Im Rückblick vorausschauen

Der neue Chef der SNSB Joris Peters über sechs naturkundliche Sammlungen mit 30 Millionen Objekten

Joris Peters neben dem Skelett eines Altägyptischen Langhornrinds.
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Joris Peters neben dem Skelett eines Altägyptischen Langhornrinds.
  • Ursula Löschau
    VonUrsula Löschau
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Keiner kennt sich besser mit der Vielfalt der Natur aus - vor allem aus der Vergangenheit. Der neue Chef der SNSB, Joris Peters, im Hallo-Interview:

MÜNCHEN Kaum hat er ein Rätsel der Wissenschaft gelöst, tauchen neue Fragen auf. Das lässt Professor Joris Peters (64) nicht müde werden, zu forschen – und sein Wissen weiterzugeben: Nach dem Studium der Biologie und einer Promotion über Tierreste aus archäologischen Ausgrabungen im Sudan und Ägypten an der Universität Gent wechselte der gebürtige Belgier Prof. Peters 1987 an die Veterinärmedizinische Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, wo er sich 1996 habilitierte.

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Im Frühjahr 2000 wurde Prof. Peters auf den Lehrstuhl für Paläoanatomie, Domestikationsforschung und Geschichte der Tiermedizin und damit auch in die Leitung der Abteilung Paläoanatomie der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München (SAPM), der heutigen Staatsammlung für Paläoanatomie München (SPM), berufen. Und seit rund 100 Tagen ist er auch Generaldirektor der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) mit Sitz in Nymphenburg. Diese reichen von der Anthropologie bis zur Zoologie.

„Ich schaue zurück, um zu verstehen, wie es heute ist“, erklärt der gebürtige Belgier. Diese Möglichkeiten möchte er für nachkommende Forscher-Generationen erhalten und ausbauen. Welchen Beitrag die Sammlungen dazu leisten, wie aufschlussreich Essensreste sein können und woher unser Hausschwein kommt, verrät Joris Peters im Hallo-Interview.

Professor Joris Peters (64), Generaldirektor der SNSB, von A bis Z

Altägyptisches Langhornrind: Ein etwa 2400 Jahre altes Skelett davon wird aktuell im Staatlichen Museum für Ägyptische Kunst gezeigt. Seine Vollständigkeit ermöglichte eine anatomische Rekonstruktion.

Botanischer Garten: Er ist ein wunderbarer Erholungsort mit einer Lebendsammlung, die im Bereich der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns einzigartig ist. Alles Andere sind konservierte, tote Objekte.

Canis: Der Hund entwickelte sich vom Nutztier, dem Jagd- und Hütehund, zum Haustier und Begleiter. Warum sich diese Mensch-Hund-Beziehung so besonders intensiviert hat, ist archäologisch aber noch nicht wirklich zu erklären. Wir haben im Grunde nur Momentaufnahmen.

Digitalisierung ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Sammlungsarbeit in der Zukunft. Das digitale Inventar zeigt, welche Materialien zur Verfügung stehen. Der nächste Schritt ist, Objekte zu digitalisieren. Das ermöglicht Untersuchungen, die man mit konventionellen Methoden gar nicht machen kann, und erhöht das Analysetempo wesentlich.

Essensreste: Bei archäologischen Untersuchungen geht es nicht nur um Funde menschlicher Überreste. Es gibt überall auch Tierreste, zum Beispiel Speisereste, und Knochen von Tieren, die sich von diesen Speiseabfällen ernährt haben. Mit diesen Funden rekonstruieren wir die Fauna der Vergangenheit und gewinnen Einblicke in die damaligen Essgewohnheiten.

Forschung ist für mich ein Lebenselixier. Weil die Neugierde immer bleibt und sich nach jeder beantworteten Frage so viele weitere, neue Fragen auftun. Wir haben in unseren Sammlungen so fantastisches Material. Das wird in den nächsten 100 Jahren noch nicht alles erforscht sein.

Geländearbeit: Wir arbeiten meist unter durchaus schwierigen Bedingungen, unter anderem in Regionen wie der Sahara oder dem Sudan. Da muss man sehr sensibel sein bei der Zusammenarbeit mit Menschen mit ganz unterschiedlichem kulturellen Hintergrund. Das ist aber zugleich eine sehr faszinierende Seite.

Haszprunar: Mein Vorgänger hat die Umstrukturierung der Sammlungen angestoßen und die Voraussetzungen dafür geschaffen, eine Forschungseinrichtung der Zukunft zu werden. Ich bin froh, dass Professor Gerhard Haszprunar bis zu seinem Ruhestand im März 2023 noch Direktor der Zoologischen Staatssammlung bleibt.

Interessen: Das ist bei mir die Natur und damit verbunden auch Hobbys wie Wandern und Radfahren. Kurz: das Spiel zwischen Natur erleben und Natur erhalten.

Jugend: Ich war schon immer viel und gerne draußen. Und wenn man dann in der Gymnasialzeit noch Lehrer hat, die einem die Natur erklären können, dann kommt diese Motivation und Faszination zustande. Deshalb habe ich Biologie studiert, wobei es bei mir dann beruflich eine Reise in die Vergangenheit wurde.

Kinder: Es ist für mich eine der schönsten Aufgaben, mit Kindern zu arbeiten, und ihre Begeisterung zu sehen. Zum Beispiel wenn ich ihnen erkläre, was ich anhand eines Knochens alles herausfinden kann. Dieses Interesse ist der Baustein für unsere Zukunft.

Leibniz-Gemeinschaft: Eine Einbindung in diese Gemeinschaft wäre für uns als außeruniversitäre Forschungseinrichtung sinnvoll. Wir könnten Synergien mit anderen Häusern erzielen und damit Optionen erhalten, Forschungen stärker finanziert zu bekommen. Wir wollen dort in den Verbund der Forschungsmuseen kommen. Immerhin haben wir mehr als 30 Millionen Objekte in den SNSB.

Museen: Wir haben acht Museen in München und Bayern. Deren Aufgabe ist der Wissenstransfer von der Forschung in die Öffentlichkeit. Museen sind bestens geeignet, um neue Erkenntnisse vorzustellen und Forschungsmethoden zu präsentieren.

Nutztiere wie das Rind, das Lamm, das Schwein und auch der Hund kamen um 5800 vor Christus überwiegend aus dem Orient nach Europa. Davor waren wir Jäger und Sammler. Die Nutztiere haben in unserer Gesellschaft Veränderungen bewirkt, die es uns bis heute ermöglichen, uns sicher zu ernähren.

Oeffentlichkeit: Diese braucht faktenbasierte Forschung als Grundlage für ihre Entscheidungen ebenso wie das Verständnis für grundlegende Zusammenhänge.

Paläoanatomie befasst sich mit Tierresten aus archäologischen Ausgrabungen und erforscht das Verhältnis von Mensch, Tier und Umwelt. Tierreste sind Spiegel der Ernährung und der Umwelt. Der Münchner Lehrstuhl für Paläoanatomie ist in seiner Form weltweit einzigartig.

Qualifizierter Nachwuchs: Darunter verstehe ich auch die Chancengleichheit. In unseren Fächern überwiegen noch die Männer im Berufsleben. Vor allem über den Bereich Tiermedizin sehe ich die Möglichkeit zum Ausgleich. Da sind 80 Prozent der Studierenden Frauen, auch bei den Promovierenden sind es mehr Frauen als Männer.

Reisen: Im Rahmen meiner Forschungen habe ich 19 Länder vor allem in Europa, Asien und Afrika bereist. Im Schnitt war ich drei Monate im Jahr im Gelände. Und das zu einer Zeit, als es noch kein Handy gab. Ich war weg.

Sammlungen: Wir haben in unseren Sammlungen, die von Forschern in mehr als 250 Jahren zusammengetragen wurden, ein Natur- ebenso wie ein Kulturerbe. Diese Objekte sind ein Naturgedächtnis. Und der Mensch als Kulturwesen hat diese Sammlungen zusammengetragen. Bewahren ist eine Kulturleistung und eine staatliche Aufgabe.

Tiermedizin: Da führt mein Beruf zu Einblicken in tierärztliche Handlungen und Praktiken in der Vergangenheit. Wir setzen uns zum Beispiel mit Heilmitteln und deren Zusammenstellung auseinander, die im Mittelalter angewendet wurden. 

Umstrukturierung: Wir wollen in der öffentlichen Wahrnehmung stärker zeigen, dass wir eine einzigartige Forschungseinrichtung sind, und auch die innere Vernetzung besser und effizienter gestalten. Damit sich alle Forscher gemeinsam einbringen, um die Themen zu bewältigen, die uns die nächsten 100 Jahre beschäftigen werden.

Verlust von Arten: Genau diesen führt eine Sammlung vor Augen. Sie dokumentiert die Vielfalt. Stellt man diese dem Ist-Zustand gegenüber, ist offensichtlich, was passiert. Unsere Arbeit zeigt gegebenenfalls aber auch Wege auf, wo und wie man dem noch entgegenwirken könnte.

Wildschwein: Das Hausschwein kommt ursprünglich aus dem Orient und wurde dann mit dem heimischen Wildschwein gekreuzt. So kam es zu einer besseren Anpassung an die hiesigen Lebensbedingungen. Dieser Prozess hat in Bayern rund 1000 Jahre gedauert.

Xenotarsosaurus: Dinosaurier bleiben bei mir außen vor, weil sie nicht mit dem Menschen in Zusammenhang stehen.

Yak: Obwohl das Tier an große Höhen angepasst ist, hat der Mensch versucht, es zu nutzen. Also hat er Rinder in diese Höhen gebracht und mit dem Yak gekreuzt. Diese Hybride nennt man Dzo.

Zoologie ist eine unwahrscheinlich breite Forschungsrichtung und die Zoologische Staatssammlung München ein Eldorado für alle, die sich dafür interessieren.

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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