A bis Z mit Regisseur Marcus Everding

Marcus Everding: „In jedem Menschen steckt ein Künstler, man muss ihn nur wecken.“

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Münchens bekannter Regisseur - Marcus Everding.

In Hallo erzählt Regisseur Marcus Everding, wie Vater August seine Kindheit und seine Karriere prägte

Über große Fußstapfen kann Regisseur Marcus Everding einiges erzählen. Sein Vater August war der berühmteste Theatermacher Münchens – am 31. Oktober wäre er 90 Jahre alt geworden. Marcus Everding ist der einzige von vier Söhnen, der die Laufbahn seines Vaters eingeschlagen hat – und viel Kritik aushalten musste. „Mein Vater hat sichergestellt, dass ich wusste, wenn etwas, das ich tat, nicht gut ist.“ Mittlerweile hat Everding selbst vier Kinder – und seine Bestimmung erkannt. Im Sommer erhielt er den Kulturpreis, am 18. Oktober feiert sein Stück „Die Helfendorf Cops“ in Aying Premiere, im Dezember ist seine Inszenierung von „Luisa Miller“ in der Pasinger Fabrik zu sehen. Wieso es gedauert hat, bis er seinem Vater dankbar sein konnte und wie er in seiner Karriere gemobbt wurde, lesen Sie hier.

Maren Kowitz

Angekommen: Die für mich bedeutendste Aussage der alten Griechen ist: „Werde, was Du bist!“. Meine Bestimmung erkannt zu haben, hat bei mir gedauert, bis ich etwa 48, 49 Jahre alt war.

Bairisch: Ich bin in München geboren, aber wir sind dialektfrei aufgewachsen. Ich habe Bairisch gelernt, wie man ein Instrument lernt. Trotzdem fühle ich mich im Bairischen sehr zu Hause, habe mein erstes bairisches Stück 2004 geschrieben.

Carl-Orff-Spiele: Von 2008 bis 2015 war ich künstlerischer Leiter der Carl-Orff-Festspiele in Andechs. Über meine Arbeit gab es dann so einen Streit, dass man die Festspiele einstellte. Die Stiftung wollte mich gegen den Willen des Kloster Andechs durch einen anderen Leiter ersetzen.

Dankbar: Es ist die Zeit angebrochen, meinem Vater auch dankbar sein zu können. In Bayern heißt es: Irgendwann ist die Hebamme nicht mehr schuld. Es gab Momente, wo ich seine Aussagen und Behandlung nicht gerecht fand, aber doch nachvollziehbar.

Erinnern: Das Wirken meines Vaters wird in München nie vergehen – schon allein durch die Theaterakademie August Everding. Der jetzige Präsident, Professor Hans-Jürgen Drescher, hat jetzt eine Stiftung im Namen meines Vaters gegründet. Und in Berg am Laim plant die Stadt eine August-Everding-Straße.

Fußstapfen: Wenn man einen Weg geht, auf dem Spuren sind, muss man neben diesen seine eigenen Abdrücke machen. In die Fußstapfen zu treten würde bedeuten, dass mein Abdruck in seinem versinkt.

Grünwalder Burg: Meine Jugend auf der Grünwalder Burg, wo wir gewohnt haben, war wunderbar. Für einen jungen, schwärmerischen Burschen war es das Größte, nachts auf dem Burgturm den Mond anzuschauen. Dann findet man, die eigenen Gedichte werden noch besser.

Heimat: Wir sind viel umgezogen, aber die Konstante war das Haus meiner Eltern im Chiemgau. Seit 2013 bin ich in Andechs daheim. Davor habe ich in Trudering gewohnt.

Immobilienspekulation war das Thema meines ersten Stücks, das ich mit zwölf Jahren schrieb. Aber das muss man nicht mehr hervorholen – aus künstlerischer Perspektive, thematisch ist es wichtiger denn je.

Jahrhundertwerk: Es würde mich am meisten reizen, Wagners „Ring“ zu inszenieren

Kulturpreis: Im Juli habe ich den Kulturpreis des Bezirks Oberbayern bekommen. Da war ich sehr glücklich. Auch weil damit die vielen Menschen ausgezeichnet werden, die hinter meinen Aufführungen stehen.

Leo Kirch: Ich war von 2000 bis 2003 sein persönlicher Referent. Ich habe Leo Kirchs letzten Brief an seine Mitarbeiter geschrieben, die Insolvenz hat ihn schwer mitgenommen. Es war hart zu beobachten, wie sein Sturz eingeleitet wurde und was in der Öffentlichkeit passiert ist.

Me-too-Debatte ist schwer notwendig. Es ist nicht nur eine Debatte um sexuelle Belästigung, sondern auch um schlechte Behandlung. Wie weit darf man gehen? Ein gängiger Spruch am Resi zu meiner Zeit war: „Einen Schauspieler muss man brechen“. Dabei kriege ich als gelernter Philosoph mit Schwerpunkt Ethik große Bauchschmerzen.

Nachlass: Das Stadtarchiv leistet eine hervorragende Arbeit in der Aufarbeitung des Nachlasses meines Vaters. Meine Mutter führte seit ihrer Ehe 1963 von ihr so genannte grüne Bücher, sie hat alles dokumentiert, was mein Vater je gemacht hat.

Ohne Profis: Einer meiner Lieblingssätze von Carl Orff ist: „In jedem Menschen steckt ein Künstler, man muss ihn nur wecken.“ Ich arbeite sehr gerne mit Laien. Sie haben kein Schutzschild. Die Emotionen, die auf der Bühne losbrechen, sind dann so gewaltig – da muss man schon psychologische Arbeit leisten.

Pasinger Fabrik: Im Dezember ist Wiederaufnahme meiner Sommerproduktion für die Pasinger Fabrik, „Luisa Miller“. Die Vorlage der Verdi-Oper ist Schillers „Kabale und Liebe“ – das hat Dramatik und die großartige Verdi-Musik.

Quote: Wenn man anfängt, nach Quote zu denken, wird am Schluss etwas begrenztes rauskommen. Das Publikum will mehr, als man glaubt.

Resi: Ich war dort von 1988 bis 1992 Regie-Assistent. Als Abend-Spielleitung habe ich Schauspieler zu verstehen gelernt. Bei Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ habe ich 98 Vorstellungen angesehen und danach mit den Schauspielern besprochen, was an diesem Abend anders war.

Schreiben: In Aying wollten sie mich 2004 als Regisseur für die neu gegründeten Emmerami-Festspiele. Das Stück hat mir nicht getaugt, dann haben sie gesagt, schreib doch ein Neues.

Tumor: 1999, zwei Wochen nach der Beerdigung meines Vaters, wurde bei mir ein Hirntumor festgestellt. Eigentlich wollte ich eine Inszenierung von meinem Vater übernehmen – stattdessen wurde mir in der Klinik der Tumor entfernt. Ich wollte so schnell wie möglich weitermachen, habe die Zeit nicht zum Nachdenken genutzt.

Ungeduld: Mein Vater konnte nicht warten, hat es immer so getaktet, dass ein Termin den nächsten ablöst. Er hat es geliebt, fünf Minuten vor Abflug am Flughafen zu sein. Ich habe es als Jugendlicher gehasst. Jetzt genieße ich es, Zeit zu haben, Puffer einzuplanen.

Veronica Ferres: Hat meinen Vater dieses Jahr in einem Bunte-Interview beschuldigt, er habe ihr während einer Generalprobe von „Die Bernauerin“ in den Ausschnitt gegriffen. Wir haben Zeugen, dass es nicht so war.

Widerstand: Ich wollte nie einen anderen Beruf machen, auch wenn er mit viel Missgunst und Mobbing verbunden ist. Da heißt es schnell mal: „Der Everding, der bricht ja jede Inszenierung ab.“ Ich habe in meinem Leben noch nie eine Inszenierung abgebrochen.

Xanthippe: Hat mein Vater häufig über garstige Frauen gesagt. Seine Steigerung dieses Schimpfworts war „Ziffe“.

Yamaguchi Ichiro: Ein japanischer Philosoph. Im Philosophie-Studium habe ich gelernt, zu denken, differenziert zu argumentieren, Texte anzuschauen. Wenn man die Jungfrau von Orleans inszeniert, merkt man, Schiller hat Kant gelesen.

Zusammenarbeit: Anfang der 90er hat mich mein Vater als Dramaturg mit nach Chicago genommen, als er den Ring inszeniert hat. Ich bin froh, dass wir das gemacht haben, weil wir Gespräche geführt haben, die es sonst so nicht gegeben hätte.


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