Ali Güngörmüs im Gespräch mit Hallo München

„Ich will kein Spießer-Restaurant haben.“

Der TV-Koch Ali Güngörmüs findet: „Das Essen in deutschen Lokalen ist immer noch zu günstig.“
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Der TV-Koch Ali Güngörmüs findet: „Das Essen in deutschen Lokalen ist immer noch zu günstig.“

Der TV-Koch Ali Güngörmüs darf nun im „Pageou“ wieder Gäste begrüßen, nachdem er wegen der Corona-Pandemie mit „Ali-to-go“ spontan auch Essen zum Mitnehmen anbot.

  • Auch der TV-Koch Ali Güngörmüs musste während der Corona-Pandemie auf Essen zum Mitnehmen umsteigen. 
  • Jetzt hat sein Restaurant "Pageou" wieder geöffnet. 
  • Im Interview verrät er was in München verschlafen wurde und wer in seinem Lokal am Tisch Platz nimmt. 

Herr Güngörmüs, Sie haben frisch wieder geöffnet – wie ist aktuell die Lage? 

Es läuft gut. Wir haben uns mit „Ali-to-go“ über Wasser gehalten. Da ich auch im Fernsehen koche, habe ich sonst Gäste aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz. Jetzt haben wir zu 90 Prozent Münchner Gäste. Ich habe immer gesagt, wir dürfen den lokalen Gast nicht vernachlässigen. Deswegen läuft es ja auch gut.

Auch gut für die Seele, etwas aktiv zu tun. 

Ja, ich bin sowieso keiner, der die ganze Zeit zuhause ist. Ich war bestimmt nach fast 20 Jahren das erste Mal drei oder vier Wochen am Stück zuhause. Aber ich war auch dann nicht nur zuhause, habe mir im Restaurant irgendeine Arbeit gesucht, die Bar sauber gemacht, die Küche, die Spülmaschine.

Haben die Menschen mehr gekocht? 

Das glaube ich schon. Ich habe immer wieder gehört, dass die Leute gesagt haben, sie kochen zuhause und es macht Spaß. Aber als wir mit dem Ali-to-go angefangen haben, haben auch viele Gäste, besonders Stammgäste, gesagt: Gott sei dank habt ihr das eingeführt, es ist schön und gut zuhause zu kochen, aber irgendwann ist es das auch nicht mehr.

Der TV-Koch Ali Güngörmüs im Interview

Haben sie dadurch mehr Wissen über Lebensmittel erlangt? 

Ich denke, dass die Menschen, wenn sie einkaufen und zuhause kochen, gesehen haben, dass allein schon die guten Grundprodukte teuer sind. Einige haben gesagt: Warum sind Restaurants so teuer? Jetzt weißt du es. Du hast nicht nur die Lebensmittel, du hast die Kosten, Mieten, Personal – dafür ist das Essen in Deutschland in Restaurants immer noch zu günstig.

Stichwort günstig: Schlachthöfe sind derzeit in den Schlagzeilen. Wie sehen Sie die Fleischherstellung – muss sich da was ändern? 

Ja, definitiv. Wir kochen viel vegetarisch. Natürlich musst du in einem Restaurant schauen, dass du mit deinem Sortiment jeden Gast ansprichst. Aber es stellen sich auch Fragen: Wie hat das Tier vorher gelebt, wie wurde es gefüttert, kommt es aus Massentierhaltung? Dagegen bin ich sowieso.

Und der Konsum? 

Ich sehe, dass der Fleischkonsum zurück geht. Wir haben sehr viele Vegetarier, aber auch Gäste, die auf Fleisch nicht verzichten können. Ich auch nicht, ich möchte auch mein Fleisch essen. Aber ich habe vor drei Jahren meine Ernährung umgestellt. Ich esse vielleicht einmal in der Woche Fleisch und ein, zwei Mal Fisch. Als Koch kannst du vegetarisch aus Gemüse und auch Hülsenfrüchten tolle Gerichte zaubern.

Hat das Thema Nachhaltigkeit so an Bedeutung gewonnen, dass man da in der Küche nicht mehr dran vorbeikommt? 

Als Koch und Gastronom, musst du nachhaltig denken. Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, wir haben immer sowohl nachhaltig gewirtschaftet als auch gelebt. Ich bin keiner, der denkt: nach mir die Sintflut. Ich habe Kinder, wir wollen denen etwas hinterlassen. Der Grundgedanke muss sich ändern. Man soll auch mal das schätzen, was man hat. Ich wünsche mir, dass die Corona-Zeit die Menschen auch nachdenklich gemacht hat.

TV-Koch "München ist meine Heimat. Hier bin ich aufgewachsen"

Welchen Platz nimmt München in Ihrem Herzen ein? 

München ist meine Heimat. Hier bin ich aufgewachsen. München hat mir sehr viel gegeben, die Schule, die Ausbildung. Allgemein hat mir Deutschland sehr viel gegeben und ich bin dem Land sehr dankbar. Ich glaube, ich trage meinen Teil bei, etwas zurückzugeben. Indem ich Angestellte habe, mein Geschäft führe, ich teilweise Vorbild bin für andere Migranten.

Wofür steht München kulinarisch? 

München hat lange kulinarisch geschlafen, die letzten fünf bis zehn Jahre aber sehr aufgeholt. Ich würde mir wünschen, dass vielleicht ein paar Wirtshäuser sich auch mal für das Moderne interessieren oder öffnen und darin investieren.

Sie haben mal verraten, dass Ihre Eltern noch nie bei Ihnen im Lokal gegessen haben. Gibt es eine Hemmschwelle vor gehobener Gastro?

Da wir aus ganz einfachen Verhältnissen kommen, denken meine Eltern, dass wir ein Elite-Restaurant sind. Aber es ist ein Restaurant für Jedermann. Wir haben den Superstar, den Fußballspieler, aber auch die Hausfrau da. Die Oma, die mich im Fernsehen sieht, soll auch hierherkommen können und sich das leisten können. Ich möchte kein Spießer-Restaurant sein, sondern eins, wo Leben drin ist.

Freut sich, dass er wieder Gäste begrüßen kann: Koch Ali Güngörmüs.

TV-Koch Ali Güngörmüs - Zur Person

„Die Kohlrouladen meiner Mama“: Das ist das Lieblingsessen von Ali Güngörmüs. Als mittleres von sieben Kindern wurde der Koch am 15. Oktober 1976 geboren – in Pageou. Das ostanatolische Dorf ist der Namensgeber für sein Münchner Restaurant, das er 2014 eröffnete. 1986 zog die Familie zum Vater, der seit Jahren in München arbeitete. Hier begann auch seine kulinarische Laufbahn: Neben dem „Glockenbach“ arbeitete er im „Tantris“, der „Käfer-Schenke“ sowie als Küchenchef im „Lenbach“ und im „Ederer“. Mit dem „Le Canard Noveau“ eröffnete er 2005 in Hamburg sein erstes Restaurant, das im Jahr darauf mit einem Stern ausgezeichnet wurde. Zudem ist der Koch gern gesehener Gast in diversen Kochshows, zuletzt bei „Grillen mit Ali und Adnan“ beim BR. Nachdem er in seiner Jugend in der Maxvorstadt gelebt hat, wohnt Güngörmüs nun in der Au.

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Sabina Kläsener

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