„Diese Krise hat mich glücklicher gemacht“

Kabarettistin Sissi Perlinger im Interview über ihr Karriere-Ende nach 37 Jahren und „Worum es wirklich geht“

Nach 37 Jahren nimmt Sissi Perlinger nun Abschied von der Kabarett-Bühne.
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Nach 37 Jahren nimmt Sissi Perlinger nun Abschied von der Kabarett-Bühne.
  • Sebastian Obermeir
    VonSebastian Obermeir
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Für ihren Beruf hat die Kabarettistin jahrzehntelang alles gegeben. Sie war in ein Hamsterrad gelangt, wo sie sich bis zum Burn-out inklusive Tinnitus verausgabte. Hallo hat die Münchnerin beim Krafttanken in der Ferne erreicht – bevor es wieder Richtung Deutschland geht, um dort die letzten Shows ihrer Karriere zu spielen.

Frau Perlinger, wenn Sie im Ausland sind – vermissen Sie München dann?

Da muss man eigentlich ja sagen, oder? (lacht) Naja, ich bin halt wie ein Zugvogel. Im Winter muss ich weg. Aber im Sommer ist München bezaubernd. Der Nymphenburger Park ist meine Medizin. Aber ich möchte nicht mehr dauernd in einer Großstadt leben. Ein simples Leben in der Natur ist für mich das Glück und entspricht mir inzwischen viel mehr.

Dort erkennt man, worum es wirklich geht, um den Titel Ihres Programms zu zitieren.

Ja genau! Es geht in meinem Programm unter anderem ums Glück und für mich ist Selbstverwirklichung kein Luxus, sondern das Wichtigste. Nur glückliche Menschen können auch andere glücklich machen – am besten, indem sie das tun, wofür sie geboren wurden. Wir werden in dieser Welt allerdings systematisch unglücklich gemacht, damit wir möglichst viel kaufen. Ich beobachte oft simpel lebende Leute in anderen Ländern, und sie lachen viel mehr und sind zufriedener.

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Woran liegt das?

Wir werden durch die Glotze verängstigt und das Gefühl „Ich genüge nicht wie ich bin“ wird extrem verstärkt. Das hat auch mich ins berufliche Hamsterrad getrieben. Ich habe zehn Jahre lang komplett durchgearbeitet und vier Jobs gleichzeitig gemacht. Dann bekam ich ein Burn-out und einen schweren Tinnitus.

Ein Weckruf.

Das war eher eine brüllende Alarmanlage, die da los ging. Da gab es einen fetten dunklen Punkt in mir. Mein Vater ging weg, als ich ein Jahr alt war und meine Mutter war völlig überfordert und hat mich komplett vernachlässigt. Da hockst du dann als Baby im „Kinderknast“-Gitterbett und glaubst, du bist es nicht wert, dass sich jemand um dich kümmert. Das habe ich Gott sei Dank alles aufgearbeitet und nach drei Jahren Therapie war der Tinnitus wieder weg! Heute bin ich ihm sehr dankbar, denn durch diese Krise bin ich ein glücklicher und entspannter Mensch geworden. Nicht zuletzt deshalb lebe ich auch seit 20 Jahren in diesem Pendel aus Auszeit, wo ich an mir, meiner Kreativität und meinem inneren Frieden arbeite, und der „Applauszeit“ auf Tournee.

Empfinden Sie das als Privileg?

Als sehr großes. Aber ich kann es mir leisten, weil ich ein einfaches Leben führe. Ich habe mein Geld noch nie für Statussymbole rausgehauen. Ich trage nur Leo und dachte keine Sekunde meines Lebens, ich müsste irgendeinem Modetrend hinterherrennen. Gesunde Sparsamkeit ist ein wichtiger Schlüssel zur wahren Freiheit.

Das erinnert mich an Frugalisten, die sparsam leben, um früh in Rente gehen zu können.

Ja, und ich habe früh angefangen in meine private Rente einzuzahlen. Als Frau im Showbusiness! Das kannst Du nicht ewig machen! Jetzt kann ich nach 37 Bühnenjahren aufhören, weil ich mich künstlerisch weiter entwickeln will und reif bin für ein neues Kapitel.

Und das alte schließen Sie mit dem Bayerischen Kabarettpreis ab.

Ja! Ist das nicht toll? Jetzt, wo ich grade alles loslasse, ist das ein wunderschönes Abschiedsgeschenk. Ich freue mich wirklich sehr, dass mein Lebenswerk geehrt wird. Ich hab aber auch viel gegeben, glaube ich. Im Grunde habe ich mein Leben lang durchgearbeitet und alle meine Lebenskapitel in meinen Shows aufgearbeitet. Mein Thema war immer der Kampf vom Opfer zum Helden zu werden im Mythos des eigenen Lebens! Das war echt harte Arbeit, hat mich aber auch komplett geheilt, denn der Humor ging immer auf meine Kosten.

Das klingt, als ob Sie schon an Ihrer Dankesrede gefeilt hätten?

Klar, aber als ich vom Preis erfahren habe, dachte ich tatsächlich als erstes: Was ziehe ich da an?

Leo-Print?

Das sowieso, aber welches Outfit? Und ich hab natürlich auch überlegt, was ich sagen möchte. Ich bekomme den Preis und am 28. November spiele ich meinen letzten Auftritt. Es ist eine echte Abschiedsrede!

Wie geht es dann weiter?

Ich schreibe schon seit langer Zeit auf Englisch und meine Show heißt: „Spiritual Comedy First Aid Self Help Kit“, also ein lustiger spiritueller Erste-Hilfe-Kasten. Da singe ich 16 Songs mit Gitarre und Fußschlagzeug und gebe lustige, aber auch wirklich anwendbare Tipps.

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Zur Person

Aufgewachsen ist die 1963 geborene Sissi Perlinger auf einem kleinen Bauernhof in Niederbayern. Ihre Schauspiel- und Gesangs- und Tanzausbildung absolvierte sie rund um den Globus, um irgendwann in ihr legendäres Leo-Outfit zu schlüpfen und von Nymphenburg aus die Kabarett-Bühnen und Fernsehschirme zu erobern. 1987 legte sie ihr erstes Soloprogramm „Der Sissi-Perlinger-Skandal“ vor, jetzt ist nach über 35 Jahren mit dem aktuellen „Worum es wirklich geht“ Schluss. Für November hat sie angekündigt, ihre Kabarettisten-Karriere zu beenden. Ein für alle Mal, wie sie im Interview verrät. „Man muss jetzt kommen, sonst ist es zu spät. Ich mach bestimmt kein Comeback! Versprochen!“

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