„Putin ist wie ein Kind“

Die deutsch-russische Autorin Lena Gorelik über die Situation in Russland und Belarus

Die deutsch-russische Autorin Lena Gorelik.
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Autorin Lena Gorelik

Die Autorin Lena Gorelik wurde als drittjüngstes Mitglied in die „Bayerische Akademie der Schönen Künste“ in München aufgenommen. Im Hallo-Interview spricht sie über ihre Heimat...

Lena Gorelik emigrierte 1992 mit ihren Eltern, Bruder und Großmutter als „Kontingentflüchtling“ aus Russland nach Deutschland. Die heute 31-Jährige ist jetzt als drittjüngstes Mitglied in die „Bayerische Akademie der Schönen Künste“ in München aufgenommen worden und hat für ihre Romane schon viele Preise gewonnen. Im Hallo-Interview spricht sie über die derzeitige kritische Lage in ihrer Heimat.

Frau Gorelik, Sie sind gerade in die Akademie der Schönen Künste aufgenommen worden. Wie fühlt sich das an?
Ich fühle mich sehr geehrt. Das klingt immer nach einer Plattitüde, ist aber so. Ich freue mich, in Kontakt und Austausch mit anderen Autoren zu kommen und mit ihnen vielleicht Diskurse anstoßen zu können.
Wie schätzen Sie die Lage in Belarus ein?
Ich glaube, dass es ein wichtiger Schritt ist, dass die Welt auf Belarus blickt. Jahrzehntelang konnte die Diktatur in dem Land wüten, was zumindest in unseren Breitengraden kaum wahrgenommen oder kritisiert wurde. Es ist gut, dass sich das ändert – ob sich an dem System aber langfristig etwas ändert, wird zu sehen sein. Von anderen Ländern in Osteuropa wissen wir, dass der Weg zur Demokratie ein langer und ein langwieriger ist, einer, der auch viele Rückschritte beinhaltet. 
Wächst der Druck auf Staatspräsident Alexander Lukaschenko?
Er wächst, aber er wächst nicht schnell genug. Die antidemokratischen Strukturen sind zu fest gewachsen, an denen hält er fest.
Glauben Sie, der Giftanschlag auf den russischen Oppositionspolitiker Alexei Nawalny war von langer Hand geplant?
Das kann ich nur schwer einschätzen. Fest steht, dass Nawalny der russischen Regierung schon lange ein Dorn im Auge war; wann die Entscheidung zum Anschlag gefallen ist, lässt sich sehr schwer einschätzen. Der Anschlag zeigt jedoch, wie die russische Regierung meint, frei über Schicksale entscheiden zu können, ohne Angst vor der Kritik seitens beispielsweise der EU zu haben.
Er befindet sich auf dem Weg der Besserung, will aber trotzdem wieder zurück nach Russland. Ist das nicht irre?
Irre ist so ein Begriff. Es ist eine individuelle Entscheidung, ob man sein Leben Gefahren aussetzt, um für etwas zu kämpfen, woran man glaubt. Russland jedenfalls braucht jede Art von Opposition, einfach um der Machtelite ein Gegengewicht entgegen zu setzen. 
Was erwartet die Oppositionspolitikerin Maria Kolesnikowa in Zukunft, wenn sie nach fünf Jahren Haft wieder freikommen soll?
Strenge Beobachtung seitens der staatlichen Organe. Steine, die ihr bei ihrer aktivistischen Arbeit in den Weg gelegt werden. 
Trotz Corona gehen täglich Tausende auf die Straße....
Es ist ein Aufwind da, das ist wie bei anderen revolutionären Bewegungen ein Sog, eine Bewegung, die ihren Moment, ihre Zeit braucht. Offensichtlich ist in Belarus jetzt der Moment – vielleicht trägt Corona sogar dazu bei. Die Pandemie macht uns allen auch bewusster, was wichtig ist, wie wir leben; und eben auch, wie wir leben wollen. 
Bei den brutalen Auseinandersetzungen muss ich oft an Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ denken...
Machthaber wie Lukaschenko haben tatsächlich genug Erfahrungen aus der sowjetischen Geschichte, auf die sie zurück blicken können: Das ist, was sie gelernt haben, zu bestrafen, zu drohen, zu eliminieren. Das ist ein tradierter Umgang mit Gegnern des herrschenden Regimes. 
Außenminister Maas forderte Sanktionen gegen Russland, was halten Sie davon?
Ich glaube, dass sie dringend notwendig sind. Manchmal scheint mir, Putin und die Regierung um ihn herum sind wie Kinder, die eben Grenzen brauchen. Momentan hat Putin ja offensichtlich das Gefühl, er könne machen, was er wolle. Und solange keine Sanktionen gegen Russland verhängt werden, die tatsächlich weh tun, wird er weiterhin tun, was ihm gefällt.
Waren Sie seit Sie in Deutschland leben, wieder in Russland?
Ich war öfter in Russland. Ich suche dann nach den zarten, schönen Erinnerungen, finde sie in der Familie, finde aber eben auch viel Realität vor. Und die sieht eben so aus, dass es eine Gesellschaft ist, die aus verschiedenen Schichten zu tun hat, deren Lebenswirklichkeiten sich nicht begegnen. Viele Menschen sind tatsächlich damit beschäftigt, ums Überleben zu kämpfen, sie sind entweder apolitisch oder glaube eben alles, was ihnen im Fernsehen erzählt wird. 
Wie geht es Ihren Verwandten in Russland?
Wie den meisten anderen. Sie sind mit dem Überleben beschäftigt.
Wo ist Ihre Heimat?
Ich mag diesen Begriff nicht, weil er uns alle auf eine Region, auf einen Ort legt. Ich denke, dass man Heimaten haben kann, im Plural. Wenn man Heimat auf romantisierte kindliche Erinnerungen wie Gerüche, Gesang, Sprache reduziert, dann wird Petersburg immer meine Heimat sein, ohne dass es jemals wieder mein Zuhause sein könnte. 

Claudia Theurer

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