Interview mit dem Sprecher der Münchner Polizei

Marcus da Gloria Martins: „Gesteuert & manipulativ? Unsinn!“

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Seit Ende 2015 steht Marcus da Gloria Martins als Sprecher der Münchner Polizei in der Öffentlichkeit.

München - Hallo sprach mit Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins darüber, wie die Polizei entscheidet und welche Vergehen sie öffentlich macht

Aufregung im Pasinger Stadtpark: Eine 19-Jährige wird mit einer blutenden Kopfverletzung gefunden. In der Vernehmung gibt sie an, als „Scheiß Antifaschist“ beschimpft worden zu sein. Danach kann sie sich an nichts mehr erinnern. Die Polizei gibt den Vorfall nicht an die Öffentlichkeit, drei Wochen später startet sie einen Zeugenaufruf.

Der Fall im Pasinger Stadtpark sorgte für Wirbel.

Der Freundeskreis einer Frau behauptet, dass diese in einem Park von Rechten zusammengeschlagen worden sei. Ein Online-Magazin griff den Fall auf. Die Autorin des Artikels wirft der Polizei vor, dieser Fall tauche nicht im Polizeibericht auf. Für uns gilt: Ein Fall kommt nur dann in den Pressebericht, wenn wir als Polizei den Ablauf der Tat mit hinreichender Sicherheit einschätzen können. Der Sachverhalt wies einige Aspekte auf, die völlig gegensätzliche Abläufe wahrscheinlich sein ließen und erst weiterer Ermittlungen bedurften.

Warum jetzt der Aufruf?

Aufgrund der vagen Informationslage ist der Aufruf ein weiterer Versuch, Zeugen zu finden. Bis jetzt hat sich keiner gemeldet.

Wie entscheiden Sie, wann Sie welche Nachricht herausgeben?

Es geht um Relevanz. Wir haben rund 1000 Einsätze pro Tag. Die Außenwirkung, also die Wahrnehmbarkeit eines Ereignisses auf Dritte, ist ein zentrales Element in der Entscheidung. Wir berichten über Kriminalitätsfelder, die das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung betreffen. Daneben berichten wir über neue Kriminalitätsphänomene, wie den Enkeltrickbetrug.

Viel diskutiert wird derzeit über rechte Gewalt.

Wir müssen in Zeiten, in denen rechte und linke Gewalt ein Dauerthema ist, das die Bevölkerung interessiert, unsere Berichterstattung anpassen. Wir berichten beispielsweise inzwischen auch von einem Hitlergruß im Rahmen einer Demonstration, anders als noch vor fünf Jahren.

Wie kommunizieren Sie das nach außen?

Sehr transparent. Die Frage ist nur, wo zieht man eine Grenze? Wie gehen wir mit dem Hakenkreuz auf der Schultoilette oder dem „Brennt die Bonzenpaläste nieder“-Graffito an der Hauswand um? Da gilt es Augenmaß zu bewahren.

Ein Pressebericht bildet also nie das aktuelle Bild der Kriminalität ab.

Das kann er nicht. Wir haben am Tag zwischen 50 und 300 Strafanzeigen. Das geht vom Ladendiebstahl, Betrug, Körperverletzung, häuslicher Gewalt bis hin zu schwersten Straftaten. Wir unterscheiden dabei zwischen der Eingangsstatistik, also die quantitative Erfassung zum Zeitpunkt der Tat und der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) als Ausgangsstatistik, die das Ergebnis der polizeilichen Ermittlungen bei Weiterleitung an die Staatsanwaltschaft abbildet. Die Erfahrung zeigt, dass zwischen Eingangsstatistik und Ausgangsstatistik häufig ein großer Unterschied besteht.

Das heißt?

Das Fokussieren auf eine Eingangsstatistik birgt ein großes Risiko. Viele Delikte entwickeln sich im Laufe der Ermittlungen durch Vernehmungen, der Auswertung von Sachbeweisen usw. in eine völlig andere Richtung oder bestätigen sich nicht. Über solche Fälle eine Kriminalitätslage zu beschreiben kann nicht unser Anspruch an eine belastbare Berichterstattung sein. Um ein Bild der Sicherheitslage zu geben veröffentlichen wir einmal jährlich den sogenannten „Sicherheitsreport“, der auf Basis der PKS umfänglich Auskunft zur Kriminalität in München und dem Landkreis gibt.

An Presseberichten der Polizei wird auch kritisiert, dass die Nationalität von Straftätern genannt wird – oder in manchen Fällen nicht.

Uns wird von Populisten vorgeworfen, wir seien gesteuert, weisungsabhängig und manipulativ durch selektive Informationsweitergabe. Das ist schlicht Unsinn. Wir haben als Polizei nur eine Währung: Glaubwürdigkeit. Diese Glaubwürdigkeit darf uns nicht verloren gehen.

Wie verhindern Sie das?

Ein Beispiel: Wir haben in München 30.000 Personen im Rahmen der Asylbewegung 2015 untergebracht. In den Unterkünften geraten gelegentlich Bewohner aneinander. Dabei geht es um Trivialitäten, wie etwa dem bevorrechtigten Gebrauch der Mikrowelle. Solche kleineren Konflikte lösen meist unter den Bewohnern eine gewissen emotionale Aufwallung aus, wo am Ende 10-15 Menschen sehr emotional miteinander streiten. Zu solchen Einsätzen fahren wir dann natürlich nicht mit einer Funkstreife, sondern mit fünf oder zehn. Hier müssen wir aufklären und erläutern um Kriminalitätsfurcht rechtzeitig mindern und die meist völlig trivialen Ursachen dieser Einsätze schildern zu können. Das können Sie aber nicht, wenn Sie sich selber einen Zwang auferlegen und Nationalitäten wie Nigerianer, Somali, Afghane und Syrer nicht in den Mund nehmen oder sich nicht trauen offen über Sachverhalte unter der Beteiligung von Migranten zu sprechen.

Warum nicht?

30.000 Asylbewerber in der Stadt generieren nach unserer Feststellung bei weitem nicht das Kriminalitätsaufkommen, wie ihnen das von bestimmten Kreise unterstellt wird. Das können Sie aber nur dann klarstellen, wenn sie tatsächlich in den Fällen wo diese Gruppen auffällig werden, dies auch benennen, um dann auch mit guten Gewissen sagen zu können, wenn es nicht so ist.

Sprechen Sie mit der Presse über Grenzen?

Ja, aber über Grenzen wie zum Beispiel die Persönlichkeitsrechte von Opfern und Täter zu sprechen, heißt noch lange nicht, dass diese auch akzeptiert werden.

Wie meinen Sie das?

Wir hatten kürzlich einen Fall von einem ausgesetzten Kind. In einem Artikel hat sich ein Fehler eingeschlichen, woraufhin sich eine wichtige Zeugin bei der Zeitung meldete – ein Glücksfall für den Journalisten. Der Journalist rief uns an und wollte von uns wissen, ob es sich dabei wirklich um eine Zeugin handele. Statt ihm dies zu bestätigen, haben wir jedoch die Mordkommission, die in diesem Fall ermittelte, auf diesen Umstand hingewiesen. Das Problem liegt darin, dass die Aussagen der Frau in der Zeitung ihre spätere Rolle als wichtige Zeugin im Gerichtsverfahren erheblich beeinträchtigt hätte und im schlimmsten Falle sogar zur Befangenheit führen könnte. Die Polizei muss in einem Ermittlungsverfahren alles dafür tun, dass die Zeugen und Beweise unbeeinflusst und neutral von einem Gericht gehört und bewertet werden können. Aber der Journalist, der völlig nachvollziehbar eine andere Sicht auf dieses Beispiel hat, ärgert sich, weil ihm die Polizei, obwohl er nur alles richtig machen wollte, eine exklusive Geschichte vereitelt hat.

Wenn Sie drei Dinge ändern könnten am Verhältnis Journalisten und Polizei in München. Was wäre das?

Ich wünsche mir, dass der Berufsstand des Polizeireporters erhalten bleibt. In den Redaktionen wird der Generalist gesucht, der mit vielen Themen befasst wird und wo es nach unserer Wahrnehmung eher „schnell, schnell“ gehen muss. Unsere Themen eignen sich aber nicht dafür. Sie sind in der Regel komplex, haben immer mehrere Aspekte und sind vor allem nicht geeignet um eine schnelle, knappe Meldung daraus schreiben ohne an wichtigen Stellen zu kürzen. Ein zweiter Punkt ist, dass der nach wie vor boomende Online-Bereich manchmal sehr schnell auf Basis von ersten, unvollständigen Informationen eine Meldung veröffentlicht. Hier wünsche ich mir etwas mehr Mut zur Informationsverdichtung und Nachvollziehbarkeit. Der dritte Punkt ist kein Wunsch, sondern ein Statement: Unser Verhältnis ist eigentlich gut und belastbar solide. Nur ist das gegenseitige Verständnis für die Bedürfnisse und Zwänge des jeweils anderen mitunter leichten Schwankungen unterworfen.

Sabina Kläsener

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