Münchner Chirurgin im Interview

Corona Krise löst Beauty Boom aus: Chirurgin packt aus

Luise Berger ist Schönheitschirurgin in München.
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Luise Berger ist Schönheitschirurgin in München.
  • Sophia Oberhuber
    VonSophia Oberhuber
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Die Corona-Krise hat einen Beauty-Boom ausgelöst. Die Münchner Chirurgin Luise Berger berichtet über ein arbeitsreiches Jahr, Familie und warum Zoom-Meetings Auslöser für den Hype sein könnten.

  • Corona Krise löst Beauty Boom aus
  • Münchner Chirurgin Luise Berger im Interview
  • Zoom Meetings als möglicher Auslöser für OP-Hype

Die Zahl der Schönheits-OPs steigt weltweit seit Jahren. Allein bei den mehr als 100 Ärzten aus der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC), der größten Fachgesellschaft für Ästhetische Chirurgie in Deutschland, der etwa ein Zehntel der Schönheitschirurgen des Landess angehören, stieg die Zahl der Eingriffe laut dpa insgesamt schon im Jahr 2019 auf gut 83 000 (nach 77 000 im Vorjahr). 2020 dürfte sie nach Schätzungen bei etwa 100 000 gelandet sein. Zahlreiche Videokonferenzen in Zeiten des Homeoffices scheinen den Trend hin zu kleinen Eingriffen nun noch mehr verstärkt zu haben.

Warum das so ist erklärt Schönheitschirurgin Luise Berger. Ihre Praxis an der Theatinerstraße ist ganz in weiß gehalten, klare Linien, teure Regalsysteme. Berger sitzt aufrecht, lacht viel. Am Vormittag hat Berger eine Brustreduktion durchgeführt, dann Sprechstunde in der Praxis. Auf Instagram folgen der Chirurgin mehr als 120 000 Menschen, die sie zwischen den Operationen mit Fotos und Videos auf dem Laufenden hält.

Wie die 43-jährige Haidhauserin den Spagat zwischen Mama- und Chirurgin-Sein schafft, warum sie im Klinikum durch die Hölle gegangen ist und was für die Ästhetik-Expertin wirklich schön ist.

Münchner Chirurgin Luise Berger im Interview von A bis Z

Altern: Was hat „in Würde altern“ denn mit Botox zu tun? Meine Würde hängt nicht davon ab, ob ich in meiner Stirn 0,3 Milliliter Hyaluronsäure habe. Sie hängt davon ab, wie ich bin, was ich tue, wie ich handle.

Balance: Ich bin 24 Stunden Mama und ich bin 24 Stunden Chirurgin. Ich war immer alleinerziehend, der Spagat ist ein Wahnsinn. Man hat andauernd ein schlechtes Gewissen. Abgesehen von meiner Arbeit ist deshalb meine Zeit für meine Tochter reserviert. Freizeitaktivitäten habe ich keine.  

Corona-Krise: Ich habe noch nie so viel gearbeitet wie in den letzten 365 Tagen. Aber das liegt auch daran, dass man ja nie wusste, ob man nächste Woche überhaupt noch operieren oder die Praxis öffnen darf. Durch diese Unsicherheit hat man mehr operiert. Etwa 500 Operationen waren es im vergangenen Jahr.

Deutsche Meisterin: Ich war dreimal deutsche Meisterin im Taekwondo. Ich habe mir zweimal die Hand gebrochen, die Zähne eintreten lassen und alles mögliche.

Europa: München hat die höchste Dichte an Schönheitschirurgen in Europa.

Feminismus: Frauen sind stärker als Männer. Das, was Angela Merkel in den vergangenen 16 Jahren geleistet hat, hätte kein Mann geschafft. 

Gegenwind: Nachdem meine Tochter zur Welt kam, wurde mir gesagt, ich müsste meinen Traum von der Chirurgie aufgeben. Es ist ein extrem männerdominiertes Fach mit sehr langen Arbeitszeiten. Ich war die einzige Frau in der Abteilung. Männer sind dort solange nett, bis sie merken, dass man etwas drauf hat. Ich habe es zum Glück überlebt, aber es ist extrem hart. Es ist kein Wunder, dass viele Frauen das nicht durchmachen wollen. 

Hand-Halten: Bis meine Patienten durch die Narkose einschlafen, halte ich ihre Hand. Ich möchte, dass sie in dem Moment keine Angst haben.

Intimchirurgie ist ein zunehmendes Fachgebiet, aber noch sehr tabuisiert. Ich denke, es ist Thema, seitdem die Intimrasur nach Deutschland kam. Also etwa vor 20 Jahren. Man sieht durch die Rasur der Behaarung einfach mehr. 

Job: Ich wollte schon als Kindergartenkind Chirurgin werden. 

Konflikt: Es gibt Fälle, in denen Patienten eine völlig falsche Erwartungshaltung haben oder mir zu fordernd sind. Ihnen zu vermitteln, dass ich sie eigentlich gar nicht operieren möchte, ist sehr schwer. Manche gehen dann nach Hause und schreiben einfach eine schlechte Online-Bewertung.

Luxusproblem: Schönheits-OPs sind kein Luxus, wenn Hautlappen oder Brüste extrem hängen und es zu körperlichen Beschwerden kommt.

Makel: Ich bin ein Berg voller Makel, und ich lebe sehr gut damit. 

Nicht selbstbewusst? Weil man ein oder zwei Körperstellen nicht toll findet, hat das nichts damit zu tun, dass man sich als Person nicht toll findet. Darf sich eine starke Frau, die drei Kinder geboren hat, ihren Hängebauch nicht entfernen lassen?

Oberflächlichkeit ist nicht mein Beruf. Er scheint zwar die Oberfläche zu behandeln, aber es ist viel mehr. Durch die Veränderung der Oberfläche kann man innerlich wahnsinnig viel gut machen. Die Frauen, die zu mir kommen, kommen nicht aus Langeweile hier her.

Promis: Bei Promis ist die Hemmschwelle, sich operieren zu lassen, niedriger. 

Qualität: Ich kann nicht zaubern und bin da sehr hart in der Aufklärung. Wir können eine Brust deutlich verbessern, aber keine neue schaffen.

Rückschläge: Zwei Jahre lang habe ich nach der Geburt meiner Tochter keinen Job als plastische Chirurgin bekommen. Mich wollte einfach niemand. Drei Wochen bevor ich einen anderen Job in einer komplett anderen Richtung, in der Werbung, antreten wollte, habe ich doch noch eine Zusage bekommen. 

Sechs-Stunden-OP: Operieren ist körperlich extrem anstrengend. Das Halten der Hautlappen ist sehr schwer, man steht in einer unbequemen Position. Dann kriegt man Nackenbeschwerden und die Finger und Handgelenke tun weh. Meine längste OP, das Mummy-Makeover, dauert insgesamt sechs Stunden.

Tränen: Erfolg im Job ist für mich, wenn ich sehe, dass ich Menschen glücklich machen kann. Wenn sie zur ersten Kontrolle nach der OP kommen und Tränen in den Augen haben.

Umsicht: Brustfehlbildungen sind komplex. Man muss sehr achtsam sein.

Verschönern: Im Alltag fallen mir bei Menschen Dinge auf, die man verschönern könnte. Ich empfehle Freunden zum Beispiel auch ein Lidlifting, wenn es Sinn machen würde. 

Wochenende: Meine Arbeit hört nicht auf, wenn ich nach Hause fahre. Abschalten ist schwierig. Wenn ich am Wochenende nicht ausschlafen kann, habe ich keine Energie für die Folgewoche.

X-Mal habe ich zu Patienten gesagt, dass sie Geduld haben müssen. Egal wo man operiert, es braucht Wochen und Monate bis sich nach der OP das Resultat einstellt.

Y-Chromosom: Frauen lassen sich öfter operieren als Männer. Sie bekommen Kinder, unterliegen daher Gewichts- und Umfangschwankungen. Gleichzeitig wird von Frauen erwartet, dass sie toll aussehen, trainiert und schlank sind. 

Zoom: Die Menschen befassen sich in der Corona-Krise mehr mit ihrem Gesicht: In Zoom-Meetings sieht man sich dauernd selber, von unten. Das ist natürlich nicht so vorteilhaft.

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