Severin Freund im Gespräch mit Hallo München

„Leistungssport ist nie das Gesündeste, vor allem wenn man älter wird.“

Der Skispringer Severin Freund lebt seit vielen Jahren in München.
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Der Skispringer Severin Freund lebt seit vielen Jahren in München.
  • Romy Ebert-Adeikis
    vonRomy Ebert-Adeikis
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Lange Zeit war Severin Freund Deutschlands Skispringer Nummer eins. Bis vor vier Jahren, als mehrere Verletzungen und Operationen den Neuhauser zurückwarfen. Warum Aufhören dennoch nie wirklich ein Thema war und wieso er froh ist, nicht direkt an der Sprungschanze zu wohnen, verrät der 32-Jährige im Interview. 

Herr Freund, Sie kommen aus dem Bayerischen Wald, leben aber mittlerweile seit über zehn Jahren in München. Wo sind Sie mehr daheim?
Es gibt eine alte und eine neue Heimat. Ich genieße die Stadt als Stadt – aber landschaftlich ist der Bayerische Wald natürlich etwas anderes.
Sie hätten auch direkt in die Alpen ziehen können...
Ich denke, es wäre für mich nicht das Beste gewesen, wenn der erste Blick morgens direkt zur Sprungschanze geht. So ist daheim auch mal Platz für was anderes als Skispringen.
Sie haben mit sechs Jahren mit dem Skispringen angefangen, weil Sie es mit Ihren Eltern im Fernsehen gesehen haben. Was hat Sie so fasziniert?
Wenn, dann war das bei der Oma. Wir hatten damals noch gar keinen Fernseher daheim (lacht). Es ist generell ein sehr spektakulärer Sport, mit tollen Bildern. Da geht es natürlich auch um den Traum vom Fliegen, den ja viele haben und dem wir Skispringer einfach ein ganzes Stück näher sind.
Diese Saison ist ja alles anders: Wettkämpfe finden ohne Zuschauer statt, es gibt Chaos mit den Corona-Tests. Wie sehr belastet Sie das mental?
Momentan ist es recht entspannt. Anders war es am Anfang der Saison als es wenig Pausen gab, wir von Wettkampf zu Wettkampf gereist sind. Mit den Tests kommt dann noch ein Programmpunkt dazu. Da merkt man schon, dass man von der Birne her etwas ausgelaugt ist. Aber es läuft gerade so viel ganz anders als gewohnt, dass wir Springer einfach nur froh sind, noch so viel Normalität – überhaupt Wettkämpfe – zu haben.
Sie sind diese Saison nach vier Jahren Verletzungspech erstmals wieder von Anfang an dabei, liegen aktuell auf Platz 26 der Weltcup-Rang­liste. Sind Sie unter diesen Umständen mit Ihrem Ergebnis zufrieden?
Das ist von Wettkampf zu Wettkampf unterschiedlich. Klar, es geht noch nicht alles auf, was man sich so vorstellt. Aber da darf man nichts übers Knie brechen. Man muss geduldig sein. Insgesamt bin ich aber zufrieden, weil die Entwicklung in die richtige Richtung geht.
Sind Sie denn ein geduldiger Mensch?
War ich früher überhaupt nicht. Als Jugendsportler – das war ganz schlimm. Über den Sport habe ich das Geduldigsein aber etwas gelernt.
Hat Ungeduld auch eine Rolle bei Ihren Verletzungen gespielt, weil Sie zu früh wieder trainiert haben? Oder ist das die allgemeine Belastung beim Skispringen?
Leistungssport ist nie das Gesündeste, vor allem wenn man älter wird (lacht). Manche Verletzung passiert einfach, weil’s sich blöd ausgeht, wie mein erster Kreuzbandriss. Beim zweiten muss ich im Rückblick sagen: Da hätte ich mir mehr Zeit geben sollen. Aber es standen die Olympischen Spiele an, ich wollte unbedingt auf die Schanze. Ist ja auch nur alle vier Jahre. Wenn die Motivation so groß ist, passiert es im Leistungssport eben, dass man ein bisschen zu schnell ist.
Aber es ärgert Sie doch bestimmt, dass Sie heute wegen Ihrer Pause hinter Gegnern landen, die Sie vor ein paar Jahren noch in die Tasche gesteckt haben?
Ehrlicherweise, nein. Ohne die Verletzungen wäre der Stand zwar vielleicht ein anderer. Aber mit meiner Karriere bin ich trotzdem insgesamt sehr zufrieden. Man muss im Leistungssport damit kalkulieren, dass man sich mal verletzt. Das muss man dann akzeptieren und die guten Zeiten mitnehmen. Ich bin einfach froh, dass ich wieder angreifen kann. Und solange ich bei meinen Sprüngen immer noch genug finde, was man verbessern kann, ärgere ich mich auch nicht über die anderen.
Sie haben in der Zeit nie ans Aufhören gedacht?
Natürlich gibt es diese Momente – gerade, wenn mehrere Probleme zusammenkommen – in denen man sich überlegt, ob man sich das weiter antut. Aber bisher war es immer so, dass relativ schnell das Feuer und die Motivation wieder da waren. Ich will wissen, was da noch geht.
Was können Sie aus Ihrer Erfahrung den anderen – vor allem jüngeren – deutschen Springern mitgeben? Oder gibt man nicht so gerne Tipps unter Kollegen, weil man ja gleichzeitig auch Konkurrenz ist?
Auch wenn Skispringen ein Einzelsport ist, fühle ich mich mehr als Teamsportler. Lieber ist ein anderer Deutscher vor mir als jemand aus einer anderen Nation. Mehr Konkurrenzdenken hat selten zu besseren Ergebnissen geführt und es ist ja auch im Training wichtig. Durch ein gutes Team wird man auch selbst besser. Deswegen halte ich Tipps nicht zurück. Der Wichtigste: Geduldig bleiben!

Zur Person

Team-Olympiagold, Weltmeisterschaftstitel von der Großschanze und im Skifliegen, 28 Mal Gold im Weltcup und 2014/15 sogar der Gesamtsieg: Es gibt wenige Erfolge, die Skispringer Severin Freund nicht feiern konnte. Geboren am 11. Mai 1988 in Freyung im Bayerischen Wald entdeckte er mit sechs Jahren beim WSV Rastbüchl sein Faible für Wintersport.

Mit dem Abitur in der Tasche startete Freund 2007 in seine erste Skisprung-Profisaison. Ein Jahr später zog er nach München – aus der Not heraus: „Mit meiner heutigen Frau haben wir nach einem Ort gesucht, an dem sich Sport und Studium gut verbinden lassen. Da gab es wenige.“ Inzwischen fühlt er sich an der Isar durchaus heimisch: Mit Frau Caren und seiner Tochter (2) wohnt der 32-Jährige in Neuhausen.

Nach fast vier Jahren Verletzungspause greift Freund diese Saison wieder an. Konkrete Ziele, etwa für die WM Ende Februar in Oberstdorf setzt er sich dabei nicht: „Deswegen habe ich noch keine Medaille gewonnen, sondern weil ich stetig hart gearbeitet habe. Und manchmal auch das passende Quäntchen Glück hatte.“

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