Kabarettist im Hallo-Interview

Han‘s Klaffl über Schüler: „Das Niveau sinkt dramatisch“

Kabarettist Han‘s Klaffl war früher Lehrer.
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Kabarettist Han‘s Klaffl war früher Lehrer.
  • Claudia Theurer
    vonClaudia Theurer
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Für den ehemaligen Lehrer und jetzigen Musikkabarettisten geht man heute nur in die Schule, weil man einen Abschluss braucht. Zu seiner Zeit hat man dort Freunde getroffen. Wie er die Corona-Krise an den Schulen sieht, was aus den Schülern einmal wird und welche Fächer ihm nicht lagen, erklärt er im Interview

Herr Klaffl, möchten Sie heutzutage noch Lehrer sein?

Oh, da haben Sie mich kalt erwischt. Ich war immer gerne Lehrer und habe meinen Beruf nie bereut. Auch damals waren wir Probleme gewohnt. Die Entscheidung über G8 oder G9 zum Beispiel war das gleiche Chaos wie jetzt mit den Covid-Maßnahmen. Dazu kommt das zunehmende Anspruchsdenken von Eltern. Da müssen Lehrer jeden Moment mit einem Anwalt rechnen. Das irritiert mich. Im Distanz- oder Homeunterricht greifen die Eltern ein in den Unterricht. Nach der Sitzung gibt es Manöverkritik am Lehrer, da sagt dann eine Mutter: Mein Sohn hat sich dreimal gemeldet, ist aber nur zweimal drangekommen. Finden Sie das richtig?

Und was macht das mit den Eltern, Schülern und Lehrern?

Überforderung und Stress, wohin man schaut. Und alle kämpfen sie mit dem Rücken zur Wand. Meiner Meinung nach ist aber ein Großteil der Beteiligten vernünftig und guten Willens.

Würden Sie heute noch mal Schüler sein wollen?

Oh nein. Die haben heute eine Belastung, die sich unser Jahrgang gar nicht vorstellen kann. Das Niveau sinkt seit Jahren dramatisch, zumindest im Gymnasium, andere Schularten kann ich nicht beurteilen. Gleichzeitig sind die Schüler überfordert, weil der Anspruch von Eltern und Gesellschaft viel höher geworden ist. Das Leben ist für junge Menschen komplizierter geworden.

Han‘s Klaffl im Interview: „Heute geht man in die Schule, weil man einen Abschluss braucht.“

Was war früher anders?

Für uns hatte die Schule einen höheren Stellenwert. Wir sind hingegangen, weil da was los war. Das war der Lebensmittelpunkt, zumindest auf dem Land, wo ich aufgewachsen bin. Dort haben wir Freunde getroffen.

Und heute?

Heute geht man hin, weil man einen Abschluss braucht. Das Leben findet woanders statt.

Was halten Sie von Online-Schooling?

Im Moment geht es nicht anders. Das ist in der Grundschule eine Katastrophe. Gerade da sind persönliche Beziehungen zur Lehrerin, zum Lehrer sehr wichtig. Bei älteren Schülern geht das eher. Optimal ist es nicht, aber Online-Schooling wird sicher in manchen Situationen auch nach der Pandemie noch eine Rolle spielen.

„Die Kinder sind heute in einer Stress-Situation“, erklärt Han‘s Klaffl im Interview

Was meinen Sie, macht Corona mit den Schülern?

Ich habe den Eindruck, sie führt zu einer totalen Vereinsamung. Sie sitzen am Computer und verlieren den echten Kontakt zu ihren Freunden. Der PC ist kein Ersatz für die Schule. Es entstehen neue digitale Formate, das ist gut, aber sie können niemals Präsenzunterricht ersetzen. Die Gefahr ist nur, dass man sich daran gewöhnt. 

Eine psychische Belastung?

Ja, auf alle Fälle, das ist ein ungesundes Leben.

Werden denn dann aus gestörten Kindern gestörte Erwachsene?

Ist doch eigentlich logisch. Sie wachsen in einer Ausnahmesituation auf. Ähnliches hatten wir als Nachkriegsgeneration. Das Trauma hat nachgewirkt. Das hat auch meine Geschichte geprägt. Die Kinder heute sind auch in einer psychischen Stress-Situation.

Der Kabarettist kritisiert: „Minister Piazolo lässt die Schulen allein.“

Was würden Sie an Kultusminister Michael Piazolos Stelle ändern oder verbessern?

Er sollte aus all dem, was jetzt gezwungenermaßen ausprobiert wird, ein Gesamtkonzept entwickeln. Dazu muss er sich erst mal geeignete Leute ins Boot holen. Und zwar keine Bürokraten, sondern Professoren, Pädagogen und Leute, die aus der Schule kommen. Dazu auf jeden Fall IT-Spezialisten. Auf diese Weise könnten diese ganzen Notmaßnahmen noch einen positiven Effekt haben. Aber Minister Piazolo hält sich gerne heraus. Das war schon bei „Fridays for future“ so und jetzt lässt er die Schulen wieder allein.

Was war Ihr schlimmstes Fach als Schüler?

Ich habe Französisch geliebt, aber es mich nicht. Deshalb hab ich dann eine Dolmetscherin geheiratet.

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Zur Person

Han’s Klaffl wurde 1950 in Töging am Inn geboren. Der 70-jährige Musiklehrer und Kabarettist absolvierte nach dem Gymnasium in Mühldorf ein Studium an der Münchner Musikhochschule, daneben studierte er Psychologie und Philosophie. Von 1976 bis 2014 war er zuerst als Musiklehrer, später als Studien­direktor am Ernst-Mach-Gymnasium in Haar tätig. Schon als Referendar entdeckte er seine Liebe zum Kabarett. Sein Markenzeichen ist der Kontrabass, der ihn bei seinen Auftritten begleitet. 2005 begann seine Solo-Karriere als Musikkabarettist parallel zum Lehrberuf. Warum es immer weniger politisches Kabarett gibt? Für Klaffl liegt das daran, dass sich unsere Gesellschaft in einer Phase der Oberflächlichkeit befinde: „Man hinterfragt nicht mehr und Comedy ist halt leichter verdaulich als Kabarett. Dazu kommt der Verdruss an der Politik.“ Han’s Klaffl lebt mit seiner Familie in Ebersberg.

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