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Cosy Pièro erhält den Kunstpreis der Stadt für ihr Engagement ‒ So prägte sie München in den 60ern und 70ern

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Von: Daniela Borsutzky

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Die Künstlerin und Bar-Betreiberin Cosy Pièro erhält den Kunstpreis der Stadt München für ihr Engagement.
Die Künstlerin und Bar-Betreiberin Cosy Pièro erhält den Kunstpreis der Stadt München für ihr Engagement. © Daniela Borsutzky

Ihre Devise: Leben und leben lassen. Einst betrieb die Künstlerin Cosy Pièro eine legendäre Bar in München ‒ jetzt erhält sie den Kunstpreis der Stadt für ihr Engagement.

Cosy Pièro hat nie beschlossen, einmal Künstlerin zu werden: „Man ist es halt einfach“, sagt die 85-Jährige. 1937 in Köln geboren, verließ sie mit 14 Jahren das Elternhaus, studierte später und kam in den 60er-Jahren nach München.

Dort betrieb sie bis in die 80er die Bar „Bei Cosy“, wo Künstler und queere Menschen zusammenkamen. Sie förderte die Szene ebenso in Häusern in Italien und Kroatien, in München brachte sie unter anderem im Atelierhaus „Werkstatt Brücke 7“ Kunstschaffende zusammen.

Jetzt wurde sie für den Kunstpreis der Stadt München 2022 ausgewählt. Dieser wird alle drei Jahre für ein herausragendes Gesamtwerk verliehen.

In der Begründung heißt es, der Preis „würdigt die Leistung einer einflussreichen Künstlerin und Person, die nie die institutionelle Beachtung erhalten hat, die sie verdient“. In Cosy Pièros Leben ist inzwischen mehr Ruhe eingekehrt.

Sie lebt zusammen mit Ehefrau Anne in Schwabing, die beim Gespräch mit Hallo mit in alten Zeiten schwelgte.

Kunstpreis der Stadt München für ihr Engagement - Die Künstlerin Cosy Pièro (85) im Portrait von A bis Z

Alleinerziehend war ich, da der Vater meines Sohnes Pièrre kurz vor der Geburt verunglückt ist. Er war Rennfahrer. 

Bar „Bei Cosy“: Für meinen Sohn musste ich tagsüber da sein. So ist der Gedanke einer Kneipe entstanden. Privat war ich zwar in vielen Frauen-Cliquen, wollte aber nie eine reine Frauen-Bar schaffen, sondern offen für alle sein. 

Community: Damals gab es noch kein Facebook oder so, es lief alles über Mundpropaganda. Erst mit dem Internet kam die Wendung.

Dragqueen: Das Wort gab es früher nicht, zu meiner Zeit hieß das einfach Transvestit. Bei mir sind sie aufgetreten, niemand musste sich verstecken. Leben und leben lassen war immer meine Devise.

Erinnerungen: Jeder Tag war ein Erlebnis (lacht). Langeweile kenne ich gar nicht. Mit 85 Jahren darf man aber auch ein bisschen vergessen. 

Frivol: In meinem ersten Lokal hatte ich meine eigenen Bilder an der Wand, die beschlagnahmt wurden und bis heute verschollen sind. Ich weiß nicht mehr, was drauf war. Vermutlich fand man sie anstößig, vielleicht waren Frauen mit drei Brüsten zu sehen –etwas aus heutiger Sicht total Harmloses. 

Gastronomin und Künstlerin war ich gleichzeitig. Für mich gehörte das immer zusammen. 

Hommage: Ein junger Künstler aus Amsterdam, der sich viel mit den 80ern beschäftigt, wurde auf mich aufmerksam. Für ein paar Tage hat er das „Cosy“ in Amsterdam wieder aufleben lassen. 

Inspiration aus dem Alltag kommt von überall. Ich suche sie nicht, sie fällt mir einfach zu. 

Jeder Mensch ein Kunstwerk. So hieß eine Aktion von mir im „Haus der Kunst“ im Jahr 2000. Jeder Besucher hat ein Band mit dem Satz bekommen. 

Kann ich nicht, gibt es nicht – das hat meine Mutter immer zu mir gesagt. Das hat sich in meinem Kopf so festgesetzt, dass ich es irgendwann geglaubt habe. Es funktioniert. 

Lieder habe ich zusammen mit einer Freundin komponiert und getextet. Abends bin ich dann selbst in der Bar aufgetreten, wenn keine anderen Shows waren. Die Gäste mussten schließlich unterhalten werden.  

Materialien: Am liebsten arbeite ich mit Papier, weil man sehr viel damit machen kann. 

Name: Wie ich auf meinen Künstlernamen gekommen bin, weiß ich gar nicht mehr. Das fiel mit der Eröffnung der Bar zusammen. Geboren wurde ich als Christina Conscience. Mein Urururgroßvater war der flämische Freiheitsdichter Hendrik Conscience.  

Ohne Stift kennt man mich nicht. Ständig musste ich meine Gedanken aufzeichnen, habe geschrieben, gekritzelt oder Skizzen angefertigt.

Preis: Er ist etwas sehr Besonderes und ich fühle mich sehr geehrt. Die offizielle Feier im Oktober steht noch an. 

Queer ist für mich ein offener Begriff. Heute hat jeder mit einer sexuellen oder geistigen Veranlagung eine eigene Bezeichnung. 

Rausch ist eine explosive Gefühlswallung, die mit unterschiedlichen Reizen verbunden ist. Sei es Alkohol, Lust oder etwas anderes. Inzwischen schmeckt mir Alkohol nicht mehr. Heute trinke ich lieber Kaffee und Apfelsaft.  

Sechziger- und Siebziger Jahre: Ich denke bei dieser Zeit an die Frauenbewegung zurück, die einiges erreicht hat.

Treffpunkte: Zum Glück braucht sich heute keiner mehr verstecken. Früher trafen wir uns im ersten Frauenbuchladen Münchens.

U-Bahnhof Brudermühlstraße: An der Gleiswand hängen meine beiden Figuren aus Metallblech – eine Gold, eine Silber, die sich gegenüberstehen. 

Videokunst habe ich eher weniger gemacht. Das überlasse ich der jüngeren Generation und bleibe bei Papier und Stift. 

Weinfässer haben in meiner Bar als Tische oder Stühle gedient, Theken habe ich selbst gebaut. So hat die Einrichtung einen gewissen Charme bekommen. 

Xylophon: Das war das erste Instrument meines Sohnes, heute kann er alles. Ich wollte mal Gitarre lernen, daraus wurde dann aber doch nichts. 

Yuppies: Sie lösten mit Anzug und Krawatte die Hippies ab und strebten Höherem entgegen. Die waren aber auch „Bei Cosy“, jeder war willkommen. 

Zukunft: Ich wünsche mir, weiterhin zufrieden zu bleiben. Ich kann nicht jammern. Rückblickend würde ich nichts anders machen. 

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