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Auf der Spitze: Ballett in München ‒ Der neue Direktor Laurent Hilaire im großen Interview mit Hallo München

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Von: Sabina Kläsener

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Endlich hat er sie gefunden... Das Staatsballett zeigt „Cinderella“.
Endlich hat er sie gefunden... Das Staatsballett zeigt „Cinderella“. © Serghei Gherciu

In München wird in dieser Spielzeit Cinderella im Staatsballett gezeigt. Hallo hat den neuen Direktor zu seiner Leidenschaft und den Aufführungen befragt.

„Tanzen ist träumen mit den Beinen“ besagt ein Sprichwort aus Finnland. Im Ballett werden Geschichten mit dem gesamten Körper erzählt. In dieser Saison sind es beim Staatsballett unter anderem große Liebesgeschichten: neben „Cinderella“ von Christopher Wheeldon auch „Romeo und Julia“ von John Cranko. Insgesamt elf Produktionen stehen für die Spielzeit auf dem Programm, klassische und moderne. Im November wartet ein Zuckerl: eine Vorstellung, die im kostenlosen Stream gezeigt wird.

Das Bayerische Staatsballett gibt es unter diesem Namen seit 1990 – ein Jahr zuvor wurde es zu einer selbstständigen künstlerischen Institution neben der Staatsoper. Schon vor über 350 Jahren kam mit dem Aufkommen der höfischen Festkultur der Tanz nach München. Und wer geht heute ins Ballett? Darüber kann man nur mutmaßen. Die Staatsoper, in der die Kompanie beheimatet ist, bietet 33 verschiedene Abonnements an. Wenn in einer Ballettvorstellung Abonnenten sitzen, können diese bis zu 50 Prozent ausmachen, erklärt eine Sprecherin. Das Publikum ist bunt gemischt, was gewollt ist. Als Dresscode gilt: Hauptsache wohlfühlen – egal, ob das in der großen Robe oder Jeans und T-Shirt der Fall ist. Für die Kleinen gibt es ein besonderes und begehrtes Angebot. Vor den Familienvorstellungen gibt es Einführungen speziell für Kinder.

Was auf der Bühne zu sehen ist, ist nur ein Teil der Arbeit der Kompanie, die seit Mai einen neuen Direktor hat (unten). Hallo München hat hinter die Kulissen geschaut.

Ballett in München: „Ballettwelt hat sich gewandelt, ist offener.“

Ist Kunst politisch? Darüber wird in München diskutiert, seitdem der Ukraine-Krieg begann. Der Russe Igor Zelenskij, bisheriger Direktor des Staatsballetts, zog sich Anfang April nach sieben Jahren zurück – aus persönlichen Gründen. Laurent Hilaire (60) war bis Kriegsbeginn Direktor am Stanislawski Musiktheater in Moskau – und verließ das Land aus Überzeugung. Über seine Pläne spricht der neue Ballettdirektor in Hallo.

Laurent Hilaire im Interview.
Laurent Hilaire im Interview. © Gregory Shelukin

Herr Hilaire, Sie sind seit Mai in München. Wie gefällt es Ihnen?

Sehr gut. Ich mag die Stadt sehr – und das Haus: eine große Bühne mit vielen Möglichkeiten. Ich habe ein gutes Gefühl mit den Tänzern. Was für mich neu ist: Das Ballett hat sein eigenes Budget.

Sie haben in Russland gearbeitet, sind gegangen, als der Krieg ausgebrochen ist. In München wurde diskutiert, ob sich Russen positionieren müssen. Sollte Kunst frei von der Politik sein?

Das hängt von der Situation ab. Ich war am Stanislawski-Theater, als die sogenannte militärische Operation begann. Für mich war klar: Wenn ich bleibe, dann wird es politisch sein. Automatisch hat man eine Meinung. Meine ersten Gedanken drehten sich um die Menschen, Freiheit, Ausdruck. Wenn das nicht möglich ist, will ich in diesem Land nicht arbeiten. Ich habe es den Tänzern erklärt, habe von Krieg gesprochen. Es ist nicht leicht. Wenn man sich äußert, eine Position wählt, ist man für die Konsequenzen verantwortlich. Manche Künstler sagen nichts, sie wollen einfach nur arbeiten. Es kann schwer sein, zum Beispiel wegen der Familie. Ich mache diesen Menschen keinen Vorwurf, dass sie nicht Position beziehen. Für mich funktioniert in einer bestimmten Lage so ein Zwischending nicht. Deswegen bin ich drei Tage später gegangen.

Diese Saison wurde von Ihrem Vorgänger geplant. Wo können Sie Einfluss nehmen?

Dieser Prozess ist normal. Hier im Haus gibt es seit Jahren ein Repertoire. Ich gehe oft ins Studio, sehe mir die Proben an. Ich will nicht alles verändern. Wir müssen nicht anmaßend sein, ich weiß nicht alles. Ich will meine jahrelange Erfahrung teilen, auf manche Punkte den Fokus legen. Es ist ein Vorschlag – schauen wir, was passiert.

Als Sie vorgestellt wurden, haben Sie gesagt, Sie wollen das Niveau erhöhen. Wie und in welchen Bereichen?

Jede Kompanie könnte besser sein. Im Ballett brauchen wir die Disziplin, jeden Tag zu trainieren. Wir sind sehr ehrgeizig, Perfektion zu erreichen. Wir fangen praktisch jeden Tag wieder von vorne an, es braucht viel Demut. Die Kompanie ist klassisch aufgebaut, darum will ich mich kümmern. Ich war ein klassischer Tänzer. Gleichzeitig will ich aber auch Möglichkeiten bieten. Es ist ein Dialog zwischen Tänzern und künstlerischer Leitung – und mit dem Publikum. Manchmal schlage ich Tänzern vor, neue Perspektiven einzunehmen, Dinge neu zu interpretieren, sich selbst neu zu entdecken. Und man muss eine vertrauensvolle Beziehung mit dem Publikum schaffen. 

Gibt es ein typisches Publikum?

Das weiß ich nicht genau. Es geht um das Angebot: Man muss sich um die Menschen kümmern, die kommen. Und man muss die junge Generation dazu animieren. Ballett ist einfach: Man sitzt, es gefällt einem oder nicht. Man ist emotional involviert oder nicht. Wir müssen den Menschen den Schlüssel geben. 

Ein anderes Thema, das in der Gesellschaft präsent ist: Diversität. Bei Tänzerinnen denken viele an dünne Elfen. Wie divers ist das Ballett?

Es ist ein wichtiges Thema, um das ich mich auch kümmere. Als ich an der Pariser Oper war, gab es nicht viel Diversität, aber sie war da. Unter uns war das kein Problem oder keine Frage, woher man kommt. Wir waren Tänzer. Es ist eine Frage der Qualität. Verdienst du es, auf diesem Platz zu sein? Wenn man Diversität haben will, muss man von Beginn an – der Ausbildung – offen sein. Hier sind auch die Eltern gefragt, die die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass ihr Kind Balletttänzer werden könnte. Nur jemanden nach vorne zu stellen, weil er oder sie irgendwie anders ist, macht keinen Sinn. 

Wie war das bei Ihnen?

Ich hatte viel Glück. Meine Eltern hatten nichts mit Kunst zu tun. Ich wollte Turner werden. Aber Ballett? Ich wusste nicht viel darüber. Dann habe ich es ausprobiert. Diese Fragen nach Diversität verstehe ich, aber in der Kompanie ist das kein Thema und vor allem kein Problem. Für mich als Direktor ist es keine Frage der Hautfarbe. Es geht für mich in erster Linie um die technische und die künstlerische Qualität.

Vielleicht ein Faktor: Viele verbinden Ballett immer noch mit Strenge und viel Disziplin.

Was soll das heißen? Natürlich geht es in diesem Beruf viel um Disziplin, ohne geht es nicht. Aber man darf sich dafür nicht kaputt machen. Wir sind glücklich, auf der Bühne zu stehen und uns ausdrücken zu können, unsere Leidenschaft zu leben. Es gibt Auslese, man muss körperlich viel einbringen. Das kann manchmal hart sein. Die Ballettwelt hat sich gewandelt, ist offener. Es geht nicht nur einfach darum, seinen Job zu machen, sondern um Ausdruck, um Emotionen – darum, die Zuschauer zu erreichen. Die Tänzer verstehen, dass es der Heilige Gral auf der Bühne ist, wenn man seine Gefühle mit dem Publikum teilen kann, wenn Menschen am Ende der Vorstellung glücklich sind. 

Es gibt einem auch etwas zurück.

Auf jeden Fall, eine Win-Win-Situation. Aber zu sagen, Ballett ist schwierig – das ist das Leben auch. Es geht um Gefühle, darum, sich mitzuteilen, Herz und Seele der Zuschauer zu erreichen. Dafür muss man sich einbringen, was aber nicht heißt, rabiat sein zu müssen oder seine Grenzen zu ignorieren.

Man merkt, es ist Ihre Leidenschaft.

Ja. Ich spreche mit den Tänzern, nicht nur über die Technik, sondern auch, wie man Persönlichkeit ausdrückt. Für einen Künstler gibt es die Choreographie, das ist der Rahmen. Darin gibt es viel Raum, für deine Kreativität, deine Interpretation und Persönlichkeit. Man bleibt trotzdem innerhalb dieses Rahmens. Es gibt tausend Arten wie beispielsweise „Giselle“ interpretiert werden kann. Das hängt vom Menschen ab, der es macht und wie. Dinge entwickeln sich, Menschen entwickeln sich. In 20 Jahren mag die „Giselle“ ganz anders aussehen und dargestellt werden. Magische Momente gibt es aber immer – Leidenschaft vorausgesetzt.

Zur Person

Geboren 1962 in Paris, kam Laurent Hilaire zufällig zum Ballett. Dann war es die große Liebe: Von 1985 bis zum Ende seiner aktiven Zeit als Tänzer 2007 war er einer der „étoiles“, dem höchsten Rang der Compagnie der Opéra de Paris. Ballettlegende Rudolf Nurejew ernannte ihn dazu. Er galt als hervorragender Interpret mit brillianter Technik. Von „Romeo und Julia“ über „Schwanensee“ bis „Petruschka“: Er tanzte alle Rollen des klassischen und zeitgenössischen Repertoires. Er gastierte als Solist in London, an der Mailänder Scala, beim American Ballett Theatre, in Australien und Berlin. Ab 2005 war er Ballettmeister an der Pariser Oper. 2017 übernahm Hilaire die Direktion renommierten Stanislawski Musiktheater in Moskau. Seit Mai ist er nun in München.

Ballett in München: Als wäre es leicht

„Billy Elliot“, „Center Stage“ oder „Black Swan“: Tanzfilme gibt es seit vielen Jahren. In diesen wird die Arbeit in einer Ballett-Kompanie auf eine Weise gezeigt: von starker Konkurrenz geprägt, streng im Ton. Doch wie sieht es in der Realität aus? Das Probenhaus des Bayerischen Staatsballetts liegt am Platzl und wurde 1992 bezogen. Vier Proben-Studios, Büros und eine physiotherapeutische Abteilung sind hier ebenso untergebracht wie der Hort für Kinder von Mitgliedern des Staatsballetts und der Staatsoper. Hier wird genauso wie in einer der oberen Etagen des Nationaltheaters geprobt. 73 Tänzer umfasst das Ensemble derzeit – aus 24 Nationen stammend.

Auch bei den Proben zu „Cinderella“ ist höchste Konzentration gefragt.
Auch bei den Proben zu „Cinderella“ ist höchste Konzentration gefragt. © Katja Lotter

„Man muss körperlich viel einbringen“, erklärt der neue Direktor, Laurent Hilaire, im Interview. Das zeigt sich beim Trainingsplan: regulär von Montag bis Samstag zwischen 10 und 18 Uhr. Also bis zu sechs Mal die Woche, viele Stunden täglich. Bei der Durchlauf-Probe von „Cinderella“ Stunden vor der Vorstellung ist die Stimmung gut und konzentriert – der Ton keineswegs streng. Im Trainings-Dress werden verschiedene Szenen getanzt. Durch die Choreographie, innovative Bühnenbilder und die musikalische Untermalung entsteht auf der Bühne ein Gesamtkunstwerk.

Aus der Nähe sieht man bei den Proben noch genauer, was das Handwerk der Tänzer ist. Bei aller Kraft, die für diese Kunst nötig ist, bleibt eines immer erhalten: die Leichtigkeit. Ohne Kostüme erkennt man noch mehr, dass hier nicht ein einziger Typus von Tänzer steht. In der Kompanie sind verschiedene Charaktere und Künstler vertreten – jeder und jede mit eigenem Können und eigener Ausstrahlung.

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