A bis Z mit Dorothee Schiwy

Dorothee Schiwy: „Reich sind in München nur neun Prozent“

+
Seit genau drei Jahren hat Dorothee Schiwy (46) die leitende Position im Münchner Sozialreferat inne.

Mehr Wohnungslose, mehr arme Alte, aber auch mehr Angebote: Sozialreferentin Dorothee Schiwy (46) zieht nach den ersten drei Jahren im Amt im Hallo-Interview ihre Halbzeitbilanz.

München – Genau drei Jahre ist es her, dass Dorothee Schiwy die Leitung des Sozialreferats übernahm. Drei Jahre hat die Juristin in ihrer Amtszeit noch vor sich, um die dringenden Probleme der Stadt zu bekämpfen. Täglich wird die 46-Jährige aus Sendling-Westpark angeschrieben. Die Menschen schildern ihr ihre verschiedensten Nöte. „Oft geht es darum, dass sie eine Wohnung brauchen.“ 

Den Mangel an bezahlbaren Wohnungen in München sieht sie als Priorität, betont aber: „Es liegt nicht an mangelnden Bauprojekten – die Stadt hat über fünf Jahre verteilt 870 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, eines der teuersten Wohnungsbauprogramme überhaupt.“ Neben den Zuzug gebe es ein anderes Problem: „Viele Sozialwohnungen, die in den 60er-Jahren gebaut wurden, fallen jetzt nach 50 Jahren aus der Bindung.“ 

Wieso das Sozialreferat trotz der Knappheit Mieter weiter in Sozialwohnungen lässt, selbst wenn sie die Kriterien nicht mehr erfüllen, lesen Sie im A bis Z. 

Maren Kowitz

Sozialreferentin Dorothee Schiwy (46) von A bis Z

Altersarmut: Über 15 000 Menschen beziehen Grundsicherung im Alter. Jährlich werden es fünf Prozent mehr. Ich schätze, dass mindestens 10 000 ältere Münchner einen Anspruch auf Grundsicherung hätten, diesen aber nicht wahrnehmen, weil sie es nicht wissen, sich nicht trauen oder glauben, dass ihre Verwandtschaft dann belangt wird. Wir würden uns wünschen, dass mehr Menschen zu uns kommen und sich individuell beraten lassen, wenn das Geld nicht reicht. Es gibt auch die Möglichkeit, im Einzelfall Stiftungsmittel für bestimmte Bedarfe zu erhalten, zum Beispiel für eine Brille oder eine neue Waschmaschine.

Brennpunkte: Wir haben in München „No-go-areas“ verhindert. Unter anderem durch eine aktive Sozialpolitik und die „Münchner Mischung“ beim Bauen neuer Wohnungen, das heißt dass mindestens 1/3 Sozialwohnungen sein müssen. Dadurch gelingt es uns, dass wir in den meisten Stadtvierteln eine heterogene Bevölkerungsstruktur haben.

CSU: Als ich Sozialreferentin geworden bin, hatte ich Respekt vor der Aufgabe, in einer großen Koalition zu gestalten. CSU und SPD vertreten per Satzung nicht das gleiche Klientel. Es hat sich bewahrheitet, dass man mehr Kompromisse machen muss.

Druck: Der Zuzug stresst die Menschen. Seit 2010 ist München um 160 000 Einwohner gewachsen. Ich kann verstehen, dass die Leute strapaziert sind, wenn man an der Isar das Gefühl hat bei einem Radlcorso zu sein oder sich in überfüllte U-Bahnen quetschen muss.

Engagement: In München engagieren sich über 600 000 Personen über 14 Jahren ehrenamtlich. Sei es im Sportverein, in der Kirche, in der Flüchtlingshilfe, oder in den Alten-und Service-Zentren. Um diese Zahl werden wir bundesweit beneidet.

Frauenhäuser: Zum Schutz von Frauen und ihren Kindern vor häuslicher Gewalt finanziert die Landeshauptstadt drei Frauenhäuser mit 78 Plätzen. Wir sind dabei, unser Angebot um weitere 30 Plätze für psychisch kranke Frauen und Frauen, die von häuslicher Gewalt bedroht sind, auszubauen. 

„Solidarität hört oft vor der eigenen Haustür auf“

Gemeinschaftssinn: Wenn Dinge vor der eigenen Haustür stattfinden, ist es mit der Solidarität nicht immer zum Besten bestellt. Beispielsweise zu akzeptieren, dass eine Wiese kleiner wird, weil wir dort dringend eine Unterkunft für Wohnungslose bauen müssen. Wir wollten ein ebenerdiges Altenheim um ein Geschoss aufstocken und Anwohner haben sich über die Verschattung ihrer Gärten beklagt. Da frage ich mich schon, ob die Menschen je überlegt haben, selbst einmal auf eine solche Einrichtung angewiesen zu sein.

Hauptbahnhof: Die Lage hat sich durch die Aktivitäten der Polizei und des Kommunalen Außendienst verbessert. Aber es wird immer ein Thema sein, dass sich im Umfeld Leute treffen, um Alkohol zu trinken. Wir wollen eine Einrichtung schaffen, die Alkoholkonsum ermöglicht, in der jeder Alkohol mitbringen und trinken kann und dort vor allem ganz niederschwellig Hilfsangebote bekommt, wenn er möchte. Die Trägerschaftsvergabe werden wir noch im Juli dem Stadtrat vorlegen.

Integration: Alle Menschen in dieser Stadt sollen am wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Leben gleichberechtigt teilhaben können – auch Flüchtlinge. Ganz bewusst setzt die Stadt auf Integration vom ersten Tag an und investiert viel Geld in zahlreiche Angebote, unabhängig der Bleibeperspektive.

Jugendamt: Unser Jugendamt ist mit 1200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das größte der Bundesrepublik. Die Kolleginnen und Kollegen arbeiten täglich dafür, dass alle Familien mit ihren Kin­dern, gerne und gut in München leben können. Unabhängig von Behinderung, Herkunft, Hautfarbe, sexueller Identität und Weltanschauung. Bei einer Millionenstadt kann es aber immer wieder passieren, dass Dinge nicht so funktionieren, wie wir uns das wünschen. Wir sind auch angewiesen, dass Familien, die Hilfe brauchen, aktiv auf uns zukommen oder auf die Hinweise von Dritten. Die neue Jungendamtsleiterin Esther Maffei hat im August 2018 ihre Arbeit aufgenommen und sie steht vor einer großen Herausforderung. Das Jugendamt hatte über mehrere Jahre keine Leitung und dadurch sind leider auch Strukturen verloren gegangen.

Konfliktmanagement: Das Allparteiliche Konfliktmanagement (AKIM) ist sinnvoll in einer Stadt, die immer enger wird. Erleben es nicht nur am Gärtnerplatz und in der Müllerstraße, sondern auch an ganz abgelegenen Orten in den Stadtvierteln, dass sich Anwohner beschweren, wenn sich Jugendliche „zusammenrotten“. Die fünf Kolleginnen und Kollegen dort leisten eine Superarbeit, um Verständnis zu schaffen, zum Beispiel für Jugendliche, die auch Raum brauchen ohne sozialpädagogisch betreut zu sein oder viel Geld ausgeben zu müssen.

Lebensabend: Was mir persönlich auch wichtig ist, ist wie man ältere Menschen abholen kann und sie aus ihrer Einsamkeit holen kann. Der Stadtrat hat im Herbst beschlossen, einen kostenlosen Mittagstisch an fünf Tagen die Woche in den Alten-Service-Zentren anzubieten – für alle unterhalb einer Einkommensgrenze von 1350 Euro. Das ist einmalig in der Bundesrepublik.

Mietspiegel: Früher bildete der bundesweite Mietspiegel alle Mieten ab, bevor das die schwarzgelbe Regierung in den 80er-Jahren verändert hat. Jetzt sind nur noch die letzten vier Jahre maßgeblich. Wir erheben gerade die tatsächliche Durchschnittsmiete. Aber das ist vor Gericht natürlich völlig unverbindlich – wenn es um Wucher bzw. Mieterhöhungen geht. Deswegen appelliere ich seit meinem Amtsantritt an die Bundesregierung, dass diese Regelung auch offiziell wieder verändert wird.

„Wir begegnen unserer Klientel, sobald wir vor die Türe gehen“

Nah dran: Die sozialen Nöte der Münchner spürt man am Orleansplatz, wo unser Referat angesiedelt ist, sehr stark, weil wir an einem Kristallisationspunkt sind. Wir begegnen unserer Klientel, sobald wir vor die Türe gehen. Hier gibt es es beispielsweise Wohnungsflüchter, die sich einsam fühlen, die sich treffen, um gemeinsam Alkohol zu trinken.

Obdachlos: Zum Straßenbild einer Millionenstadt wie München gehören auch Menschen, die betteln oder lagern. Oftmals sind es sogenannte Armutsmigranten aus osteuropäischen Ländern wie Rumänien oder Bulgarien, die hier keinen Anspruch auf Sozialleistungen oder Unterbringung in unserem Wohnungslosensystem haben. Die aber trotzdem mehr Perspektive hier sehen, als in ihrer Heimat. In München hat sich die Zahl der wohnungslosen Menschen in den letzten zehn Jahren auf 9000 verdreifacht.

Personal: Das Sozialreferat hat 4500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sehr engagiert sind und auch sehr gelassen, wenn sie mal angemault werden. Noch haben wir keine Löcher im Personalbestand. Klar ist aber, dass unsere Aufgaben mit einer wachsenden Stadt nicht weniger werden und wir uns im Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte mit vielen Unternehmen dieser Stadt befinden. Wir entwickeln vor diesem Hintergrund auch neue Kooperationen oder duale Studiengänge.

Quartier: Das Junge Quartier Obersendling an der Schertlinstraße mit 156 Wohnplätzen wird nach den Sommerferien eröffnen. Die Idee ist, bestimmte Bedarfe aus dem Jugendbereich und der Flüchtlingsintegration innovativ zu vereinen. So wird zum Beispiel die Schlauschule dort unterkommen.

Reichtum: Die Wahrnehmung, dass es in München eine große Schere zwischen Arm und Reich gibt, ist nicht richtig. In München gilt man als reich, wenn man über 4500 Euro netto im Monat verdient. Das sind gerade einmal neun Prozent der Erwerbspersonen, auf die das zutrifft, 17 Prozent gelten als arm, haben als Alleinstehende weniger als 1350 Euro netto im Monat zur Verfügung. Der Rest gehört noch zum Mittelstand und das finde ich wirklich beruhigend. Allerdings sehe ich sehr wohl, dass die Schere auch in München weiter auseinandergeht.

„In München muss keiner unter der Brücke schlafen“

Sozialwohnungsbau: Wir haben 70 000 Wohnungen mit Sozialbindung, aber die Fluktuation ist natürlich nicht hoch. Auch wenn die Leute, die Kriterien nicht mehr erfüllen, müssen sie die Wohnung nicht verlassen, sie zahlen dann nur eine höhere Miete. Wir wollen nicht, dass sie wohnungslos werden. Auch finanziell Leistungsstärkere tun sich zur Zeit auf dem Mietmarkt schwer. In München muss keiner unter der Brücke schlafen. Wir bekommen jeden Haushalt unter, wenn nicht in einer Wohnung, dann zumindest in einer Wohnungsloseneinrichtung.

Trennung: ist oft ein Grund für Armut. Ich erlebe immer wieder, dass ein junges Paar als Facharbeiter recht gut situiert nach München kommt. Sie gründen eine Familie. Wenn sie sich dann scheiden lassen, tut man sich als Alleinerziehende plötzlich schwer, sich und die Kinder über Wasser zu halten.

Ude: Ich war von 2009 bis 2014 Stabschefin des Oberbürgermeisters Christian Ude. In dieser Funktion habe ich viel über Krisenmanagement gelernt. Bei der Stadtspitze schlagen immer Themen auf, bei denen es nicht so läuft. Die ein Umdenken, eine Neuordnung erfordern. Ähnlich wie jetzt bei mir als Referentin.

Verwaltung: Wir sind eine Organisation, die nicht stillsteht und sich weiterentwickelt, weil wir uns den Veränderungen der Gesellschaft stellen und weil sich die Herausforderungen an uns verändern.

Wohnungsbörse: Wir arbeiten an einer Wohnungstauschbörse. Die Idee ist, dass beispielsweise eine Seniorin ihre Vier-Zimmer-Wohnung gegen eine kleinere tauschen kann, weil sie nicht mehr so viel Platz braucht oder haben möchte. Aber das dauert noch etwas. Die größte Herausforderung besteht darin, es hinzubekommen, dass sie in der neuen, kleineren Wohnung nicht mehr Miete zahlt als vorher.

Xanthippe: war die Frau von Sokrates. Der hat der Menschheit interessante Weisheiten hinterlassen, unter anderem dass es keinen Sinn macht, das Alte mit aller Kraft zu bekämpfen, sondern dass man sich darauf fokussieren sollte, was Neues zu schaffen.

Yoga: Yoga ist ein wunderbarer Ausgleich zum Alltag. Leider habe ich dafür aber zu wenig Zeit.

Zweckentfremdung: 2018 hat unser Fachbereich insgesamt 370 Wohnungen vor Zweckentfremdung geschützt bzw. dem Wohnungsmarkt wieder zugeführt. Wir haben wegen Verstößen gegen die Zweckentfremdungssatzung Bußgelder in Höhe von knapp 1. Mio. Euro verhängt. Noch in diesem Jahr wollen wir die Zweckentfremdungssatzung so verschärfen, dass beim Abbruch von Wohnraum der Ersatzwohnraum grundsätzlich im gleichen Stadtgebiet erstellt werden muss.

Eine große Auswahl an weiteren spannenden Interviews finden Sie in unserer Übersicht.

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Rainhard Fendrich – „Meine Generation hat eigentlich versagt“
Rainhard Fendrich – „Meine Generation hat eigentlich versagt“

Kommentare