„Neues Haus als Brücke“

Zuhause auf Zeit: Jutta Speidel eröffnet neues Horizont-Haus im Domagkpark

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"Horizont muss sich weiter entwickeln. Das zweite Haus soll eine Brücke schlagen", so Schauspielerin Jutta Speidel.

„Ich finde es wahnsinnig schlimm, was gerade auf der ganzen Welt passiert“ - Jutta Speidel will helfen und sie mit ihrem Verein Horizont ein wenig besser machen

Obdachlose Kinder und Mütter – leider auch in München ein Problem. Mit ihrem Verein Horizont bietet Schauspielerin Jutta Speidel Betroffenen seit den 90er-Jahren im geschützten Horizont-Haus ein Zuhause auf Zeit. Jetzt eröffnet der Verein ein zweites Haus im Domagkpark, das in der Nachbarschaft integriert ist. Hallo sprach mit Speidel über das neue Konzept und die Pläne von Horizont. 

Interview: Claudia Schuri

Frau Speidel, bald wird am Domagkpark ein zweites Horizont-Haus eröffnet. Im Gegensatz zum ersten Haus handelt es sich dabei aber um kein geschütztes, sondern um ein offenes Haus. Warum das neue Konzept?

Horizont muss sich weiter entwickeln. Bisher sind viele Frauen nach dem Auszug in ein großes Loch gefallen. Es war für sie schwer, allein in einer ganz neuen Umgebung zurecht zu kommen. Doch eine Nachbetreuung war für uns nicht machbar. Das zweite Haus soll eine Brücke schlagen.

Wer wird dort einziehen?

Das neue Horizont-Haus im Domagpark soll ein offenes Gebäude mit großem Garten werden.

Insgesamt gibt es 48 Wohnungen, die alle schon vergeben sind. 16 Familien ziehen vom ersten Horizont-Haus in das neue Haus um. Es ist für sie ein weiterer Schritt in ein ganz normales gesellschaftliches Leben. Generell ist es so, dass 60 Prozent der Wohnungen von uns und 40 Prozent von der Stadt München besetzt werden.

Wie wählen Sie die Mieter aus?

Zunächst einmal müssen sie natürlich berechtigt für eine Sozialwohnung sein. Und uns ist es wichtig, dass die Familien zusammen passen. Gerade weil viele Frauen eine schwere Vorgeschichte haben, wollen wir zum Beispiel keine Familien, in denen ein großes Patriarchat herrscht.

Welche Hilfe gibt es für die Bewohner im neuen Haus?

Wir bieten sozialpädagogische Betreuung an und legen viel Wert auf Bildung und Fortbildung. Im Haus gibt es eine Kita für 36 Kinder. Im Garten und in den Werkstätten arbeiten Kunsttherapeuten. Die Schreiner, Schlosser und Töpfer kommen auch aus pädagogischen Einrichtungen. Dazu bieten wir eine Hausaufgabenbetreuung, Sprachkurse und Workshops zu verschiedenen Themen - Beispielsweise zur Berufswahl - an. Wir wünschen uns, dass nicht nur die Hausbewohner das Angebot nutzen sondern auch von außen Publikum kommt – die Programme werden hierzu rechtzeitig veröffentlicht.

Können diese Angebote nur Hausbewohner nutzen?

Nein, viele Angebote sind auch für die Nachbarschaft. Zum Beispiel gibt es im Haus eine Kulturbühne für das Quartier und verschiedene Werkstätten wie eine Schreinerei und eine Töpferei. Auch der große Garten, in dem wir Pflanzen anbauen, ist offen für alle. Produkte, die wir herstellen, bieten dann wir zum Verkauf an. Wir suchen auch noch Ehrenamtliche, die Lust haben, sich einzubringen.

Sie selbst stecken viel Zeit und Herzblut in Horizont. Wieso?

Ich finde es wahnsinnig schlimm, was gerade in Deutschland und auf der ganzen Welt passiert. Auf der einen Seite gibt es so viel Reichtum und Konsum und auf der anderen Seite müssen noch immer Menschen verhungern. Das ist grausam und berührt mich auch persönlich.

Seit den 90er-Jahren engagieren Sie sich für wohnungslose Frauen und Kinder. Hat sich seitdem etwas getan?

Im Domagkpark entsteht gerade ein neues Horizont-Haus.

Als ich damals im Sozialreferat von meinen Plänen erzählt habe, sagte der Sachbearbeiter, in fünf Jahren hätte sich das Thema geklärt. Das war ein schöner Wunschtraum, der leider nicht eingetreten ist. Im Gegenteil: Die Wohnungsnot ist immer noch die gleiche. Die Armut ist noch viel schlimmer und es brechen immer mehr Familien auseinander.

Fühlen auch Sie sich da manchmal machtlos?

Nein, es ist besser, nur einer Person zu helfen, als gar keiner. Ich habe immer wieder großartige Erlebnisse. Frauen steigen wie ein Phönix aus der Asche hervor, Kinder werden frei und selbstständig. Wer sie nach einiger Zeit sieht, würde nie auf die Idee kommen, was sie alles durchgemacht haben. Das bringt mich dazu, immer weiterzumachen.

Was wünschen Sie sich für das neue Horizont-Haus?

Ich wünsche mir natürlich Harmonie und eine lebendige, fröhliche und liebevolle Atmosphäre. Und ich hoffe natürlich, dass das Haus auch Wert geschätzt wird von den Besuchern und den Bewohnern.

Wie geht es danach weiter bei Horizont? Ist ein drittes Haus geplant?

Das wäre natürlich schön, aber da scheitert es leider noch am Geld. Mit einer Erbschaft haben wir im Münchner Westen ein Grundstück kaufen können. Ich könnte mir dort eine Einrichtung mit dem Schwerpunkt Therapie zu schaffen. Eine Konzeption oder eine Planung gibt es aber noch nicht.

Zahlen und Fakten

Im neuen Horizont-Haus gibt es 48 Familienwohnungen. Noch sind die letzten Bauarbeiten im Gange, im Juni ist die Eröffnung mit geladenen Gästen geplant. In den nächsten Wochen ziehen die Familien ein. Voraussichtlich am Sonntag, 16. September, wird es für alle Interessierten einen Tag der offenen Tür geben. Das Haus bietet Familien dauerhaften Wohnraum. Der Verein Horizont hat 6,6 Millionen Euro für das Grundstück und den Bau investiert.

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