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Cello-Star Raphaela Gromes: Zwischen Bond, Gleichberechtigung und einem millionenschweren Instrument

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Von: Marco Litzlbauer

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„Mit diesem Cello bin ich so nah an der Klangvorstellung in meinem Kopf wie noch nie.“ - Raphaela Gromes im Hallo-Interview.
„Mit diesem Cello bin ich so nah an der Klangvorstellung in meinem Kopf wie noch nie.“ - Raphaela Gromes im Hallo-Interview. © wildundleise

Die 31-jährige Münchnerin wird als eine der weltbesten Cellistinnen gefeiert. Auf ihrer neuen CD legt sie erstmals den Fokus ausschließlich auf Komponistinnen. Warum das so ist, wie wertvoll ihr Instrument ist und wieso sie trotz ihres Erfolgs fast den Beruf gewechselt hätte... 

Frau Gromes, wie haben Sie die Stücke für Ihr neues Album „Femmes“ ausgewählt? Von Clara Schumann bis Billie Eilish ist es ja doch eine gewisse Bandbreite...

Bei der Recherche zu meinem neuen Album bin ich im Netz auf eine Liste der 100 wichtigsten Komponisten aller Zeiten gestoßen. Auf Platz 97 stand mit Hildegard von Bingen die einzige Frau. Ich bin die Liste dann noch mindestens drei Mal durchgegangen, weil ich vermutet habe, dass ich zum Beispiel Clara Schumann auf einem der vorderen Plätze übersehen habe. Fehlanzeige. 

Und dann? 

Habe ich mir Hildegard von Bingen einmal näher angeschaut, die hatte ich bisher nur als Kräuterhexe auf dem Schirm. Dann wollte ich von ihr aus den Bogen zur Romantik schlagen und bin beispielsweise auf eine Maria Antonia Walpurgis von Bayern gestoßen – jetzt eine meiner Lieblingsnummern auf dem Album. So wurde es letztlich eine Reise durch neun Jahrhunderte.

Die bei „No time to die“ von Billie Eilish endet.

Ich hatte mich gewundert, warum die Filmmusik zu James Bond in den Klassik-Charts auftaucht, da habe ich es mir angehört. Aber es ist ein toller Song – und Billie Eilish eine coole und berührende Ikone unserer Zeit.

Warum haben Sie sich überhaupt dem Thema Frauen gewidmet? 

Eine Freundin von mir arbeitet bei einem großen Veranstalter. Ihr fiel irgendwann auf, dass sie seit Jahren ausschließlich Männernamen auf die Programme druckt. Als sie mich fragte, ob ich nicht mal ein Album mit Komponistinnen aufnehmen könnte, oder ob es gar keine gebe, konnte ich spontan selbst bloß fünf bis zehn aufzählen. Also habe ich mit der Recherche angefangen, die knapp zwei Jahre gedauert hat.

Wie steht es heute um die Gleichberechtigung in der Klassik?

Das kann ich abschließend nicht beurteilen. Ich selbst erlebe es aber als sehr gleichberechtigt.

Also ist „Femmes“ kein politisches Statement Ihrerseits?

Nein – sondern ein Kaleidoskop wunderbarer Werke von bisher teils ungehörten Komponistinnen.

Stimmt es, dass Sie während der Corona-Hochphase überlegt haben, Ihre Karriere zu beenden?

Das war ein Tiefschlag. Alleine schon die Kategorisierung, was systemrelevant ist, und was eben nicht. Hinzu kommt, dass ich nicht der Mensch bin, der sich jeden Abend hinsetzt um für sich alleine zu üben. Ich brauche die Bühne, das Miteinander. Ich habe erstmal wirklich aufgehört zu spielen. Es war schrecklich deprimierend. Also habe ich mir etwas anderes gesucht und ein Pflegepraktikum in einem Krankenhaus gemacht – sogar überlegt, Medizin zu studieren. Ein sicherer Arbeitsplatz und ein Beruf, der als relevant anerkannt ist und mit dem ich helfen kann.

Warum kam es anders?

Weil ich über das Praktikum den Sinn in meinem eigentlichen Beruf wiederentdeckt habe. Alle Gepflegten wollten ja wieder heim. Das Leben genießen. Kultur genießen.

Sie spielen mit einem von nur noch drei Celli von Carlo Bergonzi, dessen Wert in die Millionen geht. Wie nervös sind Sie da auf Tour?

Das Instrument ist gut versichert und mein Gesicht nicht so bekannt wie das von David Garrett. Insofern schenkt man mir und meinem Cello im Zug nicht viel Beachtung.

Was macht das Instrument für Sie so besonders?

Noten selbst sind ja noch keine Musik. Man entwickelt als Musiker eine Klangvorstellung in seinem Kopf und die möchte man erreichen. Mit diesem Cello bin ich so nah an dieser Vorstellung wie bisher noch nie. Selbst das Üben macht viel Freude. Mit diesem Instrument hätte ich vermutlich auch während des Lockdown weitergeübt (lacht).

Die Münchner können das Cello bei Ihrem Auftritt im Prinzregententheater hören.

Ja, gemeinsam mit meinem Lieblingsorchester, den „Festival Strings Lucerne“. Da kenne ich jedes Mitglied beim Namen, was für die Kombination Solist und Orchester eher unüblich ist.

Wie kam es zu dieser engen Verbindung?

Unser erstes gemeinsames Konzert war relativ kurz nach dem Tod meines Vaters. Eigentlich hatte ich gar nicht den Kopf dafür. Aber beim Musizieren mit diesem Orchester habe ich so viel Trost und Kraft zurückbekommen, das war unglaublich. Ich hatte das erste Mal das Gefühl, das Leben kann wieder Spaß machen! 

Ein tolles Kompliment. Wissen die Orchester-Mitglieder davon?

Nein – tatsächlich habe ich diese Geschichte noch nie jemandem erzählt.

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Zur Person

Das Talent wurde Raphaela Gromes als Tochter zweier Cellisten quasi in die Wiege gelegt. Dennoch habe sie ihrer Mutter erst gut zureden müssen, damit ihr diese Cello-Unterricht gegeben hat. Der endete Jahre später mit einem Wutanfall – und einem zerbrochenen Cello. „Ich war frustriert über mich, dann kam noch die Kritik meiner Mutter dazu“, erinnert sich Gromes heute. Instrument und Mutter-Tochter-Beziehung waren schnell geflickt, den Unterricht übernahmen andere.

Mit 15 begann sie als Jungstudentin an der Musikhochschule Leipzig, nach dem Abitur folgten die Musikhochschule München sowie später die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Mittlerweile blickt sie auf Tourneen in den USA, Korea oder China zurück – und spielt seit Oktober ein ganz besonderes Instrument: Mäzene kauften ihr ein Cello von Carlo Bergonzi aus dem Jahr 1740. Es ist eines von nur drei heute noch bekannten Instrumenten des Geigenbauers. Gromes lebt in Feldafing am Starnberger See und unterstützt die José Carreras Leukämiestiftung – ihr Vater starb an Leukämie.

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