A bis Z mit Bergsteiger-Giganten Reinhold Messner

Reinhold Messner: „Für mich gilt – kein künstlicher Sauerstoff. “

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Reinhold Messner zeigt Hallo seine Dachgeschosswohnung im Glockenbachviertel.

Hallo besucht den Bergsteiger-Giganten in seiner Dachgeschosswohnung im Glockenbachviertel und spricht mit ihm über Alpenglühen, seiner Jugend in Südtirol und Übermut

Er ist in Brixen in Südtirol geboren, hat die höchsten Gipfel erklommen – den Nanga Parbat, den Mount Everest, die Anden, die Marmolata – ohne künstlichen Sauerstoff. Doch auch in München ist Reinhold Messner zuhause. Hallo hat den Bergsteiger, Autor und Ex-Politiker dort getroffen. Über den Dächern der Innenstadt, nahe dem Viktualienmarkt, hat er in den 80er-Jahren eine Wohnung gekauft: „Dort bin ich immer, wenn ich auf Reisen gehe, Vorträge halte, früh fliegen muss.“ Die vielen bunte Teppiche, hölzerne Löwen, dunkle Masken an den Wänden aber auch zwei Khata, wie der tibetische Begrüßungsschal aus weißer Seide heißt, und Bilder zieren die Räume, zeugen von der gelebten Passion des Grenzgängers: seine Reisen zu den Dächern der Welt. Im A bis Z verrät er, was für ihn am Bergsteigen eine große Überwindung war und wie sich der Alpinismus verändert hat. Marie-Julie Hlawica

Reinhold Messner (74) von A bis Z

Alpenglühen ist keine kitschige Roman-Romantik, sondern eine Tatsache. Im Abendrot, wenn die Sonne untergeht, etwa in den Dolomiten, sind für mich die Berge am schönsten.

Bergfex: Was ist das? Entweder einer ist ein Bergsteiger, oder Bergwanderer. Aber ein Fex? Das Wort kann nur in Norddeutschland entstanden sein…

Climbing: Der Bergsport hat sich global ausgebreitet. Nationale Ausdrücke wurden allgemein übernommen, gaben und geben die kulturelle Entwicklung des Bergsteigens wieder. Piolet Traction etwa, das Eisklettern, besagt: auf diesem Gebiet waren die Franzosen Pioniere.

Dehydrierung ist nicht nur in der Wüste ein Problem, auch beim Eisklettern. Schnee und Eis bei minus 40 Grad kann man nicht trinken. Man erhitzt es mit Flugbenzin, das gibt bei gleichem Gewicht mehr Energie als andere Brennstoffe. Und: Man muss sich in diesen Momenten überwinden zu trinken.

Erleichterung: Handys sind heute unentbehrlich am Berg. Dort sieht man am Wetterbericht, ob es einen Wetterumschwung gibt und kann seine Route danach richten. Früher sah man zum Himmel – und wurde vielleicht vom Unwetter überrascht.

Filme habe ich viele gemacht, aber nun höre ich damit auf. Netflix überholt das Format. Empfehlen kann ich aber allen Bergsportlern den Oscar-prämierten Dokumentarfilm „Free solo“ von Jimmy Chin über den Seilkletterer Alex Honnold.

Glück: Ich hatte Glück, dass ich vieles überlebt habe. Heute weiß ich, dass man nicht fünfmal Glück hat. Wer am Berg nur auf Glück baut, überlebt nicht. Können gehört dazu.

Himmel und Berge berühren sich, sagt man im Himalaya. Goethe schrieb, die Berge sind „schrecklich schön“. Früher waren sie negativ besetzt – standen für gefährliche Lawinen, böse Geister.

Identität: Das Wissen über unsere Herkunft müssen wir an die nächsten Generationen weitergeben. Etwa die Bergbauerntradition in den Bergdörfern neu beleben: wie wir ein Produkt ernten, veredeln, vermarkten, alles in einer Hand – wie früher.

Jugend in Südtirol war toll, bescheiden und anarchisch, wir waren frei. Die Straße hat uns Kindern gehört, einmal am Tag fuhr der Bus durch, sonst war sie unser Spielplatz.

Klettern hat für mich nichts mit Bergsteigen zu tun. Aber ich finde es gut, dass es so viele Kletterhallen gibt. Das bringt die Kinder hinter dem Computer hervor.

„Klimaerwärmung ist nicht zu leugnen.“

Langeweile habe ich nie. Mit meinem Museumsprojekt im Kopf bin ich 20 Jahre lang eingeschlafen und wieder aufgewacht. Sich für etwas begeistern und aus Ideen Tatsachen schaffen – das ist meine Art zu leben. Das hört nie auf.

Merkel ist unter all den Politikern, die ich in meiner Zeit auch in Brüssel kennengelernt habe, die uneitelste und bescheidenste. Bei aller Kritik hat sie das Deutschlandbild weltweit ins Positive gerückt.

Natur: Klimaerwärmung ist nicht zu leugnen. Wir haben in 30 Jahren fossile Brennstoffe verbraucht, die in Millionen Jahren zuvor entstanden sind. Ob wir den Klimawandel in zehn Jahren noch stoppen können, bezweifle ich.

Obergrenze für Wölfe: Dafür bin ich dankbar. Weil der natürliche Lebensraum des Wolfes kleiner geworden ist, kommt er uns näher, bedroht auch den Menschen. Da müssen Tierschützer und Bauern einen Kompromiss finden.

Purtscheller und Albert Frederic Mummery haben vor 1900 eine neue Phase des Bergsteigens eingeleitet. Sie gingen erstmals führerlos, auch ohne Träger. Ludwig Purtscheller bestieg als Erster den Kilimandscharo, Mummery sieben Mal das Matterhorn.

Quellen sind wichtig für Bergsteiger. Man hört am Berg das Geräusch, wenn es tropft. Dann stellt man was drunter und hat am nächsten Tag zu trinken.

Regeln: Für mich gilt – kein künstlicher Sauerstoff. Keine Bohrhaken in der Bergwand. Keine Kommunikation zur Außenwelt. Keine Aufputschmittel. Ich möchte nicht wissen, welche Drogen man heute am Basislager der höchsten Berge findet...

Stellvertreter: Als solchen sehe ich mich für all die, die nicht wie ich in die Berge konnten. Ich teile mit ihnen bei meinen Vorträgen meine Erfahrungen, erzähle die Geschichten, die ich erlebt habe.

Tradition verändert sich. Der moderne Alpinismus ist etwa 1786 entstanden. Ich bin Alpinist, für andere hat die Kletterhalle Tradition. Die Basis aller Tradition ist die Haltung.

Uebermut: Es gab eine Zeit, in der ich übermütig kletterte. Mein Bruder und ich hatten das Gefühl wir sind unverwundbar, wie „jung Siegfried“. Das Gefühl trügt. Da ist immer Gefahr.

Verändert hat sich in den 250 Jahren Alpingeschichte vieles. Ob die Ausrüstung, die Materialien. Nur die Berge sind gleichgeblieben.

Wilderer sind heute Trophäensammler. Früher haben sie gewildert, um zu überleben, wie mein Großvater und mehr Menschen im Krieg. Heute zerstören die Wilderer mit ihren Abschüssen von Elefanten und Nashörnern die Biosphäre.

X-treme hieß ein Buch, dass ich einmal geschrieben habe. Den Titel würde ich heute nicht mehr nutzen, der Ausdruck gefällt mir nicht. Ich habe das Buch ergänzt. Heute heißt es: Vertical – 150 Jahre Kletterkunst.

Yeti: Die Abdrücke der Fußspuren haben gezeigt, es war ein Bär. Die Phantasie Yeti existiert nur in unseren Köpfen. Noch heute bekomme ich aber Fotos geschickt mit der Frage: War das der Yeti?

Ziele: Ich dachte, meine siebte Lebensdekade ist die letzte. Seit wenigen Monaten wächst in mir ein Gedanke für meine achte Lebensdekade. Aber darüber spreche ich noch nicht.

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