Dr. Michael Kerkloh im Gespräch mit Hallo München

Dr. Michael Kerkloh: „Wir wollen die Welt retten – und Mobilität sichern“

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Wegen ihm gehen Münchner in die Luft: Auch kurz vor seinem Abschied glaubt Dr. Michael Kerkloh noch an die Dritte Startbahn und die Zukunft des Fliegens in Zeiten des Klimabewusstseins.

Heimatzerstörer oder Visionär? Seit 17 Jahren lenkt Dr. Michael Kerkloh den Münchner Flughafen. Warum er noch an die dritte Startbahn glaubt und wieso das Fliegen auch heute noch eine Zukunft hat...

München – Als erfolgreicher Manager machte er den Münchner Airport zum besten Europas – und kämpft seit 17 Jahren für die höchst umstrittene dritte Startbahn. Im Interview erklärt der Flughafen-Chef seine eigenen Klimaziele, warum es hochnaiv ist, auf den Bahnverkehr zu setzen, und wieso sich die Sicherheitspanne 2018 nie mehr wiederholen kann. von Maren Kowitz

Herr Kerkloh, wie ist Ihre Bilanz für die Osterferien?
Am 12. April, dem ersten Tag des Ferienreiseverkehrs und dem letzten Tag der Bauma, hatten wir 160 000 Passagiere – normal sind 130 000. Dass alles problemlos abgewickelt wurde, ist ein Indiz dafür, dass die eingeleiteten Maßnahmen teilweise bereits greifen. Flughafen und Fluglinien haben Personal aufgestockt. Die Lufthansa hat mittlerweile eine ganze Reihe von Reserveflugzeugen hier stehen, damit die Flüge pünktlich starten können, selbst wenn einmal eine Maschine ausfällt.
Aber wenn es um die Engpässe im Luftraum oder den Personalaufbau bei den Fluglotsen geht, braucht man mehr Zeit. Deshalb ist auch noch nicht garantiert, dass die Pfingst- und die Sommerferien genauso reibungslos verlaufen.

Die Sommerferien 2018 begannen mit einer Sicherheitspanne, die den Flughafen für einen Tag lahmlegte. Was wurden daraus für Konsequenzen gezogen?
Ausgelöst wurde das Ganze durch den individuellen Fehler einer Mitarbeiterin der unter staatlicher Aufsicht stehenden Sicherheitsgesellschaft. So etwas passiert. 38 000 Leute arbeiten hier am Flughafen, 5000 Leute davon für die Sicherheit. Die Kommunikation zwischen Behörden, Airlines und Flughafen hätte besser funktionieren müssen, da wurden jetzt neue Meldeketten installiert und technische Verbesserungen eingeführt. Außerdem wurden neue Lichtschranken an der Sicherheitskontrolle installiert, so dass sich ein solcher Vorgang nicht mehr wiederholen kann.

„Die Grünen schlagen alle Einladungen aus“

Wie ist die Prognose für 2019?
Wir rechnen mit zwei Prozent mehr Flugbewegungen – bei derzeit rund 413 000 macht das mehr als 8000 – und mit einem Plus von drei Prozent bei den Passagieren. Das wäre eine Steigerung auf knapp 48 Millionen . Wir wachsen allerdings nur noch unterdurchschnittlich - das liegt auch daran, dass wir keine dritte Startbahn bekommen.

„Eine dritte Startbahn würde den Verkehrsstau in der Luft auflösen und den Ausstoß von Emissionen beim Warteschleifen-Fliegen vermeiden.“

Für die haben Sie seit Ihrem Amtsantritt 2002 gekämpft. Wie groß ist die Enttäuschung, dass die Entscheidung in 17 Jahren nicht gefallen ist?
Die Auseinandersetzung war keine psychische Last, weil ich von diesem Ausbauvorhaben vollkommen überzeugt bin. Deshalb habe ich mich auch nie versteckt und bin keiner Diskussion ausgewichen. Alle politischen Parteien kommen regelmäßig her und informieren sich – bis auf die Grünen. Die schlagen alle Einladungen aus.

Glauben Sie, Sie könnten sie bekehren?
Nein, aber ich würde ihnen schon gerne klarmachen, dass eine dritte Startbahn für das Klima besser wäre. Weil wir dann den Verkehrsstau in der Luft auflösen könnten und vermeiden, dass Flugzeuge Emissionen ausstoßen, während sie Warteschleifen fliegen, bis sie bei uns landen können. Und ich würde gerne mit ihnen diskutieren, wie wir unseren Flughafen zu einem Referenzflughafen machen können. Und wie man Fliegen besser, nachhaltiger und klimafreundlicher machen kann statt es zu verbieten.

Aber hat Fliegen denn eine Zukunft – in der „Fridays for Future“-Generation?
Menschen wie Greta Thunberg konfrontieren andere Menschen mit den Folgen ihres Verhaltens. Das erzeugt natürlich zunächst einmal Aufmerksamkeit und auch Betroffenheit. Ob die Menschen dann tatsächlich ihr Verhalten ändern, steht aber auf einem anderen Blatt. Weil es sich oft einfach auch nicht realisieren lässt und weil jeder Mensch gerne alle Möglichkeiten hat, wachsen will, die Welt sehen will.
Wir wollen diese Mobilität absichern, aber wir wollen auch die Welt retten. Deswegen geben wir 150 Millionen Euro dafür aus, dass wir unseren Airport 2030 als ersten Flughafen Deutschlands CO2-neutral betreiben können. Gerade beim Bau neuer Gebäude sind wir äußerst klimaeffizient. Unser Satelliten-Terminal ist zum Beispiel 40 Prozent besser in der Klimabilanz als das alte Terminal 2.

Gerade wurde die nächste Baustelle begonnen am Terminal 1. Was passiert da?
Das Terminal 1 ist unsere Erstausstattung, die erste Bauphase des Flughafens. Die soll in ihrer Architektur grundsätzlich erhalten werden. Aber dort ist eine adäquate Abfertigung schwierig. Damals waren die Flächen für Sicherheit viel kleiner, jetzt brauchen wir Riesenflächen. Und von der großen A380 mit ihren mehr als 500 Passagieren, die dort abgefertigt wird, hat 1985, als der Bau begann, noch niemand geträumt. Es gibt auch wenig Einzelhandel und Gastronomie. Dafür bauen wir jetzt einen Pier, der vom Terminal 1 ins Vorfeld rauswächst. In vier Jahren soll er fertig sein.

„Mir fehlt oft der Gesamtblick auf das Gemeinwohl“

Bis dahin möchte Verkehrsminister Andreas Scheuer schon längst die Langstrecken-Bahnfahrten billiger machen, um mehr Leute auf die Gleise zu locken...
Ich freue mich, wenn die Leute Bahn fahren. Aber die Forderung, den innerdeutschen Luftverkehr auf die Bahn zu verlagern, ist hoch naiv. Das bedeutet 100 Milliarden Investitionen und 40 Jahre Bauzeit. Man muss alle Strecken schnell machen, neue Schienen legen – und auch beim Bahnausbau hat man die gleichen Anwohnerproteste wie bei der Startbahn.

Verstehen Sie die Einwände der Anwohner?
Mir fehlt oft der Gesamtblick auf das Gemeinwohl. Viele von uns wollen selbst alle Möglichkeiten, aber nicht in ihrem Eigeninteresse eingeschränkt sein. Das geht uns nicht nur bei der Startbahn so, auch eine schnellere S-Bahn zum Flughafen scheitert an Anwohnern, die gegen längere Schrankenschließzeiten oder Brückenbauten sind. Da fehlt mir auch mal jemand in der Politik, der gegen solche Einzelegoismen Stellung bezieht. Jemand, der die Position vertritt, dass sich eine Stadt verändern muss und Menschen dafür ab und zu etwas zugemutet werden darf.

„Wir wollen, dass die Münchner stolz auf ihren Flughafen sind“

Was bedeutet der Flughafen für die Münchner?
Seit dem Umzug hat sich deren emotionale Bindung zum Airport abgeschwächt. Für die Münchner war Riem „unser Flughafen“, der Flughafen im Erdinger Moos ist „der Flughafen“. Wir werden funktional wahrgenommen, nicht als Teil der Münchner Identität, während Riem diesen Status hatte. Der Münchner ist in seiner Sicht sehr stark auf die Stadt beschränkt und orientiert sich im Übrigen vor allem Richtung Süden. Er kennt jede Trattoria am Gardasee, weiß aber wenig über die nördlich des Flughafens gelegenen Regionen.

Was ziehen Sie daraus für Konsequenzen?
Wir haben im Rahmen der Startbahndebatte eine Menge dazu gelernt und unser Engagement in München verstärkt. Wir hatten uns nicht genug um München gekümmert, die Präsenz in der Stadt ist wichtig. Seit drei, vier Jahren fördern wir größere Veranstaltungen und soziale Projekte, sind beispielsweise Partner des Olympiaparks.

Und spüren Sie schon eine Verbesserung?
Schon, aber wir erhoffen uns noch mehr Wertschätzung. Wir wollen, dass die Münchner stolz auf ihren Flughafen sind. Wir sind nicht nur der beste, sondern auch der schönste Flughafen Europas. Wir sind architektonisch toll, gewissermaßen der Olympiapark unter den Flughäfen. Das ist uns auch wichtig, deswegen pflastern wir den Airport nicht mit Werbung zu, da verzichten wir bewusst auf Millionen-Erträge.
Es ist spitze, was es hier zu sehen und spüren gibt. Hier kommt die ganze Welt zusammen, es ist ein Mega-Ort, einzigartig in Bayern. Und der einzige Flughafen weltweit mit einer eigenen Brauerei. 1300 Flüge am Tag, alle 45 Sekunden ein Start und eine Landung. Ein Münchner Gesamtkunstwerk.

„Der Flughafen ist für mich nicht nur ein Arbeitsplatz“

Flughafen-Chef Dr. Michael Kerkloh und Hallo-Redaktionsleiterin Maren Kowitz beim Gespräch mit Blick auf Flughafen Tower und Besucherhügel.

Ende 2019 gehen Sie in den Ruhestand. Wie oft werden Sie auf den Besucherhügel zurückkehren?
Es gibt viele Orte am Airport, zu denen ich sicher zurückkehren werde (Hallo verlost Tickets für die Airport-Tour). Dieser Flughafen ist für mich nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern ein sehr wichtiger Teil meines Lebens.

Wann wird ihr Nachfolger denn feststehen?
Wahrscheinlich im Sommer. Wir sind gerade mitten im Bewerbungsprozess. Ein Headhunter stellt die geeignetsten Kandidaten vor. Dann müssen die Gesellschafter entscheiden.

Zur Person

Geboren wurde Michael Kerkloh am 5. Juli 1953 im westfälischen Ahlen. Er studierte Volkswirtschaft in Göttingen, London und Frankfurt, wo er ab 1987 in der Betriebsplanung beim Flughafen arbeitete. 1995 wurde er Geschäftsführer der Flughafen Hamburg GmbH, bis er 2002 als Flughafen-Chef nach München wechselte. 

Ende des Jahres geht er in den Ruhestand. Im Sommer soll sein Nachfolger feststehen. Ein Headhunter stellt gerade die geeignetsten Kandidaten vor, dann müssen die Gesellschafter entscheiden. 

„Es gibt viele Orte am Airport, zu denen ich sicher zurückkehren werde. Dieser Flughafen ist für mich nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern ein sehr wichtiger Teil meines Lebens“, betont Kerkloh, der in Wolfersdorf bei Freising wohnt. 

Privat gehört neben seiner Familie seine Liebe der Musik. Er spielt mehrere Instrumente, unter anderem Piano und Gitarre in der Rockband „Next Generation“, der auch OB Dieter Reiter angehört.

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