„Es geht nicht um  Integration, sondern um Zusammenhalt“

Ali Danabas stellt in Hallo München das neue  Integrationskonzept für den Landkreis vor

Ali Danabas (50), Integrationsbeauftragter des Landkreis München
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Ali Danabas (50), Integrationsbeauftragter des Landkreis München

Ali Danabas ist Integrationsbeauftragter des Landkreis München. Was ihm wichtig ist, warum das Wort „Integration“ eine Mogelpackung ist, wie er mit der Stadt kooperieren will...

Ali Danabas lernte schmerzhaft, dass Anderssein gefährlich sein kann: Als 1993 in Solingen und Mölln Brandanschläge auf türkische Familien verübt wurden, ging er wieder in seine Geburtsstadt Ankara.

Als dort Aleviten – zu denen seine Eltern gehören – angegriffen wurden, kehrte er nach Deutschland zurück, um dafür zu kämpfen, dass jeder sein kann, wie er ist. „Wer seine Wurzeln in einer Gesellschaft verleugnen muss, wird sich dieser gegenüber nicht gänzlich öffnen“, sagt der Ismaninger, der seit 2007 Integrationsbeauftragter des Landkreis München ist.

Für diesen hat er jetzt ein Konzept mit 91 Maßnahmen vorgelegt, darunter psychische Unterstützungsangebote für Migranten oder die Einführung von Job-Mentoren für zugewanderte Fachkräfte.

Was ihm besonders wichtig ist, warum das Wort „Integration“ eine Mogelpackung ist, wie er mit der Stadt München kooperieren will, verrät er von A bis Z.

Ali Danabas (50), Integrationsbeauftragter des Landkreis München, von A bis Z

Alltagsrassismus hat jeder Ausländer und ausländisch aussehende Deutsche hier schon erlebt. Für die nächsten zwei Jahre hat sich der Landkreis darum diesen Schwerpunkt gesetzt, zum Beispiel, wenn wir für das Projekt „Schule ohne Rassismus werben“.

Bildhauer: Ich habe in der Türkei ein Studium zum Bildhauer abgeschlossen. Dabei lernt man dreidimensional zu denken. Man dreht sein Modell und sieht es von allen Seiten. Allen Seiten gerecht werden – diesen Anspruch habe ich auch als Integrationsbeauftragter.

Charta der Vielfalt: Die hat der Kreis München schon 2011 unterzeichnet, als erster Landkreis in Bayern.

Demenzhilfe: Wenn Migranten dement werden, ist oft eine Ansprache in ihrer Muttersprache wichtig. In Taufkirchen gibt es bereits eine kultursensible Demenzhilfe. Natürlich versuchen wir, solche Erfolgsmodelle auszubauen.

Eingesessene spielen eine wichtige Rolle für unser Konzept. Heute haben über 35 Prozent der Menschen im Landkreis einen Migrationshintergrund. Es soll aber keine Konkurrenz zwischen Zugewanderten und Alteingesessenen geben. Die Einheimischen sollen stolz auf das sein, was sie sind und es den Neuen zeigen.

Flüchtlingswelle gab es 2015 so gesehen eigentlich keine. Unter den 80 000 Ausländern im Landkreis sind nur etwa 4000 Flüchtlinge, der Großteil sind Einwanderer aus Europa.

Gräber: Wir möchten für die Gemeinden einen Leitfaden zur Anlage nicht-­christlicher Gräber entwickeln. Dabei geht es nicht nur um muslimische Bestattungsformen, sondern auch um orthodoxe. Aktuell improvisieren die Kommunen, wenn Anfragen kommen. Wir wollen es ihnen leichter machen.

Hetze gegen Ausländer: Die Büchse der Pandora hat damals Thilo Sarrazin geöffnet. Dass ein Mitglied einer etablierten Partei so sprechen konnte, hat viele ermutigt, es ihm gleich zu tun. Seitdem ist Hetze gegen Ausländer auch in und um München schlimmer geworden.

Integration: Der Begriff ist eine Mogelpackung, denn es geht nicht nur darum, dass sich Zugewanderte integrieren. Es geht um den Zusammenhalt der Gesellschaft, um Chancengleichheit, das Ausschöpfen von Potenzialen und eine stärkere Teilhabe an der Demokratie.

Job-Mentoring: Wir wollen Mentoren in Unternehmen etablieren, die zugewanderten Fachkräften den Alltag in Deutschland zeigen.

Kultur ist Begegnung – und daher wichtig für die Integration. Aber sie ist auch teuer. Darum haben wir ein Kultur-Patenprojekt, das Karten für Veranstaltungen gratis abgibt und Menschen dorthin begleitet.

Läuft schon: Einige Maßnahmen des Intergrationskonzepts werden bereits jetzt umgesetzt – zum Beispiel die interkulturelle Öffnung des Landratsamts. Es gibt auch schon Kulturdolmetscher sowie eine jährliche Feier für neu Eingebürgerte.

Moria: Berührt mich sehr. Es sollte selbstverständlich sein, dass auf europäischem Boden Menschenrechte rigoros eingehalten werden. Derzeit lässt die Situation daran zweifeln. Das untergräbt die Glaubwürdigkeit der EU.

Nachholbedarf: Vor allem bei der demokratischen Partizipation haben wir noch viel zu tun. Erst, wenn die meisten Ausländer eingebürgert sind und wählen dürfen, werden sich Parteien mit ihnen beschäftigen. Außerdem erreichen immer noch deutlich weniger Kinder mit Migrationshintergrund höhere Bildungsabschlüsse.

Opferberatung: Die Stelle für Demokratie in München hat eine Beratung für Opfer rechter oder rassistischer Gewalt. Wir möchten in Zukunft eine gemeinsame Anlaufstelle von Stadt und Kreis etablieren. 

Psychische Hilfe: Für Einwanderer ist es schwierig, einen Psychologen zu finden, der ihre Sprache spricht. Es gibt im Landkreis bereits das Projekt Psychoedukation bei Depression in türkischer Sprache. Das wollen wir ausweiten.

Querschnitt: Die meisten Migranten im Landkreis München sind zwischen 25 und 55 Jahre alt. Es sind 173 Nationalitäten vertreten, die größte Gruppe sind Kroaten.

Religion: Ich fühle mich von jeder Religion gleich weit entfernt, aber meine Eltern sind Aleviten. Ich spiele die Saz – ein für Aleviten typisches, gitarren­ähnliches Instrument.

Sprache ist der Schlüssel zur Integration, nur damit kann man sich beteiligen und seine Sorgen mitteilen. Wir wollen die Rahmenbedingungen derart verbessern, dass jeder im Landkreis Deutsch lernen kann – wenn auch auf freiwilliger Basis.

Türkei: Bis zu meinem neunten Lebensjahr lebte ich in der türkischen Hauptstadt Ankara. Heute sind Deutschland und die Türkei meine Heimat.

Ueberprüft wird die Umsetzung der 91 Maßnahmen des Integrationskonzepts nach drei Jahren. So können wir entscheiden, welche Projekte weiterlaufen sollen. 

Vereine nur für Migranten, etwa beim Fußball, sehe ich skeptisch. Beim Sport sind wir alle gleich. Bieten sie aber etwas an, was es in Deutschland sonst nicht gibt, können diese eine Bereicherung für alle sein.

Weltstadt mit Herz: Das ist München. Aber: Der Landkreis ist genauso kosmopolitisch wie die Stadt. Da gibt es keine Unterschiede.

Xpats leben oft nur eine begrenzte Zeit in München. Aber auch sie sollen hier eine Heimat finden. Dafür möchten wir zum Beispiel Expat-Stamm­tische anbieten, bei denen diese sich austauschen können.

Young: Mir ist wichtig, dass in Kindergärten und Schulen die Muttersprache der Kinder wertgeschätzt wird. Beherrscht man diese, lernt man auch weitere Sprachen leichter. Um das zu verstehen, wollen wir jetzt interkulturelle Schulungen für Erzieher organisieren.

Zusammenarbeit: Anstelle eines Integrationsbeauftragten gibt es in München die Stelle für interkulturelle Arbeit, mit der ich mich austausche. Oft sind die Strukturen aber zu verschieden, um Konzepte im Landkreis zu übernehmen. Enger ist die Zusammenarbeit von Stadt und Land auf der Ebene von Vereinen und Organisationen.

rea

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