Timur Vermes im Gespräch mit Hallo München

„Schriftsteller sind nicht auf Worte beschränkt“ - Timur Vermes im großen Hallo Interview

Timur Vermes, der Autor zahlreicher erfolgreicher Bücher wie „Er ist wieder da“ und „Die Hungrigen und die Satten“ im Hallo-Interview.
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Timur Vermes, der Autor zahlreicher erfolgreicher Bücher wie „Er ist wieder da“ und „Die Hungrigen und die Satten“ im Hallo-Interview.
  • Daniela Borsutzky
    VonDaniela Borsutzky
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Der Schöpfer von „Er ist wieder da“ und „Die Hungrigen und die Satten“ hat mit seinem neuen Buch „U“ ein literarisches Experiment gewagt. Was dieses mit dem Sendlinger Tor gemein hat, warum sich Autoren etwas von Comics abschauen können und wieso sich Verliebte Krippen ansehen sollten, verrät der Giesinger im Interview.

Herr Vermes, Ihr neues Buch handelt von einer scheinbar endlos andauernden U-Bahn-Fahrt. Wie sind Ihre Erfahrungen mit den Öffentlichen?

In München sind wir, im Gegensatz zu anderen Großstädten, gut bedient. Die U-Bahn funktioniert ganz leidlich, die S-Bahn nicht so. Es ist praktisch, wenn man eine Station vor der Haustür hat. Im Urlaub in Rom konnte ich mal vier Stationen lang nicht aussteigen. Die Bahnhöfe waren zwar vorhanden – also nicht so wie in „U“ – aber anscheinend so marode und einsturzgefährdet, dass die Bahn durchgefahren ist. In Amerika kann man froh sein, wenn man überhaupt öffentliche Verkehrsmittel findet.

Hallo verlost fünf signierte Exemplare von „U“.

*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Hat Sie also der Rom-Urlaub zu „U“ inspiriert?

Nein, auf die Idee bin ich in München gekommen. Wer in letzter Zeit am Sendlinger Tor umgestiegen ist, weiß, wie sich die Dame im Buch fühlt. Ich denke mir immer wieder: ,Das muss doch übersichtlicher gehen!‘ Wie schafft man es, Pfeile so anzubringen, dass sich trotzdem keiner sicher ist, ob er jetzt diesen oder jenen Weg nehmen muss? Ich glaube auch, dass die Menschen, die am Berg Wegweiser aufstellen, selber noch nie gewandert sind. 

Das Baustellenchaos am U-Bahnhof Sendlinger Tor hat Vermes als Inspiration gedient für sein neues Buch „U“.

Ich schaffe es auch immer wieder, mich am Hauptbahnhof zu verlaufen…

Von den Gleisen der U2 gibt es dort eine Nebentreppe. Dass man so etwas derart blindlings bauen kann, ist für mich unverständlich. Der Südaufgang der Fraunhoferstraße ist interessant. Es scheint, als hätte man dort sämtliche übrig gebliebene Fliesen verbaut, keine drei Wände sehen gleich aus. Er ist, sagen wir, sehenswert (lacht)

Sie thematisieren im Buch Angst: Niemand glaubt einem, man ist völlig hilflos. Kennen Sie solche Situationen?

Ich war einmal auf einer Wanderung auf La Palma. Da gibt es so einen Vulkankrater, man krabbelt rauf und durch und muss durch ein Bachbett raus. Wir waren viel zu spät dran, es wurde schon dunkel, wir wussten nicht, wie tief das Wasser ist. Dann sind wir zu dem Punkt gekommen, an dem uns klar wurde, dass wir hier jetzt nicht mehr raus kommen. 

Aber Sie sind raus gekommen…

Offensichtlich, wir sprechen ja gerade. Wir mussten die Nacht im Krater verbringen, an Schlaf war nicht zu denken. Wir haben Notrufe abgesetzt, mit spanischen Behörden telefoniert, die uns gesagt haben, dass man dort nicht übernachten dürfe. Ach?! Wir haben versucht, etwas zu organisieren, aber es war klar, dass uns niemand holt. 

Eine Situation wie in „U“.

Die Protagonisten können die Fahrt nur absitzen, müssen die Situation akzeptieren. Es gibt nichts zu verhandeln. 

Wie bei Corona... Die Pandemie wird am Rande erwähnt, die Personen tragen aber keine Masken. 

Ich frage mich dauernd, wann die Masken in Filmen auftauchen, wann die Filmemacher anfangen werden, die Situation zu akzeptieren und umstellen. Ich nehme mich da nicht aus. Kann doch sein, dass wir in zehn Jahren noch mit Mundschutz rumlaufen. Das Buch war zunächst als Drehbuchversion geschrieben. Ich habe überlegt, was ich für einen Film machen könnte. Natürlich im Moment keinen mit tausend Statisten. Also einen mit zwei Leuten. Und was könnten die dann tun?

Nun ist es eine Version des Gedachten geworden, mit grafischen Elementen. Weil Sie gerne Comics lesen?

Ein Schriftsteller ist nicht zwanghaft nur auf Worte beschränkt. Der Comic nutzt den Moment des Umblätterns, man hat keine Ahnung, was auf der nächsten linken Seite für ein Bild kommt. Es überrascht, das ist ein super Effekt. 

Sie haben vor vielen Jahren den Stadtführer „München für Verliebte“ geschrieben. Ihre Tipps?

Es gibt da eine sehr reizvolle Krippenausstellung im Bayerischen Nationalmuseum.

Damit habe ich nicht gerechnet, das müssen Sie erklären.

Dort gibt es jede Menge alte Krippen, nicht nur solche mit Kindlein, Esel und dem üblichen Firlefanz. Auch Straßenszenen, eine italienische Marktlandschaft, die man entdecken kann. Es ist doch so: In der ersten Phase der Verliebtheit kommt man nicht aus dem Bett. Aber irgendwann muss man anfangen, miteinander zu reden. Bei einer Ausstellung ist das Thema vorgegeben, an dem man sich entlanghangeln kann. Gesprächslücken kann man überbrücken, indem man einfach betrachtet, was da vor Einem ist. 

Um Verliebtheit zu erhalten, empfehlen Sie also Kultur?

Da muss man in keinen Knutschtempel. Auch die Schatzkammer der Residenz ist toll, nicht nur für Touristen. Wahnsinn, was es dort zu entdecken gibt. Naja, und wenn man trotzdem merkt, das ist irgendwie nix, dann sieht man die Person entweder nicht mehr oder geht halt nur noch mit ihr ins Bett (lacht).

ZUR PERSON 

Timur Vermes, Jahrgang 1967, sieht sich gleichzeitig als Münchner, Nürnberger und Fürther. Er studierte Geschichte und Politik, wurde Journalist und Autor. Seine 2012 veröffentlichte Hitler-Satire „Er ist wieder da“ ist eines der erfolgreichsten deutschen Debüts der vergangenen Jahrzehnte. 2018 erschien der Roman „Die Hungrigen und die Satten“, in dem Vermes die Flüchtlingsdebatte aufgreift.

Sein neues Buch „U“ unterschiedet sich deutlich von den satirischen Vorgängern. „Ich wollte möglichst wenig Distanz zwischen Leser und Protagonist“, erklärt Vermes. Daher habe er eine Form gewählt, die „ungewöhnlich“ ist: die Gedankenwelt der Hauptperson. Zudem spielt Vermes mit grafischen Effekten – Schriftarten- und größen variieren beispielsweise. Der Obergiesinger ist großer Fan von Comics. Das Werk, an dem er aktuell arbeitet, wird jedoch keiner: „Ich kann nicht malen, es macht also keinen Sinn, dass ich so etwas versuche.“

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