Bewahren & Verändern

Münchens Stadtheimatpfleger Bernhard Landbrecht - seine Grundsätze für die nächsten vier Jahre

Bernhard Landbrecht
+
Bernhard Landbrecht

Hallo hat mit Stadtheimatpfeger Bernhard Landbrecht gesprochen. Warum er nicht sagen kann, ob die 100-Meter-Marke bei Hochhäusern noch angemessen ist erzählt er im A-Z.

Bernhard Landbrecht (68) ist seit 2017 Münchens Heimatpfleger – seine Stimme wird in allen wesentlichen Entscheidungsgremien, in denen es um die Änderung des Stadtbildes geht, gehört. Jetzt wurde er erneut für die Dauer von vier Jahren vom Stadtrat in dieses Ehrenamt berufen.

Der Regierungsbaumeister, Architekt und Stadtplaner schreibt außerdem für die vierteljährlich erscheinende Fachzeitschrift „Der Bauberater“ und ist als Preisrichter tätig. Seit 1986 arbeitet er als freischaffender Architekt in seinem Büro am Rande der Maxvorstadt.

Warum Landbrecht, der in Pasing wohnt, keinen Trachtenjanker besitzt und warum er nicht pauschal sagen kann, ob die 100-Meter-Marke für Hochhäuser noch angemessen ist, erzählt er uns von A bis Z.

Der Stadtheimatpfleger Bernhard Lambrecht (68) von A - Z

Architekt bin ich geworden weil mich bereits sehr früh die Fragen einer Verknüpfung von technischen Möglichkeiten und gestalterischen Anforderungen an – heute würde ich sagen – Umweltgestaltung interessiert haben.

Bewahren: Veränderungen haben immer stattgefunden. Es geht um den respektvollen Umgang mit dem Vorhandenen. Man kann es auch die Bewahrung der Schöpfung nennen. 

Cello: Das Spielen erfordert handwerkliche Fähigkeiten und künstlerische Begabung. Erstere kann man sich bis zu einem gewissen Grad aneignen. Letztere muss dazu kommen. Hier werden sehr deutlich die eigenen Grenzen aufgezeigt.

Denkmalpflege: Heimatpflege beschäftigt sich mit den Fragen von Herkunft und Zukunft. Alle Fragen der Herkunft können somit nur unter umfassender Einbeziehung der denkmalpflegerischen Erkenntnisse beantwortet werden.

Einspruch erhebe ich immer dann, wenn Defizite in der Durchdringung der Problemfelder erkennbar sind, wenn der ganzheitliche Ansatz zu kurz kommt. 

Funktion: Ich berate. Entscheidungen kann ich höchstens dann beeinflussen, wenn es mir gelingt, überzeugende Argumentationsketten aufzubauen. Gelingt nicht immer…

Gartenstadt-Gebiete: Ein besonders anspruchsvolles Thema. Das braucht vor allem klare „Spiel“-Regeln und ein Wertegefüge, das von der jeweiligen Stadt(teil)gesellschaft voll getragen wird. Denn die Betrachtung des Einzelgrundstücks führt immer zu einer verkürzten Betrachtung der Gesamtsituation.

Heimat ist das Umfeld, das mich trägt. Das beinhaltet den Lebensraum genauso wie das soziale Umfeld. Und es sind ganz sicher nicht oberflächliche Attribute. Ich besitze zum Beispiel keinen Trachtenjanker.

Innenstadt: Sie hat durch die Olympischen Sommerspiele von 1972 einen entscheidenden Veränderungsprozess erfahren. Mit der Verfügbarkeit hochleistungsfähiger ÖPNV-Systeme konnte der Individualverkehr reduziert werden. Daran wird weiter gearbeitet.

Jury: Als Preisrichter überzeugen mich Lösungen, die eine in sich stimmige Antwort auf die Situation des Ortes geben.

Kontextuelles Bauen bedeutet: die Merkmale des Ortes erkennen und bewusst in die Planungsprozesse einbeziehen. Mir hilft hier immer das Bild von einem Orchester, das bei der unbestrittenen Qualität der Einzelstimmen erst zusammen den oft beschriebenen „Klangkörper“ ausmacht. 

Leitlinien: „Tradition ist bewahrter Fortschritt – Fortschritt ist Weiterführung von Tradition“ (Carl-Friedrich von Weizsäcker). Das ist das Motto für meine Arbeit. 

Misslungen ist ein Gebäude erst, wenn es auf keiner Planungsebene einen Beitrag für das Weiterbauen im Stadtorganismus leisten kann. Im Chor leise zu singen ist besser, als um jeden Preis laut zu sein.

Nachverdichtung: Die Grenze ist eindeutig dort, wo sie nur einseitig der Baumassenmehrung dient. Sie ist immer gemeinsam mit der Freihaltung zusammenhängender Freiflächen zu denken.

Oeffentlicher Raum: Mir ist der Begriff des Gemeinschaftsraumes lieber. Dann können wir die Bedeutung und den Wert dieser Räume für die Stadtgesellschaft erkennen.

Praktische Arbeit: Aus einem Wettbewerb von 1992 konnten wir am östlichen Rand von Oberbayern den Stadtteil „Hüttenthaler Feld“ entwickeln und betreuen dieses Quartier im Auftrag der Stadt Tittmoning – auch heute noch. Darauf bin ich stolz.

Qualifikation: In der Satzung heißt es, dass nur eine Persönlichkeit berufen werden soll, die fachlich für diese Tätigkeit besonders geeignet ist. Bisher waren dies immer Architekten, die einen ausgeprägten Bezug zum Bauen im Kontext hatten. Es könnte aus meiner Sicht auch einmal eine Architektin sein.

Räume: Jeder, der ein Haus baut, muss erkennen, dass er im doppelten Sinn Räume erzeugt. Nach innen und nach außen. 

Stellenwert: Je überzeugender meine Argumentationsketten gelingen, desto höher wird der Stellenwert meiner Stimme.

Townscape-dominated – Landscape-dominated: Das ist ein Ordnungskonzept aus englischen Design-Guides. Es bedeutet, dass entweder das bauliche Element oder der Grünraum eindeutig überwiegt. Alles dazwischen wird als „suburban“ charakterisiert. 

Unverständlich ist für mich, dass oft zu wenig erkannt wird, dass es nicht eine Freiheit von etwas gibt, sondern nur eine Freiheit zu etwas: eine Freiheit in Verantwortung.

Verantwortlicher Redakteur: Für das Fachmagazin „Der Bauberater“ schreibe ich in der Regel die Seite drei. Wichtiger ist allerdings: die aktuellen Themen aufzuspüren und an möglichst herausragenden Beispielen zu erörtern. 

Wütend werde ich dann, wenn ich zu ungeduldig bin!

XL: Die 100-Meter-Begrenzung für Hochhäuser ist eine Hilfskonstruktion. Mir ist wichtig, dass wir auf den jeweiligen Ort schauen – es gibt immer einen Kontext. Das wichtigste Kriterium ist für mich der respektvolle Umgang mit dem Vorhandenen. Es sollte in jeder Zeitstufe immer wieder ein neues Ganzes entstehen.

Ysenburgstraße: Hier sind wir in der Nähe bedeutender städtebaulicher Räume, wie dem Rotkreuz- oder dem Dom-Pedro-Platz. 

Zeit: Wenn ich freie Zeit finde, verbringe ich sie am liebsten mit Nachdenken. Das kommt viel zu kurz im Alltäglichen! 

Auch interessant:

Meistgelesen

Abschied vom Theater? „Für mich unvorstellbar“ - Neue „Rosenheim Cops“-Kommissarin Vanessa Eckart im Interview
Abschied vom Theater? „Für mich unvorstellbar“ - Neue „Rosenheim Cops“-Kommissarin Vanessa Eckart im Interview
Fritz Karl: „Bei Paaren, die in die Vollen gehen, kracht es“
Fritz Karl: „Bei Paaren, die in die Vollen gehen, kracht es“

Kommentare