Daniel J. Schreiber im Gespräch

"Lothar-Günther Buchheim hat alles auseinander gepflückt & Widerstand geleistet"

Daniel J. Schreiber ist Direktor des Buchheim-Museums.
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Daniel J. Schreiber ist Direktor des Buchheim-Museums.

Seit 2013 ist Daniel J. Schreiber (52) Direktor des Buchheim Museums. Warum ihn Buchheim so fasziniert und was man jetzt über ihn herausgefunden hat, verrät er im Hallo-Interview

Seit 2001 gibt es das Museum in Bernried mit einer großen Sammlung – von den Expressionisten bis zur afrikanischen Kunst. Warum wollte Buchheim unbedingt ein Museum?

Er wollte einen Ort schaffen, an dem Menschen die Verantwortung für die eigene Urteilskraft zurückbekommen. Das muss man natürlich immer im Hinblick auf das Kultur-Diktat der Nationalsozialisten sehen, das er miterlebt hat.

Seine Erinnerungen aus dieser Zeit als Kriegsberichterstatter hat Buchheim im Roman „Das Boot“ zusammengefasst. Nach der Verfilmung wurde er einer breiten Masse bekannt. Wie fand er den Film? 

Er hat ihn damals im Kino gesehen und war entsetzt, vor allem über die Übersteigerungen. So hat er immer wieder kritisiert, dass im Film ständig geschrien wird und dass ausschließlich der Schrecken dargestellt wird. Daneben hob Buchheim aber immer auch die zehrende Angst, die Schuld und auch die verhängnisvolle Faszination des Krieges hervor, der auch er erlegen war.

Lothar-Günther Buchheim wäre heuer 100 Jahre alt geworden.

Er hat sich moderner Technik verweigert. War er altmodisch? 

Buchheim war Zivilisationskritiker. Er hatte kein Handy und er verachtete Plastikgeld und Fernseher, obwohl wir wissen, dass er beides hatte. Zum Fernsehen lud er sich bei Nachbarn ein. Und doch hatte er heimlich ein Gerät – es war im Bauernschrank versteckt.

Er gilt als streitsüchtig und undiplomatisch. Was war Buchheim für ein Mensch? 

Im Umgang muss er sehr schwierig gewesen sein, ja sogar cholerisch. Dennoch haben die Museums-Mitarbeiter ihn bewundert, obwohl sie unter ihm gelitten haben. Er hat alles hinterfragt, alles auseinander gepflückt und bei allem Widerstand geleistet, sogar bei Rechnungen der Automechaniker. Sein Ziel war es, sensitiv zu sein. Er sagte immer, dass man nicht zum „dressierten Affen werden sollte“, wie es den Menschen im Nationalsozialismus ergangen ist.

Müssen Sie heute noch in der Region für seine Art einstehen? 

Ja, es gab Nachwehen bezüglich seines Wohnhauses in Feldafing. Als Buchheim in dem Ort ein Museum realisieren wollte, stieß er auf Widerstand. Nach dem Tod seiner Frau wollten die Bürger allerdings das Wohnhaus des Paares zu einem Museum umfunktionieren. Da weder die Buchheim Stiftung noch andere Institutionen oder Personen Geld für dieses Vorhaben aufbieten konnten, haben wir uns entscheiden, Teile des Innenlebens des Hauses, darunter ganze Räume, ins Buchheim-Museum zu bringen.

Haben Sie seine Frau, die 2014 verstorben ist, getroffen? 

Ja, einmal in der Woche habe ich sie zuhause besucht. Sie war eine witzige und starke Frau. Oft hat sie die Vermittlerrolle eingenommen und konnte hart durchgreifen. Die beiden waren eine Einheit: Er der Ideenschmied und sie die Realistin, die ihn auf den Boden zurückgeholt hat. Sie hat immer zu mir gesagt: „Bevor ich abkratze, muss ich Ihnen noch was zeigen.“

Und was hat Sie gezeigt? 

Unendlich viel. Sie hat mir viele Ideen mitgegeben und unbekannte Seiten der Sammlung und von Buchheims Werk kundgetan. Buchheim hat neben seinen Bildern auch Laubsägearbeiten gefertigt und er hat auch Flipperautomaten oder Heugabeln gesammelt. Er war wirklich unglaublich vielseitig.

Zu seinem 100. Geburtstag zeigt das Buchheim-Museum in Bernried große Schiffsmodelle, Filmrequisiten, Kunstwerke und Fotos von Lothar-Günther Buchheims Lebensstationen.

In späteren Jahren trug er immer eine Augenklappe. Warum? 

Er war bei einer Staroperation mit Kolibakterien infiziert worden und hat dadurch einen großen Teil seiner Sehkraft verloren. Die Augenklappe trug er, weil das Auge immer furchtbar getränt hat, und um zu zeigen, wie schlecht er behandelt worden war.

Wie viel weiß man noch nicht über ihn?

Er war sehr gesprächig, daher weiß man viel. Er ist mit seiner Vergangenheit relativ offen umgegangen, anders als Günther Grass zum Beispiel. Er stand immer dazu, dass er Zeichnungen von NS-Kommandanten, Funkern und Soldaten für NS-Zeitungen gemacht hat. Kaum bekannt ist jedoch, welch bedeutende Rolle er im Apparat der NS-Propaganda eingenommen hatte. Er war bestens vernetzt, bis hinauf zu Dönitz und Goebbels. Seine Artikel fanden sich in einschlägigen Zeitschriften. Wir sind gerade mit Hilfe des Politologen und Journalisten Gerrit Reichert dabei, Licht ins Dunkel zu bringen.

Wann werden die Ergebnisse der Öffentlichkeit präsentiert?

Sie werden in der großen Jubiläumsschau zum 100. Geburtstag Buchheims präsentiert. Sie zeigt aber auch Buchheims unermüdliches Streben, die Wunden seiner gebrochenen Generation nach dem Zweiten Weltkrieg, heilen zu lassen. Sein kulturelles Engagement, das schließlich in der Gründung unseres Museums gipfelte, ist von dem Wunsch getrieben, dem autoritären Kunstdiktat der Nazis einen offenen, weiten und freien Kunstbegriff entgegenzusetzen. Das hört sich trockener an als es ist. Es wird viel zu sehen geben, vor allem die vier Schiffe, die für ihn lebensbestimmend waren. Mehr verrate ich jetzt noch nicht.

Gerät der Name Lothar-Günther Buchheim in Vergessenheit? 

Goethe hat er nicht geheißen. Die Erfahrung zeigt, dass junge Menschen mit seinem Namen nur mehr wenig anfangen können. Wenn ich „Das Boot“ erwähne, dämmert es allerdings bei den meisten. Buchheim ist kein Selbstläufer, die Erinnerung verblasst. Zu Lebzeiten war er eine Persönlichkeit, die immer für Schlagzeilen gesorgt hat.

Was tun Sie dagegen?

Ich sehe unsere Aufgabe vor allem darin, Buchheims Grundintentionen und dem Auftrag der Stiftung gerecht zu werden. Wir machen große Sonderausstellungen. In unserem Labor der Phantasie kann jeder künstlerisch arbeiten; und wir wollen ein Zirkuszelt kaufen – für Workshops, Ferienbetreuung und freies Arbeiten und Spielen. Das Museum wird in Buchheims Sinne als „Fest für die Sinne“ weitergeführt.   Welchen Stellenwert hat das Museum für München? Es ist das Kulturausflugsziel Nummer eins der Münchner. Das zeigen die Besucherzahlen. Seit 2013 steigen sie an. Damals kamen 55 673 Menschen zu uns. 2017 haben wir mit 125 181 Besuchern deutlich die Hunderttausendergrenze überschritten.

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