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Planegger Michael Merten ist Bundestrainer der Sitzvolleyball-Männer – am 4. November geht’s zur WM

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Von: Romy Ebert-Adeikis

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Bundestrainer im Sitzvolleyball Michael Merten freut sich auf die WM in Bosnien-Herzegowina.
Bundestrainer im Sitzvolleyball Michael Merten freut sich auf die WM in Bosnien-Herzegowina. © Romy Ebert-Adeikis

Michael Merten ist Bundestrainer im Sitzvolleyball und tritt mit seiner Auswahl bald bei der WM an. Über sein Ziel bei den Wettkämpfen, den Job als Trainer und seinen größten Erfolg hat er mit Hallo gesprochen.

Schon als Jugendlicher hat Michael Merten nicht nur Volleyball gespielt, sondern auch trainiert. Nach zig Stationen als Vereins- und Nationalcoach im In- und Ausland ist er 2017 eher zufällig zum Sitzvolleyball gekommen – als Bundestrainer. Dass er selbst keine körperliche Einschränkung hat, sei kein Problem: „Die Rutschtechniken, um an den Ball zu kommen, bringen sich die Spieler gegenseitig am besten bei“, sagt der 53-Jährige. Mit seinem Team fährt der Planegger vom 4. bis 11. November zur Weltmeisterschaft ins bosnisch-herzegowinsche Sarajevo – mit großen Hoffnungen. „Allerdings sind mit China und Russland auch zwei Top-Teams nicht vertreten.“

Was er sich für die WM vorgenommen hat, wo München noch aufholen muss und wieso Alter bei dem Inklusionssport kaum eine Rolle spielt, verrät er im Hallo-Interview.

Sitzvolleyball-Bundestrainer Michael Merten (53) von A bis Z

Auswahl: Wir haben uns recht früh auf 14 Spieler geeinigt, die zur WM nach Sarajevo fahren – können aber bis zum Tag der Anreise noch nachnominieren. Im erweiterten Kader sind 25 Spieler.

Bundestrainer heißt es, sobald man vom Sportverband fest angestellt ist. Sonst ist man Nationaltrainer.

Coach: 80 Prozent meines Jobs sind Schreibtischarbeit: Datenanalyse, Kaderplanung, Buchungen.

Deutschlandweit verstreut sind die Nationalspieler, ich selbst lebe heute in Berlin. Unsere Haupt-Trainingsorte sind das Bundesleistungszentrum in Leverkusen und Kienbaum bei Berlin: das olympische und paralympische Trainingszentrum. Dort waren wir gerade fünf Tage im Trainingslager.

Erfolg: Als Trainer war mein größter Erfolg, die rumänische Meisterschaft mit dem Team Remat Zalau 2011. Und der sechste Platz mit den Sitzvolleyballern bei den paralympischen Spielen in Tokio.

Feld: Mit sechs Meter Breite und fünf Meter Tiefe pro Hälfte ist es deutlich kleiner als beim Hallenvolleyball. Auch das Netz ist niedriger, bei den Männern hängt es auf 1,15 statt 2,43 Metern.

Gruppengegner sind Polen, Kanada und Brasilien. Die ersten beiden Teams nehmen wir ernst, sie sollten aber bei eigener guter Leistung schlagbar sein. Gegen Brasilien haben wir 2021 und 2022 jeweils 3:1 gewonnen. Aber jetzt haben sie einen neuen Spieler – den derzeit wohl größten Südamerikaner mit 2,36 Metern.

Historie: Sitzvolleyball wurde in den 50er-Jahren in den Niederlanden erfunden. Seit den 80ern ist es im paralympischen Programm. 

Inklusion: Es gibt wenig Sportarten, die so ideal für Inklusion sind wie Sitzvolleyball – man hat man kaum Vor- oder Nachteile mit oder ohne Körperbehinderung. Übrigens: Mehr als die Hälfte der deutschen Sitzvolleyballer auf Vereinsebene hat keine Körperbehinderung.

Jung müssen Topspieler nicht unbedingt sein. Man kann beim Sitzvolleyball bis Mitte 40 auf Weltklasseniveau spielen, weil die nachlassende Sprungkraft bei uns keinerlei Rolle spielt. Mein ältester Spieler im WM-Kader ist Jahrgang 1972.

Klassifizierung: International dürfen nur Spieler mit Einschränkungen eingesetzt werden. Jeder Spieler muss sich einer Klassifizierung unterziehen, bei welcher der Grad der Behinderung festgestellt wird.

Lebenslauf: Im Gymnasium Planegg habe ich das erste Mal Volleyball gespielt. Mit 16 habe ich bei der DJK Würmtal Kindertraining gegeben. Als Sportstudent in München trainierte ich Zweitligamannschaften, um mir mein Studium zu finanzieren. Danach war ich an der Trainerakademie in Köln.

München: In ganz Bayern gibt es keinen Verein für Sitzvolleyball. Vielleicht, weil hier Faustball – und die inklusive Form Sitzball – noch eine Rolle spielen. Ich hoffe aber auf eine baldige Vereinsgründung im Raum München. Vielleicht sogar in Planegg.

Nebenjob: Nebenbei bin ich noch Vereinstrainer beim SCC Berlin und Sportlehrer. Unsere Spieler haben alle einen anderen Beruf – in der Weltspitze ist Deutschland das einzige Team, in dem das so ist. Natürlich ein Nachteil.

Oesterreich: Dort war ich Co-National- und Vereinstrainer. Ich habe auch schon Teams in Liechtenstein, Rumänien und Griechenland gecoacht.

Planegg: Ich habe in Planegg noch immer Familie sowie viele Freunde und bin mindestens zehn Mal im Jahr hier.

Quereinstieg: Vom Hallen-zum Sitzvolleyball zu wechseln, war nicht so schwer. 95 Prozent des Trainings sind sehr ähnlich. Nur das Bälle holen dauert deutlich länger (lacht).

Die deutschen Sitzvolleyballer wollen bei der WM in Sarajevo erfolgreich sein.
Die deutschen Sitzvolleyballer wollen bei der WM in Sarajevo erfolgreich sein. (Symbolbild) © dpa/Marcus Brandt

Rarität: In Deutschland gibt es nur gut ein Dutzend Sitzvolleyball-Vereine. Zurzeit kommen jährlich ein bis zwei dazu, deswegen träumen wir von einer eigenen Bundesliga.

Spielerkarriere: Mit 19 habe ich in der A-Jugend bei 1860 München gespielt und versucht auszuloten, wie weit es gehen kann mit der Karriere. Das Ergebnis war eindeutig und die Trainerlaufbahn war bald im Vordergrund. Heute spiele ich nur noch hobbymäßig – meist Beachvolleyball.

Trainerstab: Zur WM fahre ich mit zwei Co-Trainern, einem Analysten sowie Teammanager, Arzt und Physiotherapeut.

Unterschiede: Anders als beim Hallenvolleyball darf man beim Sitzvolleyball den gegnerischen Aufschlag blocken und bei jeder Aktion muss mindestens ein Teil vom Rumpf am Boden sein.

Vereinigung Deutscher Volleyballtrainer habe ich 2010 mit gegründet und wurde dann auch zum Präsidenten. 2015 ist diese aber in einem sportartübergreifenden Verband für Profitrainer aufgegangen.

Wertvoll: Die Urlaubstage meiner Spieler wiege ich mit Gold auf. Wir können ja nur so zusammen trainieren – vergangenes Jahr hatten wir insgesamt 72 Lehrgangstage.

Xtreme: Im nächsten Herbst wird die Belastung für uns extrem sein. Unsere drei Saisonhöhepunkte sind im September, Oktober und November: das internationale Super-Six-Turnier, die EM in Italien und der Weltcup in Ägypten. Die letzten beiden sind auch Qualifikationsturniere für die Paralympics 2024, die in Paris stattfinden.

Yoga als Ausgleichstraining habe ich schonmal gemacht – mit unterschiedlichen Reaktionen. Immerhin weiß ich jetzt, dass man dabei immer darauf achten sollte, dass die Halle nicht zu kalt ist (lacht).

Ziel in Sarajevo: Wir wollen uns so gut wie möglich platzieren und einen großen Sprung auf der Weltrangliste machen. Aktuell sind wir dort achter – wenn es gut läuft, könnten wir bis zu vier Plätze aufsteigen.

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