Er legt Betrügern das Handwerk

Kriminaloberrat Jürgen Miller (48) von A bis Z

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München: Der neue Kripo-Dezernatsleiter kennt alle Maschen – und sagt Münchnern, wie sie sich schützen können.

Vom Trickbetrüger, der die Oma um 100 Euro erleichtert, bis hin zum Vorstand, der Millionen veruntreut – Jürgen Miller jagt sie alle. Der 48-Jährige ist der neue Chef des Kriminalfachdezernats 7 des Polizeipräsidiums München. Er und seine 130 Mitarbeiter, die auf die Standorte Neuperlach und Giesing verteilt sind, sind zuständig für Straftaten aus dem Bereich der Wirtschaftskriminalität, der Korruption und aller Arten des Betrugs. Mit diesen Straftaten kennt Miller sich aus. Zuvor leitete er im Landeskriminalamt das Sachgebiet für Wirtschaftskriminalität, Korruption und Umweltdelikte, bis er im Sommer 2016 die 65-köpfigen Soko OEZ übernahm, um die Hintergründe des Amoklaufes zu untersuchen. Wie es dem Familienvater dabei ging und warum er gerne wieder zu Wirtschafts- und Betrugsstraftaten zurückkehrt, verrät der Erdinger im Hallo-Interview.

Maren Kowitz

Amoklauf: Er hat die Stadt still gelegt. Jeder Bürger war im Schock. Ich wurde noch am selben Abend in die Leitung der Soko OEZ einbezogen. Auch ich war im ersten Moment erschüttert, aber man schaltet sofort auf den Organisations- und Arbeitsmodus um.

Betrüger ist ein sozialer Manipulator, ein guter Menschenkenner, ein versierter Lügner mit echter Intelligenz, der im Laufe des Betrugs sein moralisches Gewissen verloren hat. Nach dem Motto: Es geht ja nur um ein bisschen Geld. Im Endeffekt gilt das für den kleinen Trickbetrüger bis zu dem, der Millionen unterschlägt.

CEO-Fraud: Der moderne Enkeltrick in Unternehmen. Ein neues Phänomen. Ich spreche jemanden im Vorstandsbüro oder den Buchhalter an, als wäre ich der Geschäftsführer, der sich im Ausland befindet und in einem wichtigen Geschäft ist. Zur Realisierung benötigt er sofort Geld. Dadurch ist bisher eine Schadenssumme von Millionenbeträgen entstanden.

Darknet: Zukunftsaufgabe für die gesamte Polizei. Neben Drogen, Waffen, Falschgeld und Kinderpornographie werden hier auch persönliche Daten wie Mailadresse, dazugehöriges Bankkonto, Kreditkartendaten und mehr gehandelt – mit betrügerischen Absichten.

Euro: 100 Milliarden Euro Schaden hat die Wirtschaftskriminalität 2016 nach einer Dunkelfeldstudie einer Wirtschaftsberatungsgesellschaft in Deutschland verursacht.

Falsche Polizisten sind eine neue Entwicklung im Trickbetrug. Da wird das Vertrauen in diese Berufsgruppe missbraucht, um sich Zutritt zu verschaffen. Es gilt immer: Lassen Sie niemanden in Ihre Wohnung, ohne seine Identität bestätigt zu haben. Und wenn jemand von der 110 aus anruft und Geld fordert, seien sie sicher: Das würde kein Polizist je machen!

Geldanlage: Durch die Niedrigzinsphase haben Betrüger Hochkonjunktur, so gibt es einige Investoren, die zehn Prozent Zinsen auf ihre Anlagen versprechen. Lassen Sie sich nie unter Zeitdruck setzen und holen Sie sich bei Zweifeln Rat von unabhängiger Seite.

Herausforderung: Wir müssen die Entwicklung der Gesellschaft erkennen, die Betrügern immer neue Spielfelder eröffnet. So kann die Wohnungsnot falsche Vermieter auf den Plan rufen. Hier werden Kautionsvorauszahlungen verlangt, um eine Wohnung angeblich zu reservieren. Viele zahlen und sehen das Geld nie wieder.

Internet: Ich bin im Internet bedeutend sensibilisierter. Ich falle beispielsweise auf eine unerwartete E-Mail mit Anhang nicht rein, selbst wenn sie von einer scheinbar bekannten Firma oder Bank kommt. Die lösche ich sofort. Wer auf den Anhang klickt, kann sich einen Virus installieren, der die Daten des Computers auslesen kann.

Jahreswechsel: Ihn sollte man nutzen, um zurückzuschauen und durchzuschnaufen.

Korruption: In München kommt kaum jemand auf die Idee, einen Zwanziger im KVR hinzulegen, um den Antrag zu beschleunigen. In dem Fall würde die Verwaltung auch konsequent Anzeige erstatten, denn man macht sich schon mit dem Versuch strafbar. Wir gehen jedem Anfangsverdacht bis hin zu anonymen Anzeigen nach, um Korruption im Keim zu ersticken.

Lokale Situation: Das aktuelle Anzeigenaufkommen wegen Betrugsdelikten liegt im Trend der letzten Jahre. Im Jahr 2016 wurden im Bereich München rund 16 000 Betrugsdelikte polizeilich registriert.

Mails und Anrufe überwachen wir nur mit richterlicher Erlaubnis. Aber die bekommt man – bei entsprechender Beweislage – sofort.

Nachweisen: Die Kriminalpolizei muss ermitteln, wer wann was wie wo womit und warum getan hat. Das ist bei Betrug im Internet schwieriger, aber nicht unmöglich. Es stimmt schon: Das Internet vergisst nichts. Jeder hinterlässt Spuren, auch der Täter!

Opfer: Wir appellieren an jedes Betrugsopfer, Anzeige zu erstatten, auch wenn man sich schämt oder denkt, es führt nicht zum Erfolg. Als Opfer hat man Rechte. Wenn wir den Täter finden, beschlagnahmen wir sein Vermögen, um damit auch die Schadensregulierung zu ermöglichen.

Profil: Das Täterprofil des Betrügers streut sich durch alle Gesellschaftsschichten. Wo die Gelegenheit da ist, sich einen Vorteil zu verschaffen, ergreifen diese viele. Und wer im Kleinen ungestraft davonkommt, probiert es eventuell im größeren Umfang.

Quer vernetzt: Wir arbeiten mit IT-Spezialisten und Cyberkriminalisten zusammen.

Risiko: Auch jeder Betrugssachbearbeiter führt eine Waffe. Wir dringen bei Durchsuchungen auch schlagartig und gleichzeitig ein, um die Vernichtung von Beweismitteln zu verhindern. Dass man auf Gegenwehr stößt ist im Bereich der Wirtschaftskriminalität nicht die Regel, aber wir müssen vorbereitet sein.

Soko OEZ: Handelte der Täter allein? Woher hat er die Waffe? Wie kam er zu dem Geld? Was ist das Motiv? Um alle Fragen zu beantworten haben 65 Beamte in der Soko OEZ bis Dezember 2016 intensiv ermittelt. Ziel war es, jedes Blatt umzudrehen und jede Spur zu bewerten. Im Frühling 2017 ist der Abschlussbericht an die Staatsanwaltschaft übergeben worden.

Terror ist eine große Herausforderung für die Sicherheitskräfte.

Umweltvergehen: Durch Missachtung von Entsorgungsvorschriften sparen sich Unternehmen teilweise viel Geld. Sie entsorgen beispielsweise Straßenabraum, Abfall und Industriemüll illegal.

Verstärkung: Seit fast zehn Jahren gibt es den so genannten Wirtschaftskriminalisten. Mit einem abgeschlossenen BWL-Studium an FH oder Uni und am besten zwei bis drei Jahren Berufserfahrung in der freien Wirtschaft, kann man nach einer einjährigen Ausbildung in den Polizeidienst eintreten.

Weltweit agiert hat ein Umsatzsteuer-Karussell. Das konnte in einer fünfjährigen Ermittlung durch das Landeskriminalamt ausgehoben werden. Da wurde vom Finanzamt Umsatzsteuer auf Waren rückverlangt, die nie vorher gezahlt wurde. So kam es zu einem Steuerschaden von 19 Prozent von Waren im Millionenwert.

X-mal habe ich mir vorgenommen mit dem Fahrrad vom Marienplatz nach Rom zu fahren. Bis zu meiner Pension werde ich es schaffen.

Yes: Englisch ist gerade im Wirtschaftsbereich für jeden Sachbearbeiter gang und gebe. International ist die Zusammenarbeit innerhalb Europas absolut unproblematisch. Wir haben direkte Kontakte zu den verschiedensten Ländern.

Ziel: Mein Ziel als Chef ist die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter größtmöglich zu wahren. Das Strafgesetzbuch wird dicker, die Ansprüche an ein Strafverfahren detaillierter – das kostet Zeit und Durchhaltevermögen der Ermittler.

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