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Seit Jahrzehnten am Marienplatz: Münchens ältester Biss-Verkäufer eingebürgert

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Von: Kassandra Fischer

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Tibor Adamec, Münchens berühmtester Biss-Verkäufer, ist jetzt eingebürgert.
Tibor Adamec, Münchens berühmtester Biss-Verkäufer, ist jetzt eingebürgert. © Kassandra Fischer

Der älteste und wohl berühmteste Biss-Verkäufer Münchens, Tibor Adamec, ist jetzt offiziell eingebürgert. Täglich steht er am Marienplatz und das mit 84 Jahren.

Als die Firma, bei der der gelernte Radio- und Fernsehmechaniker Tibor Adamec angestellt war, 1992 pleite ging, wurde ihm gesagt, er sei „nicht mehr vermittelbar.“ Er stand vor dem Nichts, bezog Arbeitslosengeld. Seine Rettung war die Straßenzeitung Biss, die seit 1993 – derzeit monatlich – herausgeben wird und Bürgern in sozial schwierigen Situationen hilft, sich selbst zu helfen. Mittlerweile ist Adamec dort seit 24 Jahren fest als Verkäufer der Straßenzeitung angestellt – und münchenweit bekannt. Noch heute steht er täglich an seinem Stammplatz am Marienplatz. Und das obwohl er im August 85 Jahre alt wird.

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*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA. © Hallo München

Jetzt hat Adamec, der seit 25 Jahren in der Parkstadt Solln wohnt, sogar ein verfrühtes Geschenk erhalten – nach Jahrzehnten hat er endlich die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen und ist sozusagen offiziell Münchner geworden. Wie sein langer Weg dorthin aussah, woher er die Kraft nimmt, noch immer täglich auf den Beinen zu sein – und warum er seinen Jubeltag im August nicht feiern möchte...

Tibor Adamec (84), Münchens berühmtester Biss-Verkäufer, von A bis Z

Alltag: Ich arbeite Montag bis Samstag von 11 bis 20 Uhr, acht bis neun Stunden am Tag. Nur am Sonntag und an Feiertagen nicht.

Beginn: Als ich angefangen habe, war ich skeptisch. Aber die Leute waren freundlich. Viele haben Fragen gestellt und ich habe meine Geschichte erzählt. 

Charme: Viele Leute sagen mir: „Sie sind so schick angezogen und deshalb kaufe ich bei Ihnen eine Zeitung.“ 

Durchhaltevermögen: Manchmal verkaufe ich zwei Stunden keine einzige Zeitung. Deshalb laufe ich nicht weg. In einem Geschäft kann man auch nicht einfach zu machen, wenn niemand kommt. 

Erinnerung: Ein Student hat bei mir immer Zeitungen gekauft. Nach dem Studium ist er ins Ausland. 14 Jahre später hat er mich wieder getroffen und hat sich sehr gefreut. Schon sein Vater hat bei mir gekauft. 

Fitness: Ich bin 60 Jahre lang Marathon gelaufen. Trainiert habe ich immer vor der Arbeit eine Stunde und am Wochenende auch mal 20 bis 30 Kilometer. Das habe ich für meine Gesundheit gemacht, nicht für eine Rekordzeit. Den letzten Marathon bin ich mit 80 gelaufen. Heute geht das nicht mehr, meine Knochen machen nicht mehr mit.

Gefühle: Ich habe meine Einbürgerung nicht gefeiert, ich bin danach einfach nach Hause. Ich war skeptisch, weil ich mit Behörden keine guten Erfahrungen gemacht habe. Da war auch keine Freude da, ich musste das erst einmal verarbeiten. 

Heimat: Ich bin am 1. August 1937 in Bratislava geboren. Dort war ich beim Militär und bin desertiert. Die Tschechoslowakei hat mir dann die Staatsbürgerschaft aberkannt und in Deutschland wurde kein Asyl gewährt. Ich war jahrelang staatenlos. 

Interessen: Ich habe immer etwas für meine Bildung getan. Ich interessiere mich sehr für Wissenschaft sowie Mathematik und bin großer Verehrer von Einstein. 

Jubeltag: Meinen Geburtstag werde ich nicht feiern. Mit 85 ist man kurz davor, die Welt zu verlassen. Warum soll ich feiern, dass ich näher am Tod bin?

Kunden: In den vergangenen zehn Jahren sind viele aus München weggezogen, weil die Mieten so hoch sind. Manche kommen trotzdem noch einmal im Monat und kaufen bei mir eine Zeitung.

Liebe Grüße: Oft kommen die Kinder von alten Kunden zu mir, um ihren Eltern Zeitungen zu kaufen. Sie richten mir dann Grüße aus. 

München: Ich bin bekannt und beliebt, viele kommen jeden Tag zu mir. Über dieses Mitgefühl bin ich sehr froh, das ist Balsam für die Seele. Viele Leute haben mir auch gratuliert als ich die Staatsbürgerschaft bekommen habe. Ich habe keine Familie, aber meine Familie ist München.  

Neunzehnhundertdreiundneunzig ist die Biss-Zeitung herausgekommen. Ich war von Anfang an dabei. Seit 1998 bin ich fest angestellt. 

Outfit: Ich bin immer gut angezogen, so wurde ich erzogen. Meine Mutter hat da Wert darauf gelegt. Ein blauer Hut ist mein Markenzeichen. 

Preis: 1993 hat die Zeitung 1,50 Mark gekostet. Das war viel zu billig. Wir haben unter einer Mark verdient. Heute kostet eine Biss 2,80 Euro (Anmerkung der Redaktion: Davon dürfen die obdachlosen und bedürftigen Verkäufer 1,40 Euro behalten). Rente bekomme ich nur 128 Euro im Monat, bei Biss verdiene ich zusätzlich. 

Qual: Wenn Spiele stattfinden, sind massenweise Fußballanhänger unterwegs, die uns beim Verkauf behindern. Sie pöbeln manchmal und sind für uns eine Belastung. 

Ratschen: Ich unterhalte mich gerne mit Kunden. Manche müssen allerdings gleich weiter und sagen dann: „Das nächste mal unterhalten wir uns wieder!“

Stammplatz: Ich verkaufe seit 25 Jahren im Zwischengeschoss des Marienplatzes, beim Eingang vom Kaufhof. Früher durfte man da unten nicht verkaufen, damals stand ich oben beim Rathaus, an der Weinstraße oder in der Rosenstraße. 

Traum: Es ist mein Traum, ein Buch über mein Leben zu schreiben. Ich kann aber nur erzählen, für den Rest braucht es Fachleute. Das wäre nicht schlecht und würde mir vielleicht etwas mehr Geld für den Lebensabend einbringen. 

Unterstützung und Hilfe bei der Einbürgerung habe ich von Biss bekommen. Die Geschäftsführerin, Frau Lohr, war auch dabei, als ich meine Urkunde bekommen habe. 

Vorurteile: Ich bin kein Bettler, war nie auf der Straße. Ich bin ein Händler. Ich arbeite, ich verdiene das Geld. 

Wetter: Im Schnitt verkaufe ich 30 bis 40 Zeitungen am Tag. Es ist aber immer tages- und wetterabhängig. Bei schönem Wetter sind die Leute eher oben, bei Regen sind mehr unten. 

X-mal haben mir Leute schon gesagt, dass sie mich bewundern und respektieren – für meinen Fleiß und dafür, dass ich immer da bin. 

Yoga: Ich habe immer viel Sport gemacht. Ich bin ein Gesundheitsfanatiker, ernähre mich gesund und esse kein Fleisch. 

Zukunft: Beschäftigung ist sehr wichtig im Alter. Langeweile finde ich das Schlimmste, das ist Gift. Ich verkaufe so lange, bis ich umfalle. Ich würde gerne 30 Jahre voll bekommen und 25 Jahre fest angestellt sein – das ist nächstes Jahr so weit. Und wenn ich das geschafft habe, dann kommt vielleicht noch die Strecke bis zum 90. Geburtstag. 

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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