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Zwischen James Bond & Isarphilharmonie: Klaus Maria Brandauer im Interview

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Von: Sebastian Obermeir

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„Theater kann die Welt verändern.
 Weil die Stücke eine Anleitung sein können, 
mit unserem Leben umzugehen.“ - Klaus Maria Brandauer im Interview.
„Theater kann die Welt verändern. Weil die Stücke eine Anleitung sein können, mit unserem Leben umzugehen.“ - Klaus Maria Brandauer im Interview. © Jim Rakete

Mephisto, Hamlet, Jedermann, Bond-Bösewicht: Die Liste an Paraderollen von Klaus Maria Brandauer ist schier unendlich. In der Isarphilharmonie schlüpft er jetzt wieder in einige dieser Rollen. Hallo hat mit dem Star-Schauspieler über seine Karriere gesprochen.

Kann Theater die Welt verändern, Herr Brandauer?

Ja. Weil die Stücke eine Anleitung sein können, mit unserem Leben umzugehen. Es hat mir immer geholfen, von anderen zu hören, wie sie über eine Sache denken. Wir können uns darauf verlassen, dass wir uns über die grauenvollsten Dinge auf der Welt austauschen können – und überlegen können, was wir dagegen tun wollen. 

1963 hatten Sie als Claudio in Shakespeares „Maß für Maß“ Ihr Bühnen-Debüt. Ihre Schauspiel-Karriere begann aber noch früher, richtig?

Ich habe einen Riesenerfolg gehabt, im Alter von sieben Jahren. Als Struwwelpeter in der Volksschule.

Der hat mir in dem Alter gehörig Angst gemacht.

Mir nicht, weil ich ihn spielen durfte. Nicht dass das eine Initialzündung war, aber die Klassenlehrerin hat gesagt, ihr Sohn wird Schauspieler! Und so führt der Weg vom Struwwelpeter bis in die Isarphilharmonie. 

Haben Sie ein Verzeichnis all Ihrer Rollen?

Nicht direkt. Es würde ein wenig dauern, aber die hundert Rollen, wenn es nicht doch mehr sind, würde ich schon noch zusammenkriegen. 

Wie viele Texte sind Ihnen davon eingebrannt?

Wenn Sie jetzt „Don Carlos“ und ein Stichwort sagen, damit ich loslege – das kann ich nicht mehr. Angeeignet habe ich mir die Texte auch weniger durch Lernen als durch die Beschäftigung mit dem Stück. Ich habe mich immer als einer verstanden, der ein Stück spielt, nicht eine Rolle. Der Text einer Rolle allein reichte mir deshalb nie aus. Und bevor ich auf die erste Probe komme, bin ich da firm. 

Im Januar stehen Sie ohnehin ganz alleine auf der Bühne – ohne Schauspiel-Kollegen.

Das mache ich gern. Ich habe dann als einziger die Möglichkeit, eine Gemeinschaft mit den Anwesenden über den Text zu schaffen. Irgendwann ist man gut bekannt miteinander, vielleicht sogar befreundet und dann ist der Abend auch schon zu Ende.

Ist das Spiel schöner als Applaus?

Also, ich bin nicht beleidigt, wenn es Applaus gibt. Wir Schauspieler können ihn ja nicht dirigieren. Wichtig ist, zu bedenken, dass wir kein Publikum haben. 

Wie meinen Sie das?

Es ist nicht ein Publikum. Wenn 1000 Leute im Theater sind, gibt es 1000 „Publikümer“. Der eine hat die Karte geschenkt bekommen, die einen hatten gerade Ehekrach, die anderen sind zu spät. Und dann sitzen sie da. Für uns kommt es jetzt darauf an, die Geschichte zu erzählen und die Leute dazu zu kriegen, dass es auch ihre Geschichte wird. Gelingt das, findet das statt, was ich leidenschaftlich liebe: Theater. 

Das heißt, das Publikum beeinflusst auch ihr Spiel?

Es ist ein Geben und Nehmen. Man spürt direkt den Atem der Leute. Und das Zusammenkommen eines Gefühls. Ich kann mich an Abende erinnern, da dachten wir, da saß niemand. Man hörte kein Schnäuzen, kein Atmen, nichts. Es war fast frustrierend. Erst als es aus war, haben sie wahnsinnig geklatscht. Als ob sie es ausgemacht hatten. 

Wie halten Sie Ihre Motivation aufrecht, wenn ein Stück jahrelang läuft? 

Erstens weiß ich, dass ich ein Stück, wie ich es vor drei Tagen gespielt habe, nie mehr wieder erreiche. Selbst wenn wir alles genau gleich wie verabredet einhalten: Es ist kein Abend wie der andere. Es ist immer Uraufführung. Wir wachsen auch weiter. Mir kommen Dinge, wo ich mir dachte: Jetzt spiel ich das schon acht Jahre, warum ist mir das noch nicht aufgefallen?

Wenn Sie auf einen Teil Ihrer Karriere verzichten müssten: Wäre es das Theater oder der Film?

Diese Entscheidung kann ich nicht treffen. Ich war Schauspieler am Theater, der nicht die Absicht hatte, Filme zu machen. Aber es hatte Angebote gegeben und ich habe mich sehr gefreut, das machen zu dürfen. Und auch mir ist es nicht verborgen geblieben, dass man eine internationale Karriere, so man sie will, nur mit Film machen kann. 

Gibt es Engagements, die Sie bereuen?

Eigentlich nicht. Ich hatte mit all meinen Arbeiten, das muss ich sagen, wirklich großes Glück. Von Anfang an. Wenn ich mich mit einem Stoff bekannt mache, bin ich sofort mit dem, der ihn geschrieben hat, in Kontakt. Auch wenn er Shakespeare heißt. Willy, wie hast du dir das gedacht? Mit meinen Schülern am Max Reinhardt Seminar nannten wir ihn übrigens so. So kommt man dem Text näher. Bis ich sehe, ob es eine Möglichkeit gibt, wo ich mich im Stück wiederfinden kann. Wenn es die nicht gab, habe ich es eher zurückgelegt. 

Was ist der wichtigste Tipp, den Sie Ihren Studenten geben?

Geht’s jeden Tag ins Theater und die Oper, schaut’s Filme an. Geht’s ins Konzert. Interessiert euch für Kunst und Kultur. Für das, was in Zeitungen steht. Euch muss klar sein, in welcher Gesellschaft ihr lebt. Erst dann können wir darüber reden, welches Stück wir aussuchen und schauen, welches Handwerk man dafür braucht. 

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