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Bei der Münchnerin Natascha Augustin werden Hip-Hop-Helden handzahm

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Von: Daniela Borsutzky

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Natascha Augustin ist Vizepräsidentin von Warner/Chappell Music Germany und für den Erfolg von den Deutsch-Rappern verantwortlich.
Natascha Augustin ist Vizepräsidentin von Warner/Chappell Music Germany und für den Erfolg von den Deutsch-Rappern verantwortlich. © benny 030

Sie ist auch für den Erfolg der wohl bekanntesten Stars der Deutsch-Rap-Szene verantwortlich. Natascha Augustin ist die Vize bei Warner/Chappel Music Germany und hier im Gespräch mit Hallo.

Capital Bra, Farid Bang, Bausa oder Apache 207 – die heutigen Größen des Deutsch-Rap haben Respekt vor der Münchnerin Natascha Augustin. Sie ist „die Frau mit der Kohle“, diejenige, die aufstrebende Talente unter Vertrag nimmt. Versteckt in einem Hinterhof im Glockenbachviertel befindet sich die Münchner Niederlassung des internationalen Musikverlags der Warner Music Group – eines der drei weltgrößten Major-Label.

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*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA. © Hallo München

Augustin hat sich zur Vize-Präsidentin hochgearbeitet. Im Interview spricht die „Ü40“-Jährige – ihr genaues Alter möchte sie nicht verraten – über ihre „Jungs“, Geschlechter, Generationen und Stolpersteine bei eigenen musikalischen Versuchen.

Natascha Augustin, Vize-Präsidentin von Warner/Chappell Music Germany, von A bis Z

Aufgaben: Im Musikverlag sind wir zuständig für die Auswertung von Rechten. Ich nehme also Komponisten und Texter unter Vertrag. Diese müssen nicht zwingend auch Interpreten sein. Ein Musiklabel arbeitet mit Interpreten, unabhängig davon, ob diese ihre Lieder selbst schreiben.

Beförderung: Seit 20 Jahren bin ich bei Warner/Chappel und im Dezember zur Vize-Präsidentin aufgestiegen. Nach der Schule habe ich völlig ohne Plan als Aushilfe angefangen und mich hochgearbeitet. 

Corona: Dass so viele Konzerte abgesagt und verschoben werden mussten, ist wirklich problematisch. Eine Tour ist schließlich wichtiger Teil beim Aufbau einer Karriere. Und bei den großen Künstlern, wie Capital Bra oder 187 Straßenbande, geht es um Millionen. Die fallen vielleicht etwas weicher, aber Rapper sind eine Maschinerie, an der Jobs dranhängen. 

Deutsch-Rap ist wie Punk. Er funktioniert als Abgrenzung. Das Schöne daran ist: Wenn man empathisch auf die Menschen zugeht, bekommt man sehr interessante Geschichten zu hören. Und die sind oft sehr viel vielschichtiger als von jemandem aus Trudering, wo ich herkomme.

Epizentren des Rap sind Frankfurt und Berlin, da wo die großen Ami-Stützpunkte waren. Und auch da, wo es viele Migranten gibt. München ist zu reich. Und zu teuer. Das kann sich keiner leisten. 

Fleißig muss man sein, um Erfolg zu haben. Ich gehe nicht ins Freizeitheim nach Neuperlach, hol mir da einen raus und sag: Ich mach den nächsten Star aus dir. Das ist eine romantische Fantasie. 

Geschlechtergleichheit: In der Branche bin ich noch eine der wenigen Frauen auf Führungsebene. Wobei ich nicht glaube, dass wir generell die besseren Menschen sind. Früher hatte ich tatsächlich eher Probleme mit den wenigen Frauen im Unternehmen. Lag wohl daran, dass diese vermeintlich männliches Verhalten adaptiert hatten.

Handy: Wenn jemand meine Musik sieht, die ich privat höre, würde er wahrscheinlich denken, ich wäre ein 14-jähriger Hauptschüler (lacht). 

Internet: Früher hatten wir kartonweise Demos, heute schicken mir die Leute was bei Instagram. Und während wir vor ein paar Jahren noch CDs im Mediamarkt aufgestellt haben, läuft heute eigentlich alles über Streaming-Dienste. 

Jede Generation hat ihre eigene Musik, ihre eigene Sprache. Für viele Ältere ist Deutsch-Rap gleich Bürgerschreck. Meine Mama hingegen durfte früher keine Beatles-Songs hören. 

Karrieren: Bei vielen war ich Teil davon, fände es aber vermessen zu behaupten, dass ich jemanden groß gemacht hätte. Bei Farid Bang würde ich sagen, dass wir zusammen groß geworden sind – inzwischen sind wir Freunde. 

Leider gibt es noch immer zu wenig Frauen in der Szene. Es braucht mehr Vorbilder.

Maximilianstraße: Deutsch-Rapper aus anderen Städten lieben das aufgeräumte, reiche München. Ist schon vorgekommen, dass ich beim Arzt war und dann läuft mir einer zufällig beim Einkaufen auf der Maxi über den Weg. 

Nach all den Jahren bin ich immer noch erstaunt, wie sehr mich Musik berühren kann. Das ist es, was mich antreibt. Ich bin fasziniert von Texten und welche Bilder sie kreieren können. 

Ohne Vorurteile an die Musik von heute und die Menschen dahinter ranzugehen, rate ich Eltern und Großeltern. Und sich zu erinnern wie es war, als man selbst jung war. 

Peinlich: Mein Sohn ist 16 und geht aufs Gymnasium. Noch bis vor einem Jahr hat er sich für mich zu Tode geschämt. Inzwischen ist es nicht mehr so schlimm, dass ich ihm quasi Deutsch-Rap geklaut habe. Ist halt mein Job. Es ist ja nicht so, dass ich tagsüber bei der Sparkasse arbeite und nachts backstage mit Capital Bra abhänge (lacht).

Quote ist ein Herzensthema für mich. Atlantic Records Germany ist eine Kreativzelle unter dem Dach von Warner Music, bei der ich Beraterin bin. Hier wollen wir eine Frauen-Quote von mindestens 25 Prozent. Sowohl im Team als auch bei den Unterschriften. 

Reiten: Pferde sind mein Hobby. Ein eigenes habe ich nicht, sondern eine Reitbeteiligung. Beruflich bin ich zu sehr eingespannt. Ich pendle jede Woche zwischen München und Berlin. 

Stolz soll die Mama sein – das ist es, was die Jungs am Ende alle wollen. Das rührt mich sehr. 

Testosterongeladen ist die Szene sehr. Die Streitereien sind schon echt, das ist nicht nur Show. Aber die Jungs sind auch wie Hundewelpen, am Ende vertragen sie sich wieder. 

Umbruch: Als ich als Praktikantin angefangen habe, war es noch ganz normal, dass wenn der Big Boss zur Wiesn aus Amerika kam, die davor oder danach halt in den Puff gefahren sind. 

Versuche unternommen, woanders als in München zu leben, habe ich öfter. Aber es zieht mich immer heim.

Weggerempelt werde ich am Flughafen von Münchner Business-Typen. Die Rapper, mit denen ich zusammenarbeite, sind mir gegenüber krass respektvoll. 

Xylophon: Auf der Forellenschule in Trudering wollte ich als Sechsjährige unbedingt in die Orff-Klasse, aber die Lehrerin mochte mich nicht. Von meinem Opa habe ich ein Xylophon gekriegt und so lange geübt, bis sie mich aufnehmen musste. Dann hat die Hexe mich an die Pauke gesetzt (lacht).

Yung Hurn war der erste, der bei mir bei Atlantic Records unterzeichnet hat. Er ist sehr künstlerisch und eigen.

Zeichen setzen: Von 11. bis 15. April veranstalten wir in Berlin ein internationales Female Rap-Camp, nicht nur mit Frauen aus unserem Label. Es ist viel Arbeit und teuer, aber das wird der Wahnsinn. 

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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