Im Gespräch mit Hallo München

Konstantin Wecker: „Denen geht es nicht um Freiheit für alle“

Konstantin Wecker im Hallo München Interview über „Corona-Blues“
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Konstantin Wecker im Hallo München Interview über „Corona-Blues“.

Der Liedermacher, Schriftsteller und Schauspieler (73) war schon immer ein Anarchist. Wie ihn das während des „Corona-Blues“ über Söder, Rechtsradikalismus und die aktuelle Jugend denken lässt, verrät er hier. 

Herr Wecker, nutzen Sie die Corona-Zeit für eine schöpferische Pause?
Den „Corona-Blues“ haben wir doch alle. Aber ich versuche natürlich zu schreiben und mich musikalisch weiter zu entwickeln.

Fühlt man sich gerade als Kulturschaffender nicht hintergangen?
Warum die Kunst nicht systemrelevant ist, ist mir unerklärlich. Kultur ist doch die Nahrung der Seelen. Kultur ist kritisch, hinterfragend – und das ist leider in der Politik nicht gefragt. Ich merke ganz deutlich, wie mir das erwartungsvolle Raunen des Publikums vor dem Auftritt fehlt. Vor der Corona-Zeit war alles so selbstverständlich.

Wie sieht es finanziell aus?
Viele meiner Kollegen nagen längst am Hungertuch und werden kaum unterstützt. Den Pflegekräften wird applaudiert – aber bezahlt werden sie genau so schlecht wie immer. Da fehlt es seit Jahrzehnten hinten und vorne an Geld. Und dann kommt „Wirecard“ daher und plötzlich sind so ganz einfach 1,8 Milliarden Euro verschwunden... Wie vielen Menschen weltweit könnte man mit diesen Milliarden doch helfen.

Söder wurde ja anfangs hochgelobt für seine gerade Linie. Das bröckelt jetzt gerade. Hat er das Zeug zum Kanzler?
Das geht hoffentlich schon allein deshalb nicht, weil er in der CSU ist. Das wollte Franz Josef Strauß ja auch schon, Kanzler werden. Ich bin und war nie Fan von Markus Söder. Wir brauchen weltweit Frauen für eine weibliche Revolution. Wir brauchen Greta Thunbergs und keine Bolsonaros und Trumps. Das Patriarchat ist am Ende. Es weiß es nur noch nicht.

Unsere Grundrechte wurden ja stark eingeschränkt. Was halten Sie von den sogenannten Corona-Demos?
Ich würde nie auf einer Demo mitlaufen, an der Neonazis, Reichsbürger oder AfD-ler beteiligt sind. Denen geht es doch weder um Grundrechte noch um Freiheit für alle Menschen. Begeistert hat mich die Anti-Rassismus-Bewegung „Black Lives Matter“ und „Fridays for Future“. So viele blitzgescheite junge Menschen – das macht Mut. Wir dürfen das Feld nicht den Rechten überlassen.

Wie konnte es so weit kommen?
Es ist wohl immer einfacher, irgendwelchen Führern hinterherzulaufen als selbst zu denken. Im Vergleich zu vielen anderen Ländern bewältigt die BRD den Rechtsradikalismus auf Grund ihrer schrecklichen Vergangenheit hoffentlich besser. Die 68er-Bewegung war da sehr prägend. Wir haben uns der Vergangenheit gestellt. Und ich werde alles dafür tun, dass solche schrecklichen Zeiten nicht mehr wiederkommen. An unserem Selbstverständnis für Demokratie müssen wir immer weiterarbeiten. Demokratie muss lebendig bleiben.

Ging es uns zu gut?
Eine unserer größten Aufgaben ist es, jetzt unser neoliberales Wirtschaftssystem zu hinterfragen, das Klima, Umwelt und Menschen ausbeutet und zerstört. Jetzt bietet sich die Chance, das deutlich zu erkennen.

In Ihrem neu getexteten „Willy“-Song sagen Sie, man solle eine Schule des Ungehorsams gründen. Wie sieht die aus?
Hannah Arendt sagte einmal: „Es gibt kein Recht auf Gehorsam.“ Erst dieser bedingungslose Gehorsam hat die Nazidiktatur möglich gemacht. In dieser Schule würde ich für eine antiautoritäre Erziehung plädieren, indem ich den Kindern nichts befehle, sondern versuche, sie zu sich selbst hinzuführen. Mein Vater hat mich absolut frei und antiautoritär erzogen. Freilich muss man damit rechnen, dass die Kinder dann gegen die eigene Autorität rebellieren würden. Aber das ist auch richtig so.

Welche Werte geben Sie Ihren Söhnen (20 und 23 Jahre alt) mit auf den Lebensweg?
Da zitiere ich mein Lied „An meine Kinder“: Was hab ich falsch, was richtig gemacht?/ Ihr wart mir doch nur geliehen./ Ich rede nicht gern um den heißen Brei: / ich wollte euch nie erziehen. / Erziehen zu was? Zum Ehrgeiz, zur Gier? / Zum Chef im richtigen Lager? / Ihr wisst es, ich habe ein grosses Herz / für Träumer und Versager.

von CLAUDIA THEURER

Weckers aktuelles Album ist im Mai erschienen und heißt „Poesie in stürmischen Zeiten“. Mit dabei sind seine Leib- und Magenmusiker Fany Kammerlander und Jo Barnikel. Wir verlosen zehn signierte CDs. 

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