Generalvikar Christoph Klingan im Interview mit Hallo München

„Christen dürfen immer Hoffnung haben“

Generalvikar Christoph Klingan
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Generalvikar Christoph Klingan

Ob Kinder- oder Christmette: Die Kirche zu besuchen, ist für viele Christen fester Bestandteil der Feiertage. Zu Ostern waren keine öffentlichen Gottesdienste erlaubt – nun nur unter strengen Auflagen. Wie die Weihnachtsbotschaft auch unter diesen Bedingungen die Menschen erreichen kann, ob es in der Krise zur Rückbesinnung kommt und wie er die digitalen Angebote für die Zukunft der Kirche einordnet, erklärt Christoph Klingan, Generalvikar im Erzbistum München und Freising, im Gespräch mit Hallo München. 

Herr Generalvikar, wenn Sie auf 2020 zurückblicken – wie fällt Ihr Resümee für dieses Jahr für die Kirche in München aus?
Wir haben, wie die gesamte Stadtgesellschaft und alle Menschen in unserem Land, ein außergewöhnliches Jahr mit besonderen Herausforderungen hinter uns. Positiv habe ich in dieser Krise wahrgenommen, dass es sehr viel Gemeinsinn und solidarisches Handeln gab und gibt. Die Corona-Pandemie hat auch das kirchliche Leben sehr stark beeinflusst. Zu Ostern, dem größten Fest für uns Christen, keine öffentlichen Gottesdienste feiern zu können, gab es noch nie und war bitter für uns, auch wenn die Gründe verständlich waren.
Auch ein harter Einschnitt: An Heiligabend soll es keine Ausnahme der Ausgangssperre geben.
Das trifft uns sehr, dass aufgrund der Ausgangssperre am Heiligen Abend auch alle Kirchenbesucher um 21Uhr daheim sein müssen. Vorverlegte Christmetten am frühen Abend oder später ohne Mitfeiernde in der Kirche sind nicht das, was wir uns gewünscht haben.
Welchen Eindruck haben Sie: Kommt es in der Krise zur Rückbesinnung, zum Versuch, Zuflucht im Glauben zu finden?
Ich denke schon, dass die Menschen sich in einer solchen Situation ganz zwangsläufig fragen: Was ist wirklich wichtig, worauf kann ich auch in schweren Zeiten „bauen“, was gibt Kraft und Hoffnung? Und da ist unsere christliche Botschaft unschlagbar, meine ich. Als Christen dürfen wir immer Hoffnung haben, auch in schwierigen Phasen.
Gab es eine Resonanz von Münchner Gemeinden über „Rückkehrer“ oder neue Mitglieder?
Verlässlich lässt sich dazu sicher erst in ein paar Monaten etwas sagen. Aber schon jetzt können wir feststellen, dass die teilweise neuen Formen, die entwickelt wurden, um mit den Menschen trotz der Beschränkungen in Kontakt zu bleiben, auf eine positive Resonanz stoßen.
Weihbischof Bernhard Haßlberger hat von einem besonderen Advent gesprochen, einer Chance, um die elementaren Formen wiederzuentdecken. Ist das geglückt?
Ja, dieser Advent war schon „staader“ als sonst. Ich nehme wahr, dass viele derzeit sehr nachdenklich sind und die normalerweise hektische Vorweihnachtszeit entschleunigt ist. Das Gemeinsame in der Familie pflegen, sich einmal Zeit zu nehmen für bestimmte Dinge, die sonst in der Hektik des Alltags oft schnell-schnell geschehen müssen – das alles sind sicher Aspekte, die uns näher zu dem hinführen, was der Advent eigentlich sein sollte: eine Zeit des Innehaltens und der Neuausrichtung.
Der ökumenische Freiluft-Gottesdienst im Englischen Garten wurde abgesagt. Wie kann die Kirche die Weihnachtsbotschaft trotzdem zu den Menschen bringen?
Die Weihnachtsbotschaft kann in vielfältiger Weise zu den Menschen kommen. Der Gottesdienst im Englischen Garten wäre ein schönes ökumenisches Zeichen gewesen, aber davon hängt die Feier des Weihnachtsfestes nicht ab. Wir haben Gottesdienstangebote und wer aufgrund der Teilnehmerbeschränkungen und der Ausgangssperre nicht in den Kirchen teilnehmen kann, hat in Radio, Fernsehen und Internet vielfältige Möglichkeiten. Zudem mag dieses Weihnachtsfest auch eine Einladung sein, das Beten zu Hause, auch gemeinsam im Kreis der Familie, neu zu entdecken. Dazu helfen Hausgottesdienstvorlagen der Pfarreien oder vom Ordinariat.
Wie werden Sie Weihnachten verbringen?
Zunächst mit Gottesdiensten, denn ich helfe als Zelebrant an den Feiertagen in verschiedenen Pfarreien aus. Zudem werde ich sicher meine Familie, Mutter und Geschwister besuchen, natürlich immer unter Einhaltung der geltenden Kontaktbeschränkungen.
Mit den „Mittwochsminuten“ gibt es vom Erzbistum München auch digitale Angebote. Welche Rückmeldungen bekommen Sie darauf? Könnten das Impulse sein für eine erweiterte, moderne Form der Kirche?
Die Rückmeldungen sind größtenteils sehr positiv. Die Menschen sind dankbar für die Angebote, nicht zuletzt auch für die gestreamten Gottesdienste, zu denen sich viele vor den Bildschirmen versammeln und, wie uns berichtet wird, wirklich aktiv mitfeiern. Die digitalen Angebote werden allgemein sehr gut angenommen und ich bin überzeugt, dass wir als Kirche hier in den vergangenen Monaten eine wichtige Entwicklung vollzogen haben, auch wenn nichts die persönlich Begegnung in der Seelsorge ersetzen kann. So hoffen wir sehr, dass hier bald wieder mehr möglich wird, denn davon lebt die Kirche in besonderer Weise.

Ökumene als Lichtblick?

Ein Zeichen der Hoffnung setzen: Das wollte man in Zeiten der Pandemie, die alle Menschen – insbesondere Kinder – vor große Herausforderungen und vor große Fragen stelle, erklärt Generalvikar Christoph Klingan. Für Schulklassen besteht die Option, gemeinsamen überkonfessionellen Religionsunterricht zu haben, um im Klassenverband zu verbleiben. Auf das Angebot der verschiedenen Modelle, um den Religionsunterricht zu organisieren, habe man viele Rückmeldungen bekommen: „Diese bestätigen uns darin, in Krisenzeiten so zu handeln, um überhaupt einen Raum für Religionsunterricht, für Fragen, Hoffnung, Trost und Zuversicht bieten zu können.“

Ab Januar wollen die katholische und evangelische Kirche mit einer bundesweiten Plakatkampagne für ein stärkeres Miteinander zwischen Christen und Juden werden.
„#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst“ lautet das Thema. Diese ökumenische Kampagne zeige, das beide Kirchen in der Beziehung zum Judentum dieselbe Basis und dieselben Anliegen haben: „Beide Kirchen wissen um die gemeinsam Verwurzelung im Judentum und um ihre Verantwortung gegenüber ihren jüdischen Geschwistern angesichts der Geschichte eine auch christlich motivierten Antijudaismus“, erklärt der Generalvikar. 2021 wird in Deutschland 1700 Jahre jüdisches Leben gefeiert. „Die beiden Kirchen wollen zeigen, dass das Judentum in Geschichte und Gegenwart Teil unserer Kultur und Gesellschaft ist und wie viel Christen und Juden im Glauben verbindet.“

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