Kein Personal, keine Zeit, keine Lobby – Was steckt hinter den Vorurteilen?

Brennpunkt Pflege: Von Unsicherheit, Ängsten und Vorurteilen

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Das Thema Pflege sorgt häufig für Negativ-Schlagzeilen. Und das, obwohl München in Zukunft einen deutlich höheren Pflegebedarf erwartet.

München – Sackgasse Pflege? Hallo hat nachgehakt, wo Bedürftige und Angehörige Hilfe bekommen und warum unsere Heime besser als ihr Ruf sind

Eine WG für Ihre große Liebe

Anfangs war es ein schleichender Prozess, erinnert sich Sabine Jahnke an den rapiden Krankheitsverlauf ihres Mannes Willi. „Alles begann 2016, kurz nachdem er in Rente war. Zuerst war es eine leichte Vergesslichkeit, ich habe nicht viel darauf gegeben. Dann verschlechterte sich sein Zustand Tag für Tag.“ 

Plötzlich war der immer sportliche Flugkapitän in seiner Beweglichkeit stark eingeschränkt, sein Schriftbild veränderte sich, Krämpfe kamen hinzu. Heute, mit 64 Jahren, kann er kaum alleine laufen, braucht Hilfe im Alltag. Essen, anziehen, nichts geht alleine. Die ärztliche Diagnose lautet Parkinson-Demenz, Willi hat Pflegegrad 4.

Ein Bild aus besseren Zeiten: Sabine und Willi Jahnke.

Zuerst hat die Physiotherapeutin die Pflege ihres Mannes alleine zuhause gestemmt. Irgendwann war Schluss damit: „Es war räumlich nicht machbar, körperlich zu anstrengend, dazu mein Beruf und auch emotional sehr belastend“, erklärt die 57-Jährige. „Ich habe mir den Entschluss wirklich nicht leicht gemacht, denn wir sind seit 35 Jahren verheiratet, aber ich war am Limit.“ Nach einer Zeit in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft 2017 mit strikten Regeln für Angehörige, fand sie für ihren Ehemann ein Heim in Grünwald. 

„Seit Herbst ist er dort in der Gerontoabteilung, mit abgeschlossener Tür.“ Für sie als Ehefrau belastend. „Ihn eingesperrt zu sehen, tut mir weh – er war immer selbständig, viel unterwegs, auf Reisen.“ Deshalb hat sie einen Fachpfleger zusätzlich zu seiner Betreuung im Heim angestellt. „Mit dem Pfleger kann er die Station verlassen. Er zieht ihn warm an, leitet ihn an, hilft beim Essen, macht mit ihm Ausflüge.“

Doch Sabine Jahnke wünscht sich trotzdem noch mehr Freiheit für ihren Mann: „Ich möchte langfristig eine Zweier-Pflege-Wohngemeinschaft für ihn gründen.“ Sie hat alles schon durchgeplant: „Wenn wir noch einen Betroffenen finden, ist es finanzierbar und inklusive einer Dreizimmerwohnung mit Nachtaufsicht so teuer wie eine große Pflegeeinrichtung.“

Sabine Jahnke hofft, andere Betroffene zu finden, die dann mit ihr an einem Strang ziehen. „Mein Mann kann nicht der einzige Fall in München sein, bei dem Angehörige die Alltagssituation ihrer pflegebedürftigen Lieben verbessern möchten.“

Marie-Julie Hlawica

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Pflegebeauftragter: Das können Sie als Angehöriger tun

Professor Dr. Peter Bauer, Pflegebeauftragter des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege (StMGP).

Professor Dr. Peter Bauer ist der Pflegebeauftragte des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege (StMGP). Und damit ein gefragter Ansprechpartner – rund 750 Anfragen bekam er seit März 2018 – soviel wie fast kein anderer Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung. Und es werden bestimmt noch mehr. Prognosen gehen im Jahr 2030 von bis zu 3,4 Millionen Menschen in Bayern aus, die Pflege benötigen. Der 69-Jährige erklärt in Hallo, wo Angehörige von Pflegebedürftigen Unterstützung bekommen.

  • Kurzfristig: Erster Ansprechpartner ist der Hausarzt. Der weiß, welche Hilfen der Angehörige regelmäßig braucht, wie die Krankheiten behandelt werden müssen und schätzt den aktuellen Pflegebedarf ein. Auch Pflegestützpunkte wissen, was jetzt zu tun ist, kennen lokale Angebote und zeigen die Möglichkeiten auf.
  • Wenn der Angehörige kurzfristig zu Hause versorgt werden soll, klären Sie, welche Hilfe Sie und die Familie leisten können – der Rest kann durch Fachpersonal abgedeckt werden.
    Für die Kosten ambulanter Pflege kommt teils die Kranken- und Pflegekasse auf, zum Teil müssen sie aus Eigenmitteln oder von Sozialhilfe bezahlt werden.
    Wenn keine Versorgung zuhause möglich ist, gibt es Heimplätze zur Kurzzeitpflege. Eine Checkliste, wie man vorgehen kann, gibt es beispielsweise unter: www.caritas.de
  • Bayern hat ein Landespflegegeld in Höhe von 1000 Euro jährlich eingeführt, welches seit September 2018 ausgezahlt wird. Das Pflegegeld können in Bayern lebende Pflegebedürftige ab Pflegegrad 2 erhalten. Es muss nur einmal beantragt werden und wird dann weitergezahlt solange die Voraussetzungen bestehen.
    Der Pflegebedürftige kann in einem Pflegeheim untergebracht sein oder zuhause leben und versorgt werden.
    Diese neue Leistung ist steuerfinanziert und sie ist keine Leistung der Pflegeversicherung.
    Bis Dezember 2018 wurden bereits über 345 000 Anträge auf Bayerisches Landespflegegeld gestellt, so das StMGP. Das heißt, es sind 345 Millionen Euro Steuergelder investiert worden.
  • Beschäftigte haben einen Anspruch auf bis zu zehn Tage Freistellung von der Arbeit, wenn dies erforderlich ist, um für einen nahen Angehörigen in einer akut aufgetretenen Pflegesituation eine bedarfsgerechte Pflege zu organisieren oder eine pflegerische Versorgung sicher zu stellen.
  • Zur häuslichen Angehörigenpflege haben Beschäftigte einen Anspruch auf Pflegezeit, das heißt, auf vollständige oder teilweise Freistellung von der Arbeit bis zu sechs Monaten, wenn sie einen pflegebedürftigen nahen Angehörigen in häuslicher Umgebung pflegen.
    Bei länger dauernder Pflege kann der Beschäftigte Familienpflegezeit in Anspruch nehmen; das heißt, er hat das Recht, seine Arbeitszeit für bis zu 24 Monate auf wöchentlich mindestens 15 Stunden zu reduzieren. In beiden Fällen gibt die Staatsregierung ein zinsloses Darlehen, um den Verdienstausfall teilweise zu kompensieren.
  • Wer eine ambulant betreute Wohngemeinschaft gründen möchte, kann sich unter www.stmgp.de schlau machen, wie diese gefördert werden
  • Neutral und kostenfrei berät die „Koordinationsstelle Wohnen im Alter“ Pflegebedürftige, Angehörige und Interessierte. Weitere Informationen unter: www.­wohnen-alter-bayern.de

Bauers Geschäftsstelle sitzt am Haidhauser Haidenauplatz und ist per E-Mail an pp-beauftrager@stmgp.bayern.de oder unter der Telefonnummer 540 23 39 51 erreichbar.

Marie-Julie Hlawica

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