Mord-Ermittler Josef Wilfling im Gespräch mit Hallo München

Josef Wilfling: „Wahrheit ist so selten wie Sechsblatt-Klee“

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„Ich war immer lieber der Gute. Bei Good-Cop-Bad-Cop muss man eigentlich Schauspieler sein.“

Er kriegt alles aus Ihnen raus: Der Ermittler Josef Wilfling weiß, wie man Mördern Geständnisse entlockt – Im Hallo-Interview erklärt er, wir auch Sie von seinen Vernehmungsstrategien profitieren können

Unzählige Male hat er dem Bösen ins Auge geblickt und den grausamsten Mördern der Stadt Geständnisse entlockt: Der ehemalige Chef-Ermittler der Münchner Mordkommission kennt sämtliche Tricks der Vernehmungskunst. In Hallo packt er aus und verrät, welche sich davon im Alltag nutzen lassen und wie man Lügner entlarvt. von SEBASTIAN OBERMEIR

Herr Wilfling, welche Vernehmungstaktiken lassen sich im Alltag nutzen?
Man soll nicht aggressiv sein und sein Gegenüber ausreden lassen. Man muss seine Emotion im Griff haben und darf niemanden der Lüge bezichtigen, wenn man sie nicht beweisen kann. „Ich glaube dir kein Wort, ich weiß aber nicht warum!“ Da verhärten sich die Fronten. Wenn ich mit meinem Sohn streite, dann wundere ich mich: Wie kann ich gerade alles vergessen, was ich in meinem Beruf gelernt habe?

Wie erkennen Sie, wenn jemand lügt?
In fünf Minuten sehe ich das an der Nasenspitze. Aber Sachen wie nonverbale Zeichen und Körpersprache sind in der Praxis nicht brauchbar. Ich kann dem Staatsanwalt ja nicht sagen: Der ist schuldig, weil sein linkes Auge bei der Vernehmung gezuckt hat! Die Frage ist also: Wie schaffe ich es, dass ein Lügner die Wahrheit sagt?

Und?
Es braucht einen guten Draht zum Vernehmenden. Ein gegenseitiges Vertrauen. Aber selbst wenn sich jemand zu einem Geständnis durchringt, erfahren wir auch nur seine Wahrheit. „Ich war es, aber: Ich hatte einen Blackout, ich wurde beleidigt.“ Das ist die subjektive Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist so selten wie ein sechsblättriges Kleeblatt.

Haben Sie ein solches einmal gefunden?
Ich habe nur zweimal erlebt, dass ein Täter die schonungslose Wahrheit gesagt hat. Einmal war es ein Kindermörder. Dem war alles egal. Er dachte: „Ich komme hier nicht mehr raus.“ Es war erschreckend, wie schonungslos und nüchtern er die ganze Brutalität dargelegt hat.

Und das zweite Mal?
Das war eine junge Frau, die ihre Mutter erdrosselt hatte. Sie hat ihr Herz ausgeschüttet. Die Vernehmung ging die ganze Nacht. Sie wurde als Kind missbraucht. Die Tochter sprach die Mutter darauf an: „Du hast doch gewusst, was der Papa gemacht hat.“ Die Antwort war: „Du wirst es schon gebraucht haben.“ Ich werde diesen Fall nie vergessen.

„Die Zermürbungstaktik ist ein Klischee“

Im neuen Buch verraten Sie „Strategien des Mordermittlers“. Machen Sie es der Polizei damit nicht schwieriger?
Im Gegenteil. Jeder Dieb hat ja Klischees im Kopf: Wenn die Polizei noch keinen Täter hat, dann machen sie irgendjemanden zum Täter. Oder die Lampe, die einen anstrahlt. Das Buch sagt nicht, wie man die Daumenschrauben anlegt. Sondern es klärt auf und zeigt, dass die Polizei seriös arbeitet.

Hallo München verlost 5x2 Karten für die Wilfling-Lesung beim Krimifestival am 28. April.

Was ist der Polizei erlaubt und was nicht?
Die Lüge ist verboten. Kriminalistische List aber ist erlaubt. Fangfragen etwa. „Könnte es sein, dass wir Ihre Fingerabdrücke am Tatort gefunden haben?“ Das geht. Nicht aber: „Wir haben Ihre Fingerabdrücke am Tatort gefunden“ – wenn es denn nicht stimmt.

Sie haben vorhin Klischees angesprochen: Waren Sie lieber der Good Cop oder der Bad Cop?
Ich war immer lieber der Gute. Es ist nur manchmal so, dass einer etwas schärfer spricht. Der andere nimmt den Tatverdächtigen dann raus und sagt: Jetzt sprechen wir beide mal. Bei Good-Cop-Bad-Cop muss man aber eigentlich ein Schauspieler sein. Ich kann nicht stundenlang wer anderes sein. Die Zermürbungstaktik ist auch so ein Klischee.

Es gibt also bessere Taktiken?
Vor allem zwei sind Erfolg versprechend: Einerseits die Beichtvatertaktik. Morde sind oft hochemotionale Taten. Da haben die Täter selbst das Bedürfnis zu reden. Sie halten es gar nicht anders aus. Man muss zuhören und eher Anwalt als Ankläger sein.

Und die andere Taktik?
Ich hatte einen eiskalten Zuhälter vor mir. Da wäre es sinnlos, der Beichtvater zu sein. Da kommt die Sachlichkeitstaktik ins Spiel: offen und sachlich auf ihn zugehen. Ich habe ihm dargelegt, was auf ihn zukommt, wenn das Verbrechen nicht aufgeklärt wird. Dass in den nächsten vier Wochen jeden Tag eine Razzia stattfindet.

Wie verhalte ich mich beim Verhör richtig?
Immer die Wahrheit sagen. Ich hatte einen Fall, bei dem der Vater eines 14-Jährigen im Auftrag der Mutter ermordet worden war. Der Junge wusste von der Tat. Er war der Hauptbelastungszeuge. Er wandte sich an mich: „Herr Wilfling, was soll ich machen?“ Ich riet ihm dasselbe. „Wenn du etwas nicht mehr weißt, dann sage, dass du es nicht mehr weißt. Nichts aus Scham verschweigen. Nicht flunkern.“ Kommt man auf eine Lüge, erhärtet sich der Tatverdacht. Alles was er gesagt hat, hat sich bestätigt.

Zur Person

Josef Wilfling – hier in der Haftanstalt des Polizeipräsidiums München, wo beim Krimifestival Lesungen stattfinden.

Geboren wurde Josef Wilfling 1947 in Münchberg – um sein Leben der Verbrechensbekämpfung zu widmen. 42 Jahre lang war er bei der Polizei – 22 davon war er bei der Münchner Mordkommission tätig. Dabei half der 72-Jährige, einige der spektakulärsten Mordfälle der Stadtgeschichte aufzuklären – unter anderen die Morde an Walter Sedlmayr und Rudolph Moshammer. 

Auch den Serienmörder Horst David hat Wilfling dingfest gemacht: „Dieser siebenfache Mörder wäre noch frei, wenn er nicht ein Geständnis abgelegt hätte“, erinnert sich Wilfling im Hallo-Interview. 

Die Polizeiarbeit ließ den 72-Jährigen auch nicht los, nachdem er 2009 in den Ruhestand ging. Mit seinen Büchern „Abgründe“, „Unheil“ und „Verderben“ gelangen ihm Bestseller, die Einblick in die Arbeit des Mordermittlers geben. 

Wilfling ist verheiratet und hat einen Sohn.

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