„Wahlkampf? Das ist mir zu kriegerisch...“

Comedian Ingo Appelt über den Wahlkampf, Limits und bayerische Streitkultur im Hallo-Interview

Seit 35 Jahren SPD-Mitglied: Komiker Ingo Appelt.
+
Seit 35 Jahren SPD-Mitglied: Komiker Ingo Appelt.
  • Sebastian Obermeir
    VonSebastian Obermeir
    schließen

Ingo Appelt provoziert gerne auf der Bühne. In Hallo spricht der deutsche Comedian über Corona-Auftritte, Wutbürger und warum er die SPD heuer nicht beim Wahlkampf unterstützt.

Tabus? Für den Ingo Appelt von früher ein Fremdwort – mit dem „F-Wort“ hat er die deutsche Comedy erobert. Auch heute provoziert er noch gern, doch die Jeder-Gegen-Jeden-Rhetorik der Politik geht ihm zu weit. Ein Gespräch über bayerische Streitkultur, seine SPD-Mitgliedschaft, den Erfolg der CSU und den allerschlimmsten Leberkäse...

Haben Sie sich nach der Corona-Pause und ungewohnten Auftritten im Autokino auf der Bühne wieder eingegroovt, Herr Appelt?

Noch nicht richtig, weil es nicht der routinierte Ablauf ist wie in den letzten 20 Jahren. Aber ich hab ja meine Spielfreude. Andere meckern. Helge Schneider zum Beispiel. Der hat 900 Leute dastehen und spielt nicht, weil es ihm zu blöde ist. Da habe ich eine ganz andere Einstellung. Das Autokino war übrigens heftig. „Ich muss mit Ihnen über Ihre Hupen reden“, das ist ein Satz, den kann man anderswo nicht so bringen.

Wie sind denn Ihre Erfahrungen mit den Münchnern?

In Minga hab ich meine Karriere begonnen. 1992, erstes großes Gastspiel, Ingo Appelt im Hinterhoftheater. Schon damals habe ich nach der Vorstellung mit dem Publikum geredet. Die Leute sitzen dann da mit ihren Bierkrügen und meinen: „Sehn’s, des mit dem Papst, des kann ma so fei nit macha.“ Und der andere sagt: „Na, genauso muss des sein!“ Ich mag diese Streitkultur und provoziere gern.

Mit Provokation sind Sie schließlich berühmt geworden. Gibt es für Sie Limits?

Früher konnte ich ins Fernsehen, ohne dass man den Text sehen wollte. Sechs, sieben Millionen Zuschauer Samstagabend live. Heute ist das anders, verkopfter. Aber ich bin da trotzdem relativ frei. Auf der Bühne hau ich raus. Sie wissen ja bestimmt, wie’s im SM-Swingerclub so läuft. Dort gibt’s zwar auch Regeln, es wird ausgemacht, was geht, was nicht, aber man hat seinen Spielraum. So ähnlich ist das bei den Auftritten auch.

Dass jemand beleidigt aufsteht und geht, davor haben Sie keine Angst?

Das kommt fast nie vor. Nur einmal in Franken, wo ich auch aufgewachsen bin. Da ging eine Lady. Aber ich lasse mich auch ausbuhen und auspfeifen. Ich mach also Aggressionsbewältigung.

Inwiefern?

Ich nenne es immer „Betreutes Hassen mit Ingo Appelt“. Die Wut der Leute muss kanalisiert werden. Auf Pizza-Leberkäs zum Beispiel. Ich sterbe lieber und verwese, doch ich esse keinen Pizza-Leberkäse. Da schimpfen die Leute dann. Den kultivierten Wutbürger rauslassen, dann geht’s einem besser.

Die kathartische Wirkung des Motzens.

Aber nicht nur. Am liebsten würde ich meinen Job im Auftrag der Bundesregierung machen. So eine Art Bundespräsident der deutschen Unterhaltung. Ich rede auch mit den Leuten: Was wollt ihr eigentlich? Immer haben alle eine große Fresse, aber bei einer Partei sind sie alle nicht. Der ADAC hat 21 Millionen Mitglieder und die SPD hat 400 000. Da stimmt doch was nicht. Da schimpfe ich.

Sie sind selbst bei der SPD und haben die Partei in der Vergangenheit bei Wahlkämpfen unterstützt. Warum denn nicht heuer?

Mich hat keiner gefragt. Ich hab es dem Scholz angeboten. Wir kennen uns ein bisschen, weil wir einen gemeinsamen Bekannten hatten. Aber es kam nichts.

Vielleicht weil so Sätze wie „Die SPD kann ruhig sterben“ von Ihnen zu lesen waren?

Das war vor fünf Jahren. Ich hab schon mal für den Parteivorstand gespielt, die kennen mich. Das ist mein nihilistischer Umgang mit der SPD. Ich mach das Licht aus, sage ich immer.

Aber Politiker werden Sie nicht?

Die politische Arbeit an sich mag ich nicht. Es wird gestritten, angepisst. Ich mag schon allein die politische Rhetorik nicht. Zu akademisch, zu kampforientiert. Das Wort Wahlkampf zum Beispiel – Krieg, Krieg, alle sind gegeneinander.

Statt zusammenzuarbeiten.

Die CDU/CSU ist ein gutes Beispiel: Die CSU ist immer gegen alle, deswegen sind die auch so erfolgreich. Das Schöne in Bayern ist: Wenn man den Laschet will, wählt man die CSU. Hasst man ihn, wählt man den Söder.

In Ihren Programmen können Frauen und Männer oft nicht miteinander.

Ich bin auch für das Matriarchat, weil es unter Umständen friedlicher werden könnte. Wenn ich nicht kämpfe, bin ich kein Mann. Auch Beziehungen werden immer konkurrenzorientierter. Sie will arbeiten, er will arbeiten. Wer kümmert sich um die Kinder, wer macht mehr? Und die Frauen haben die Kinder und er sagt: Ich hab das Haus. Uah, da könnte ich... Deswegen sage ich ja immer: Man sollte sich erst scheiden lassen und dann heiraten. Dann weißte nämlich wie’s geht.

Gewinnen Sie Karten für Ingo Appelt in München

ZUR PERSON

Auf einer Veranstaltung der IG Metall begann die Comedy-Karriere für Ingo Appelt. Also gelte sich der gelernte Maschinenschlosser die Haare zur Mephisto-Frisur in die Stirn und legte dann im Quatsch Comedy Club so richtig los.

Dem TV-Sender ProSieben ging es irgendwann zu weit und man setzte die Ingo Appelt Show im Jahr 2000 wegen „geschmacklicher Entgleisungen“ ab – nach einer kurzen Pause war Appelt aber schnell zurück: im Fernsehen und auf der Bühne mit verschiedenen Programmen.

Heute lebt der 54-Jährige, der in Essen geboren und in Würzburg aufgewachsen ist, mit seiner Frau in Berlin.

Auch interessant:

Meistgelesen

Silja Schrank-Steinberg: Hofbräukeller-Chefin über Corona, Familie & die Wirtshaus-Wiesn 
INTERVIEWS
Silja Schrank-Steinberg: Hofbräukeller-Chefin über Corona, Familie & die Wirtshaus-Wiesn 
Silja Schrank-Steinberg: Hofbräukeller-Chefin über Corona, Familie & die Wirtshaus-Wiesn 
„Tiere arbeiten halt nicht nach Drehplan“
INTERVIEWS
„Tiere arbeiten halt nicht nach Drehplan“
„Tiere arbeiten halt nicht nach Drehplan“
Marisa Burger: "Wer sagt, er tratscht nicht, der schwindelt"
INTERVIEWS
Marisa Burger: "Wer sagt, er tratscht nicht, der schwindelt"
Marisa Burger: "Wer sagt, er tratscht nicht, der schwindelt"
Bernd Schreiber – Der Herr über 45 Schlösser
INTERVIEWS
Bernd Schreiber – Der Herr über 45 Schlösser
Bernd Schreiber – Der Herr über 45 Schlösser

Kommentare