Hüterin eines Artenschatzes

Botanischer Garten München: Die neue Chefin über Pflanzen, Corona und Besucher 

Neue Leiterin des Botanischen Gartens und Direktorin der Botanischen Staatssammlung München: Professor Dr. Gudrun Kadereit.
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Neue Leiterin des Botanischen Gartens und Direktorin der Botanischen Staatssammlung München: Professor Dr. Gudrun Kadereit.
  • Ursula Löschau
    VonUrsula Löschau
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Der Botanische Garten in München hat seit Anfang des Jahres eine neue Leiterin. Im Hallo Interview spricht sie über ihre Arbeit, Superfood und ihre Forschungen von A bis Z.

Nymphenburg - Im Botanischen Garten in Nymphenburg werden auf einer Fläche von 21,2 Hektar rund 19 600 Arten und Unterarten kultiviert.

Etwa 100 Mitarbeiter kümmern sich darum – seit Anfang des Jahres unter der Leitung von Professor Gudrun Kadereit (52).

Gleichzeitig ist die Botanikerin, die vorher an der Universität Mainz tätig war, neue Direktorin der Botanischen Staatssammlung München und Leiterin des Prinzessin Therese von Bayern Lehrstuhls für Systematik, Biodiversität und Evolution der Pflanzen an der LMU.

Im Hallo-Interview verrät die Mutter von vier Kindern, wie das Sammeln, Beschreiben und Bewahren der Arten funktioniert, wie sie zu ihrer Pflanzenliebe gekommen ist und was sie vom Boom auf sogenannte Super-Lebensmittel wie Quinoa hält.

Professor Dr. Gudrun Kadereit (52) von A bis Z

Artensterben: Aufgabe wissenschaftlicher Sammlungen ist es, die Arten zu sammeln, zu beschreiben und zu bewahren. Es ist manchmal ein Wettlauf mit der Zeit, Arten zu entdecken, bevor sie in der Natur aussterben.  

Biotopia ist mit dem Biotopia Lab hier im Haus. Es hat sich bereits ein zartes Band der Zusammenarbeit gebildet. Biotopia nutzt zum Beispiel das Freigelände für viele Aktionen. Das schafft eine Attraktion mehr für den Botanischen Garten.

Crassulaceae: Die sogenanten Dickblättrigen sind eine der Pflanzenfamilien, an denen ich forsche. Deren fleischige Blätter nehmen die besondere Form der CAM-Photosynthese vor. Das ermöglicht ihnen die Anpassung an sehr trockene Standorte – ein äußerst komplexer Vorgang.

DNA: Genomische Analysen gehören heute absolut dazu. Die Möglichkeiten haben sich in den letzten 30 bis 40 Jahren enorm entwickelt. DNA-Analysen sind heute günstiger und gehen viel schneller als damals. 

Evolution: Alle Organismen verändern sich – ständig. Was wir heute auf der Erde beobachten, ist alles Ergebnis von Evolution. Wir wollen herausfinden, wie das jeweils entstanden ist. Dazu gehört, die Verwandschaftsbeziehungen der Pflanzen zu analysieren.

Fernbeziehung: Ich pendle am Wochenende zu meiner Familie nach Mainz. Das funktioniert ganz gut. Drei meiner Kinder sind schon im Studium oder Beruf, der Jüngste macht nächstes Jahr Abitur. Und mein Mann schmeißt den Laden neben seinem Beruf als Botanik-Professor.

Gewächshäuser: Endlich ist der Bota­nische Garten wieder offen und hat auch Programm. Wir haben auch vor, die Gewächshäuser im August zu öffnen. Hoffentlich klappt’s.

Herbarium: Mit rund drei Millionen Belegen gehören wir zu den 20 größten Herbarien weltweit. Besonders und qualitativ hochwertig sind vor allem unsere alten Sammlungen und die Typus-Sammlungen. Das sind die Belege, also gepresste, aufgeklebte Pflanzen und Pflanzenteile, die direkt mit dem Artnamen verknüpft sind. Glücklicherweise wurde dieser Schatz im Krieg nicht zerstört.

Insekten: Der Botanische Garten ist einerseits wissenschaftliche Sammlung, andrerseits eine große, über 100 Jahre alte Grünanlage in der Stadt, die heimischen Insekten eine Heimat gibt, zum Beispiel Wildbienen.

Jahreskarten: Wir haben 300 000 bis 400 000 Besucher im Jahr. Viele haben Jahreskarten und einige kommen wöchentlich oder sogar täglich hierher. 

Klimawandel betrifft alle. Wenn wir zum Beispiel heute im Arboretum neue Bäume anpflanzen, müssen wir mindestens 50 Jahre vorausdenken und beachten, dass diese Pflanzen mit dem Klimawandel auch gut zurechtkommen.

Lehrstuhl an der LMU: Unser Forschungsgebiet ist die Systematik, Phylogenetik und Evolution von Pflanzen und Pilzen, wobei wir besonders an der Entstehung von Umwelt-Anpassungen interessiert sind. Sitz der Fakultät Biologie ist in Martinsried. Wir sind hier ein Außenposten mit eigenen Praktikumsräumen und Labor. 

München gilt es für mich noch zu entdecken. Da hab ich noch nicht viel geschafft und freue mich sehr darauf. Einige Ausflüge habe ich mit meinem Mann schon gemacht.

Neuerungen: Als Erstes stehen Umbauten an, vor allem ein neuer Laborbereich im Botanischen Institut. Das wird sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Und es gibt ein altes Institutsgewächshaus, das durch ein neues ersetzt wird, um die Forschung in Zusammenarbeit mit dem Botanischen Garten zu stärken. 

Organisation: Meine Arbeitsfelder sind jeweils zu einem Drittel die Leitung der Botanischen Staatssammlung München, der Botanische Garten sowie Forschung und Lehre.

Pflanzenliebe: Ich bin auf dem Land aufgewachsen und habe es immer geliebt, in der Natur zu sein. 

Quinoa gehört zu der Pflanzenfamilie der Gänsefußgewächse, mit der ich sehr viel gearbeitet habe. Darin sind Nutzpflanzen wie die Zuckerrübe oder Spinat. Quinoa kann in Bereichen kultiviert werden, wo Getreide nicht gedeiht, und ist sehr nahrhaft. Den Boom hierzulande sehe ich kritisch. Es ist weder gesund noch nachhaltig, wenn die Leute in Peru jetzt ihr Getreide zu uns exportieren.

Regenwald: Der Aufenthalt in Brasilien für meine Diplomarbeit war eine ganz tolle Erfahrung. Diese Üppigkeit und Farbenvielfalt zu sehen und zu erleben, dass vieles noch unerforscht ist, das war für mich ein Aha-Erlebnis.

Staatssammlung: Das Bewahren der Schätze ist eines, aber die Sammlung soll auch wachsen. Ich will das Material durch Expeditionen in Kombination mit der Forschungsarbeit noch erweitern. 

Therese von Bayern: Unser Lehrstuhl trägt seit kurzem zusätzlich den Namen Prinzessin Therese von Bayern (1850 bis 1925). Sie hat viele Forschungsreisen unternommen und uns einen Teil ihrer Sammel­objekte, nachdem sie sie bearbeitet hatte, vermacht. Eine außergewöhnliche Frau!

USA: Das Forschungsfreisemester in den USA mit der ganzen Familie war ein großartiges Erlebnis. Vier Kinder dort in die Schule zu bringen und zwei Botaniker, die forschen wollten: Wir haben gefühlt 100 Formulare ausgefüllt, bis alles in trockenen Tüchern war. Aber es hat Früchte getragen.

Veranstaltungen im Garten finden wieder statt, wie die Chormatinee und Führungen. Besonders zu empfehlen ist die aktuelle Sonderausstellung „Molassic Park“ bis 5. September. 

Wildbienen waren ein besonderes Anliegen meiner Vorgängerin Susanne Renner. Sie hat angeregt, die Wildbienenfauna im Botanischen Garten zu untersuchen. Das hat zu überraschenden Ergebnissen über die Vielfalt dieser Art hier geführt.

Xerophyt: Pflanzen passen sich ganz unterschiedlich an trockene Standorte an. In welchen Bereichen sie das wie machen, ist ein Schwerpunkt meiner Forschung. 

Yoga mache ich fast jeden Morgen. Das ist ein wichtiger Ausgleich für mich.

Zierpflanzen: Man könnte im eigenen Garten zur Biodiversität beitragen, indem man weniger überzüchtete Zierpflanzen verwendet und dafür mehr Wildarten einen Lebensraum gibt.

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