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„Zuversicht bewahren“ ‒ Der Erfolgsautor Friedrich Ani im Interview mit Hallo München

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Von: Claudia Theurer

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Ist für die Verteidigung der Demokratie: Friedrich Ani
Ist für die Verteidigung der Demokratie: Friedrich Ani © Susie Knoll

In seinem Roman „Bullauge“ geht es um Polizeigewalt und Rechtradikalismus. Wie es in Wirklichkeit um die Polizei und die Demokratie bestellt ist und ob er Angst vor der Zukunft hat, schildert der Giesinger im Interview.

Herr Ani, mit dem Polizisten Kay Oleander haben Sie eine neue Figur geschaffen. Warum?

Ich wollte endlich mal einen Streifenpolizisten und keinen Kommissar. Und wie das bei mir so ist, ist es eine versehrte Figur geworden, die bei einer Demo ein Auge verloren hat. Mich hat interessiert, wie einer, der mit Hingabe Polizist ist, meint, er könne so weitermachen wie bisher, wenn ihn das Schicksal ereilt. 

Warum klappt das nicht?

Verblendung. Da ist eine Figur, die von sich behauptet, es sei alles in Ordnung, obwohl durch das Attentat nichts mehr in Ordnung ist. 

Sie schreiben, dass Oleander seit 30 Jahren in der Polizeiinspektion gearbeitet hat. Er wurde durch den Angriff ruhiggestellt, gibt aber keine Ruhe. Was treibt ihn an?

Erst einmal die Vorstellung, herauszufinden, wer ihn attackiert hat. Dabei entwickelt er eine Form von Besessenheit. 

Sein Verdacht führt ihn zur rechtsextremen „Neuen Volkspartei Deutschlands“. Wie sehr ist die deutsche Polizei involviert?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Natürlich wird von Polizeioberen immer gesagt, die Polizei sei ein Spiegel der Gesellschaft. Und deshalb gibt es vermutlich in den eigenen Reihen viele Beamte, die eine rechte Gesinnung haben, genauso wie in der Gesamtbevölkerung.

Ihr Protagonist schreibt, Polizist sei ein „armseliger Beruf“. Wie muss man gestrickt sein, um ihn heute noch zu ergreifen?

Man sollte, glaube ich, ein empathischer Mensch sein und gewillt, zur Stabilität der Demokratie und des menschlichen Miteinanders beizutragen. Es ist ein höchst ehrenwerter Beruf. Mehr denn je finde ich den Beruf innerhalb unseres gesellschaftlichen Gefüges wichtig. Das Polizei-Bashing, das das rechte politische Lager gern betreibt, ist übel.

Aber es gibt in der Realität ja immer wieder Skandale, in denen zum Beispiel auch Münchner Polizisten in Drogengeschäfte verwickelt sind.

Ja. Das ist auch die Realität. Diese Polizisten sind das Gegenteil von einem Vorbild. Es gibt wahrscheinlich nicht wenige, die miese Geschäfte machen. Das muss von der Justiz unbedingt und schnell entsprechend geahndet werden. Die Suche nach Vorbildern ist von Haus aus eine zwielichtige Angelegenheit.

Na ja, nur soll uns die Polizei beschützen...

Macht sie ja, klappt halt nicht immer. Ich will nichts schön­reden, es ist bewiesen, dass es innerhalb der Polizei dunkle Gestalten gibt. Es ist so einfach geworden, Leute an den Pranger zu stellen, Polizisten, Politiker, Menschen, die bestimmten Personen nicht passen. Teile unserer Gesellschaft rutschen, scheint mir manchmal, in eine Art schwarze Anarchie ab. Das bringt niemandem was. Die Demokratie muss verteidigt werden.

Unsere Gesellschaft wird immer gewaltbereiter und aggressiver. Und die Polizei immer ohnmächtiger.

Könnte man meinen. In Berlin oder anderen Großstädten agieren Kreise, die eine Parallelwelt aufgebaut haben.

Heißt?

Dass bestimmte Entwicklungen im Bereich Drogenkriminalität oder Menschenhandel offensichtlich nur noch schwer zu kontrollieren sind.

Wie steht es generell um unsere Demokratie?

Noch bröckelt sie nicht. Es gibt keinen Anlass zu sagen, es geht alles den Bach runter. Wir werden auch nicht zerbröseln, weil wir zu viele fremde Menschen im Land haben. Worum es geht, ist, Nazis, Rassisten, Menschenverächter zu verhindern.

Trotzdem geht ein Rechtsruck in der Welt um. Jüngstes Beispiel Italien mit Giorgia Meloni. Lernen wir nichts aus der Vergangenheit?

Das sind finstere Szenarien, die da auf uns zukommen. Aber ich kann nicht anders, als mir meine Zuversicht zu bewahren. Und an die Vernunft und das Gute zu glauben.

Haben Sie Angst vor der Zukunft?

Nein. Ich schaue mir Nachrichten an, lese Zeitung, versuche, mir ein Bild von der Gegenwart zu machen. Talkshows lass ich aus, die sind Zeitverschleuderung. Als Schriftsteller nehme ich Dinge zur Kenntnis. Ich bin kein Politiker, ich muss nicht ständig auf eine Bühne klettern und das Supergscheidhaferl geben.

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Zur Person

Geboren wurde der Münchner Schriftsteller Friedrich Ani in Kochel als Sohn einer Schlesierin und eines Syrers. Bekannt wurde er mit seinen „Tabor-Süden“-, und „Polonius-Fischer“-Krimis. Er erhielt für seinen Roman „German Angst“ über Fremdenfeindlichkeit 2001 den „Radio-Bremen-Kulturpreis“. Außerdem wurde er mit dem Deutschen Krimipreis, dem Grimme-Preis und dem deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Der 63-jährige Münchner Turmschreiber ist mit der Drehbuchautorin Ina Jung verheiratet und lebt in Giesing.

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