Die Kindheit vor dem Bildschirm

Medienkompetenz-Expertin Verena Weigand (61) von A bis Z

+

München: 20 Jahre Flimmo: Erfinderin Verena Weigand gibt Tipps im Umgang mit TV, Smartphone und Internet.

Kein Smartphone, kein Google, kein Youtube – das war die Zeit, als Verena Weigand von der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) „FLIMMO“ erfand, einen Programmratgeber für Eltern. Genau 20 Jahre ist das her, und die Medienlandschaft für Kinder hat sich seitdem massiv verändert. „Kinder sehen Sendungen jetzt auch über Mediatheken und Streamingdienste. Der klassische TV-Bildschirm wird durch mobile Endgeräte ergänzt oder sogar ersetzt“, betont Weigand, die bei der BLM den Bereich Medienkompetenz und Jugendschutz leitet. Für Eltern werde es daher immer schwieriger, geeignete Programme für ihre Kinder auszuwählen. In einer App und auf der Website www.flimmo.tv bespricht flimmo jetzt auch Sendungen, die nur im Internet zu finden sind. Trotzdem sei es für die Eltern eine Wahnsinnsherausforderung, so Weigand. „Dennoch dürfen sie nicht resignieren angesichts der Medienflut.“ Vor allem sei es wichtig, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, damit die Kinder problematische Inhalte, die sie gesehen haben, thematisieren können und sich nicht alleingelassen fühlen. Was Weigand noch für Tipps im Umgang mit TV und Smartphone hat, lesen Sie im A bis Z. Maren Kowitz

Altersgrenze: Ab zehn Jahren wird das Smartphone eine starke Forderung. WhatsApp ist offiziell erst ab 13 Jahren freigegeben. Auf jeden Fall sollten hier die Eltern mit dem Kind gemeinsam den Zugang einrichten und ab und zu gemeinsam durchschauen...

Beschwerden: Sollten Eltern im Fernsehen oder im Internet auf Inhalte stoßen, die sie für nicht jugendfrei halten, können sie sich an eine zentrale Beschwerdestelle – www.programmbeschwerde.de – wenden. Von dort wird die Beschwerde an die jeweils richtige Stelle weitergeleitet.

Cybermobbing: Ein problematisches gepostetes Foto findet gleich den Weg in die Welt. Und das Handy wird von der jungen Generation als sehr intim wahrgenommen, verletzende Botschaften dort gehen ihnen sehr nah.

Digitaler Dauerstress: Durchschnittlich greift der Erwachsene 88mal am Tag zum Smartphone, Jugendliche im Durchschnitt 150mal. Immer mehr Kinder und Jugendliche empfinden es als Druck, online immer und schnell reagieren zu müssen.

Eltern: Während des Essens sollte möglichst kein Familienmitglied das Smartphone am Tisch haben. Daran sollten sich dann aber auch Kinder und Eltern halten.

Fernsehen: Bei den Kindern unter zehn Jahren ist Fernsehen immer noch das Leitmedium. Damit verbringen sie am meisten Zeit und es ist für viele das Tor zum Internet.

Geschenk: Eltern sollen ihren Kindern kein Smartphone schenken, sondern leihen. Der Handyvertrag läuft ja sowieso auf den Namen der Eltern. Dann ist es auch leichter, es mit Bedingungen und Regeln zu verknüpfen.

Hilfsangebote: In München hat beispielsweise die Beratungsstelle TAL 19 am Harras eine Sprechstunde für Mediensucht. Jeden letzten Freitag im Monat zwischen 15 und 16.30 Uhr berät sie kostenfrei Betroffene und Angehörige.

Influencer: Die Internet-Stars sind die Helden der nächsten Generation, sie haben großen Einfluss, bekommen Geld dafür, Produkte zu bewerben. Wir verhandeln gerade, ob künftig die Kennzeichnung „Ad“ reicht oder deutlich „Werbung“ über dem Inhalt stehen muss.

Jugendschutz: Der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag nennt eine Reihe von Inhalten, die weder im Internet noch im Fernsehen gezeigt werden dürfen: Schwere Pornografie, Gewaltverherrlichung oder Aufforderung zum Rassenhass.

Kinder darf man nicht so lange Videospiele spielen, surfen oder fernsehen lassen wie sie wollen.

Live: Was mir Sorgen bereitet, sind die immer leichteren Tools, live zu gehen. Wir schärfen den Kindern eine Verzögerungssekunde ein: „Bevor du was postest, überleg schnell, ob du das wirklich posten willst.“ Aber jetzt können sie live aus dem Kinderzimmer senden.

Mediennutzungsvertrag sollten Eltern mit ihren Kindern schließen. Die Vorlage gibt’s im Internet und man kann sie verschieden ausgestalten.

Neue Entwicklung: Mittlerweile gibt es viele Handy-Spiele, die auch ohne den Spieler weiterlaufen, bei denen man eigentlich immer online sein muss. Bei den Grundschülern ist zur Zeit „Clash of Clans“ sehr beliebt.

Onlinesucht: Ich wäre vorsichtig, bei Jugendlichen unter 16 Jahren das Wort „Sucht“ zu verwenden. Man neigt in dem Alter dazu, alles Mögliche im Übermaß zu machen.

Porno-Tatort: Ich hätte den umstrittenen BR-Tatort mit diesen Inhalten nicht um 20.15 Uhr laufen lassen. Aber die öffentlich-rechtlichen Sender unterliegen nicht unserer Jugendschutzkontrolle.

Quellenkritik: In Zeiten von Fake News sollte jeder verschiedene Suchergebnisse vergleichen, im Impressum nachschauen, wer verantwortlich für die Inhalte ist und über denjenigen recherchieren, was er für Absichten haben könnte.

Rechtsextrem: Ein Schwerpunktthema, bei dem alle Landesmedienanstalten zusammenarbeiten, sind rechtsextreme Angebote. Einige dieser Anbieter gehen subtil vor, bringen Artikel über Jugend-Arbeitslosigkeit oder Musik. Auf den Unterseiten stößt man dann auf Holocaust-Leugnung oder Ausländerfeindlichkeit.

Schulen: In Bayern gibt es an jeder Schule ein Handyverbot. Kein Schüler darf es nutzen, außer wenn es im Unterricht eingesetzt wird.

Team: Drei meiner Mitarbeiter durchforsten das Internet permanent nach schädlichen Inhalten. Sie bekommen alle vier Wochen eine psychologische Supervision. Im Internet stößt man auf verstörende Sachen. Wir versuchen dann, sie entfernen zu lassen.

Unterricht: Informatik soll ab dem Schuljahr 2018/19 in Bayern Pflichtfach werden. Programmieren lernen macht sicher Sinn. Dazu muss aber die Reflexion mit Hilfe des Lehrers kommen. Dann versteht man die Algorithmen dahinter, warum man beispielsweise ein anderes Ergebnis bei Google bekommt als der Nachbar.

Verantwortung: Für die Inhalte hat in erster Linie der Anbieter, der Produzent und der Hersteller die Verantwortung. In einem Laden, der Produkte für über 16-Jährige verkauft, macht sich auch der Inhaber strafbar, wenn er einem Kind so ein Produkt verkauft, nicht das Kind.

Warnsignale: Wenn die sozialen Kontakte total einschlafen, wenn die Schulnoten schlechter werden, wenn der Alltag nicht mehr bewältigt wird, weil man sich nicht mehr vom Smartphone/Laptop/Fernsehen losreissen kann, dann sollten Eltern einschreiten oder Hilfe suchen.

Xundheit: Exzessive Mediennutzung kann zu Übergewicht, Nervosität, Unzufriedenheit und Konzentrationsschwäche beitragen.

YouTube, Instagram und Whats App – darum geht es bei Kindern und Jugendlichen hauptsächlich. Twitter oder Facebook ist für sie nicht interessant.

Zensur: Mir ist die Zensurfreiheit im Grundgesetz sehr wichtig. Manche beschweren sich, dass wir immer erst im Nachhinein tätig werden können. Das ist aber gut so. Ich möchte keine Vorzensur betreiben.

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Monika Gruber: „Ich tanze viel zu wenig nackert durchs Haus“ 
Monika Gruber: „Ich tanze viel zu wenig nackert durchs Haus“ 
Konstantin Wecker: „Denen geht es nicht um Freiheit für alle“
Konstantin Wecker: „Denen geht es nicht um Freiheit für alle“
Isarindianer Willy Michl wird 70 – im Interview spricht der Bluesbarde über seine Geheimnisse
Isarindianer Willy Michl wird 70 – im Interview spricht der Bluesbarde über seine Geheimnisse
Christiane Blumhoff: "Ich will, dass München bunt bleibt."
Christiane Blumhoff: "Ich will, dass München bunt bleibt."

Kommentare