Schwitzen oder Viren?

München: Darf man trotz Corona die Klimaanlage im Büro einschalten? Experte erklärt, worauf man achten muss

Professor Martin Renner von der Hochschule München.
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Professor Martin Renner von der Hochschule München.

Der Sommer ist in München angekommen. Doch kann man in Zeiten von Corona die Klimaanlage anschalten? Hallo hat mit Professor Martin Renner darüber gesprochen.

  • Der Sommer ist in München angekommen
  • Doch kann man in Zeiten von Corona gefahrlos die Klimaanlage einschalten?
  • Professor Martin Renner im Interview

München - Der Sommer ist in Münchens Büros angekommen. Doch kann man in Zeiten der Corona-Pandemie gefahrlos die Klimaanlage einschalten? Darüber hat Hallo mit Professor Martin Renner – der an der Hochschule München die Themengebiete Strömungsmaschinen, Lüftungs- und Klimatechnik sowie technische Akustik lehrt – gesprochen.

Martin Renner von der Hochschule München im Interview: Infektionsrisiko ist mit Klimaanlage geringer als ohne

Herr Professor Renner, sind Klimaanlagen Virenschleudern?

Ganz klar nein. Klimaanlagen sind nicht die Ursache des Problems, sondern Teil der Lösung – vorausgesetzt, sie sind in einem entsprechend einwandfreien Zustand.

Wie können die Anlagen zum Infektionsschutz beitragen?

Durch Lüften, Filtern und Kontrolle der Luftfeuchtigkeit. Die Außenluft ist unbelastet, weil sich Aerosole dort gut verteilen können. Klimaanlagen saugen diese frische Außenluft in den Raum und schaffen die verbrauchte, belastete Innenluft nach draußen. So können sich die Aerosole im Raum nicht anreichern und das Infektionsrisiko ist gering – auf jeden Fall deutlich geringer als in einem Raum ohne Klimaanlage.

Reicht es für den Luftaustausch nicht aus, regelmäßig die Fenster zu öffnen?

Der Austausch selbst findet auch so statt. Aber Fenster haben keine Filter, Klimaanlagen dagegen schon. Nehmen wir ein banales Beispiel: Ein Staubsauger funktioniert auch ohne Filter, trotzdem ist mit Filter immer besser als ohne.

Wäre es dann sogar kontraproduktiv, Fenster zu öffnen, wenn auch eine Klimaanlage in Betrieb ist?

Wenn die Anlage korrekt ausgelegt ist, braucht man keine Fenster zu öffnen. In einem Großraumbüro zum Beispiel sollte die Luft mindestens zweimal pro Stunde über die Anlage ausgetauscht werden. Wenn das erfolgt, ist Fensterlüftung nicht nötig. Anders ist es beispielsweise bei Anlagen, die später nachgerüstet wurden und für die jeweiligen Räume unterdimensioniert sind. Da empfiehlt es sich, gelegentlich zusätzlich zu lüften.

Martin Renner von der Hochschule München im Interview: Luftfeuchtigkeit im Raum ist ebenfalls wichtig

Worauf kommt es sonst noch an?

Auf die Luftfeuchtigkeit im Raum. Auch diese sollte kontrolliert und über Luftbefeuchter reguliert werden. Es ist erwiesen, dass das Infektionsrisiko bei Viren wie der normalen Grippe bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von 40 bis 50 Prozent am geringsten ist. Auch das spricht für entsprechend ausgestattete Klimaanlagen – vor allem in der Heizperiode von Oktober bis Mai, da liegt die Luftfeuchtigkeit in den Räumen bei uns meist deutlich darunter.

Werden Klimaanlagen regelmäßig kontrolliert?

Ja. Nach Vorgaben des Vereins Deutscher Ingenieure müssen die allermeisten Anlagen alle zwei bis drei Jahre im Rahmen einer hygienischen Kontrolle geprüft werden. Außerdem müssen die Eigentümer oder Betreiber für die Wartung sorgen. Filter sollten mindestens einmal jährlich gewechselt werden.

Martin Renner von der Hochschule München im Interview: Umluftkanäle bieten Gefahr

Was sollten Eigentümer und Nutzer gerade jetzt beachten?

Wenn möglich, sollte der Volumenstrom der Außenluft erhöht werden. Eingebaute Filter sollten geprüft und gegebenenfalls durch feinere ersetzt werden. Betriebszeiten zum Beispiel in Büroräumen sollten so eingestellt werden, dass die Anlage deutlich vor Arbeitsbeginn startet und erst deutlich danach endet.

Wo lauern Gefahren?

Umluftkanäle, die die angesaugte Raumluft nicht ganz nach draußen befördern, sondern zum Teil wieder in den Luftstrom einführen, sollte man schließen und auf keinen Fall mehr nutzen. Oder man rüstet sie mit Filtern nach, wie es die Firma Tönnies jetzt angekündigt hat. Man muss nämlich klarstellen: Bei den fleischverarbeitenden Betrieben handelt es sich in der Regel nicht um Klimaanlagen, sondern um Luftkühler. Die bringen vor allem die Temperatur nach unten, arbeiten aber ohne Filter.

Was sagen Sie zu Versuchen, bei denen Desinfektionsmittel über Lüftungssysteme in Räumen verteilt werden, zum Beispiel im Berliner Ensemble?

Dazu sage ich lieber noch nichts. Das ist noch zu wenig erprobt.

Ursula Löschau

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