenbund oder Bundesverband Hörgeschädigte oder MS-Gesellschaft allein. Wir benötigen alle Unterstützung. 

Traumberuf: Bis heute ist das für mich, ein Bauer zu werden. Meine Eltern waren Landwirte. Wenn ich könnte, wäre ich das auch.

Unausstehlich werde ich, wenn mein Rollstuhl nicht funktioniert. Er ist „meine Beine“. Es ist furchtbar, wenn der Motor streikt. Am liebsten würde ich dann so lange in der Werkstatt dabeibleiben, bis er repariert ist.

Vertrauen habe ich in meine beiden Töchter. Ich bin kein ängstlicher Papa, obwohl ich nicht unter dem Baum stehen kann, um sie aufzufangen, wenn sie fallen. Wenn sie zur Baumkrone klettern wollen, wissen sie: Papa kann nicht mal schnell helfen.

Wütend macht mich, wenn jemand vom „Vorteil“ einer Behinderung spricht: dem Behindertenausweis, dem Behindertenparkplatz. Es heißt aber tatsächlich ausdrücklich Nachteilsausgleich – oder will jemand meine Behinderung haben?

X-fach habe ich mir als Kind die Knochen gebrochen, denn meine Eltern haben mich nicht eingesperrt. Wenn sie mich wieder in die Klinik brachten, fragten die Ärzte schon: Und was hat der Oswald diesmal angestellt?

Y wie in Aktenzeichen XY: Es gibt viele ungelöste Fälle. Etwa: Wo wird in München in den nächsten Jahren aufgrund der Coronakrise gespart? Bitte nicht bei der Behindertenhilfe! 

Ziele: Ich möchte in dieser Stadt dazu beitragen, dass sich die Struktur so verändert, dass Menschen mit Behinderung problemlose Teilhabe am Geschehen möglich ist.

Marie-Julie Hlawica

Auch interessant:

Meistgelesen

„Tiere arbeiten halt nicht nach Drehplan“
„Tiere arbeiten halt nicht nach Drehplan“
Konstantin Wecker: „Denen geht es nicht um Freiheit für alle“
Konstantin Wecker: „Denen geht es nicht um Freiheit für alle“
Street-Art in der Museumsinsel: Banksy-Ausstellung in München
Street-Art in der Museumsinsel: Banksy-Ausstellung in München
Marisa Burger: "Wer sagt, er tratscht nicht, der schwindelt"
Marisa Burger: "Wer sagt, er tratscht nicht, der schwindelt"

Kommentare