Was er zu Corona sagt

Exklusiv in Hallo München: Alt-OB Christian Ude über die Politik von Reiter und Söder

Alt-OB Christian Ude spricht in Hallo München darüber, wie er die Corona-Pandemie erlebt.
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Alt-OB Christian Ude spricht in Hallo München darüber, wie er die Corona-Pandemie erlebt.
  • Claudia Theurer
    vonClaudia Theurer
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Christian Ude spricht im Hallo-Interview über die Folgen der Corona-Pandemie für die Münchner Läden und über die Politik von Reiter und Söder.

Der eingefleischte Schwabinger Christian Ude war von 1993 bis 2014 SPD-Oberbürgermeister der Stadt. 1983 heiratet er die acht Jahre ältere SPD-Stadträtin Edith von Welser, die sechs Kinder mit in die Ehe brachte.

Wie der 73-Jährige die aktuellen Corona-Zeiten erlebt, welche Worte er für CSU-Ministerpräsident Markus Söder findet und welche Folgen die Pandemie für die Ladenmeiten der Stadt haben könnte, verrät er im exklusiven Hallo-Interview.

Herr Ude, wie froh sind Sie, nicht mehr OB zu sein in diesen Zeiten?

Ich habe es über zwei Jahrzehnte genießen dürfen und hatte mir das schon als Grundschüler gewünscht. Aber jetzt in Corona-Zeiten hat Politik nur noch die Wahl, wegen strenger Maßnahmen als Diktator oder wegen Lockerungen als Lebensgefahr verdammt zu werden. Da bin ich tatsächlich schon froh, eine bessere Zeit erwischt zu haben.

Macht OB Reiter alles richtig?

In diesen schweren Zeiten macht er das sehr gut. Heutzutage ist die öffentliche Verantwortung viel schwieriger, es gibt ja viele Kritiker, die alles runterputzen, obwohl sie nichts besser wissen.

CSU-Generalsekretär Markus Blume sagte neulich in einem Interview, die rot-grüne Politik sei wie ein Aprilscherz...

Da frage ich zurück, warum dann die CSU fast überall einlenken und unseren Kurs übernehmen musste? Ich erinnere an den Transrapid, den sie fallen lassen musste, an die Abschaffung der CSU-Studiengebühren, an ihre viel zu späte Abkehr vom Atomstrom und ihr viel zu spätes Umschwenken auf erneuerbare Energien und ihren jahrzehntelangen Widerstand gegen Kinderkrippen, die Integration von Ausländern und Maßnahmen gegen Altbauspekulationen. Plötzlich sieht sie jetzt sogar das Auto kritisch und den Radverkehr positiv. Alles nur Aprilscherze?

Viele Münchner Familien leben in kleinen Wohnungen, ohne Balkon. Sind da geschlossene Kitas, Schulen, bis vor kurzem Ausgangssperre nicht eine Zumutung?

Selbstverständlich ist das eine Zumutung. Aber eine tödliche Pandemie erzwingt das. So etwas hat sich niemand als Schikane ausgedacht.

Erst wegen Corona habe er kochen gelernt, gesteht Christian Ude.

Als ehemaliger Mieteranwalt: Wer kann sich die Mieten in München noch leisten?

Wie das Mietniveau steigt – auch jetzt nach sechs Jahren CSU-Mitregierung – ist erschreckend. Die Mietpreise explodieren. Aber dies liegt an der rasant steigenden Nachfrage, mit der das Angebot trotz größter Anstrengungen nicht mithalten kann. Solange dies so ist, müssten die gesetzlichen Grenzen wirksamer sein. Aber Markus Söder hat über 8000 staatliche Wohnungen in München der Spekulation überlassen und lehnt wirksameren Mieterschutz ab.

Verliert die Innenstadt ihr Gesicht? Wie verändern immer mehr Leerstände das Stadtbild?

Gott sei Dank noch nicht architektonisch. Aber das Leben fehlt, City ohne Menschen ist bizarr: Keine belebten Restaurants, keine offenen Läden. Dieser Leerstand ist eine Folge von Corona – und deshalb können wir nur hoffen, dass die Zahlen runtergehen und der Lockdown bald gelockert werden kann. Die Eigentümer der Innenstadt-Immobilien müssen endlich kapieren, dass sie auch etwas zu einer gesunden Mischung beitragen können und nicht nur Höchstmieten kassieren dürfen, die nur internationale Konzerne aus Prestigegründen bezahlen können. Das Beispiel C&A spricht Bände. (eine Million Monatsmiete, Anm. d. Red.) Einen gewerblichen Mieterschutz wie im österreichischen Bundesland (!) Wien darf es ja bei uns nicht geben, weil das Union und FDP seit Adenauers Zeiten grundsätzlich ablehnen.

Wie schlimm ist es um den Einzelhandel bestellt? Die kleinen Läden sterben...

Der Einzelhandel leidet am Online-Handel, also an unser aller Kaufverhalten, und dann noch zusätzlich unter Corona und seit Jahren an der Mietentwicklung. Gleichzeitig boomen digitale Konzerne. Die Politik müsste dort mehr zur Kasse bitten, um den Opfern der Krisen mehr helfen zu können.

Was würden Sie besser/anders machen als Söder?

Seine Corona-Politik kritisiere ich ausdrücklich nicht, wohl im Detail, aber nicht im Prinzip. Allerdings stört mich die ständige Selbstverherrlichung, sie ist wie bei einer Dauerwerbesendung im Privatfernsehen. So toll sind die bayerischen Infektionskrankheiten- und Totenzahlen auch wieder nicht.

Was vermissen Sie persönlich am meisten?

Alles, was mit persönlichen Kontakten zu tun hat. Dass man so lange Zeit nicht ins Lokal gehen konnte, dass Buchhandlungen gesperrt waren, dass man keine Freunde einladen konnte und nicht ins Theater oder Museum durfte. Aber die Konsequenz muss heißen: Runter mit den Corona-Zahlen, nicht „Weg mit demokratischen Politikern!“.

Wann waren Sie das letzte Mal auf Mykonos?

2019, vor Corona, meiner Frau und mir fehlt das sehr. Dauernd werden uns Fotos geschickt. Ich bin viel in Gedanken dort und habe Sehnsucht.

Sehen Sie in Corona auch etwas Positives?

Man hat mehr Zeit für sich, kann über das eigene Leben neu nachdenken, Bücher lesen, CDs hören, die Wohnung aufräumen. Dutzende von Tagen verbringe ich im Keller, um rappelvolle Umzugskartons aus vielen Jahrzehnten endlich aufzuarbeiten.

Wie weh tut Ihnen die Schließung der Friesischen Teestube am Pündterplatz?

Sehr! Das war ein zusätzliches Wohnzimmer! Eine Oase im Häusermeer, eine Idylle in der Hektik, eine Zeitmaschine, die mich in Studienzeiten zurückversetzen konnte. Wirklich ein schmerzlicher Verlust. Aber das Ende lag nicht an Corona allein, und der Hausbesitzer, der die Teestube jahrzehntelange ermöglicht hatte, sollte schon gar nicht beschimpft werden.

Claudia Theurer

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