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Die Schauburg-Chefin über das Theater als Spiegel der Seele und den Schwabinger Kunstpreis

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Von: Claudia Theurer

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Die Intendantin der Schauburg, Andrea Gronemeyer, von A bis Z über Theater und Kunstpreise.
Die Intendantin der Schauburg, Andrea Gronemeyer, von A bis Z über Theater und Kunstpreise. © Fabian Frinzel

Seit fünf Jahren ist Andrea Gronemeyer die Intendantin der Schauburg in Schwabing. Im Gespräch mit Hallo erzählt sie, wie sie ihre Kritiker überzeugt hat und was Theater für sie ausmacht.

Seit 2017 leitet die gebürtige Kölnerin Andrea Gronemeyer das Kinder- und Jugendtheater Schauburg am Elisabethplatz. Nun wurde die „Burgherrin“ von der Stadt München mit dem mit 5000 Euro dotierten Schwabinger Kunstpreis ausgezeichnet, der am Dienstag, 22. November, vergeben wird. In der Begründung heißt es unter anderem: Sie hat „dem immer schon ambitionierten Theater ein ganz neues Gesicht verliehen.“ Außerdem habe es sich zu einem Haus für Experimentierfreudige aller Generationen entwickelt.

Anfänglich wurde der Wahl-Giesingerin angekreidet, dass sie das Theater als „Aufbewahrungsstelle“ für Kinder ab drei Monaten ­installieren wolle. Doch ihr Konzept ist aufgegangen: Gronemeyer macht Stücke für alle Altersgruppen mit einer großen Vielfalt auf hohem Niveau.

Andrea Gronemeyer (60), Intendantin der Schauburg, von A bis Z

Anfängliche Anfeindungen hatte ich, weil es in Schwabing Sorge gab, dass es beim Programm nicht um Kunst, sondern um Pädagogik geht und hier eine Aufbewahrungsstelle für Kinder ab drei Monaten entstehen soll. Für die Kleinsten Theater zu machen, war eine Bewegung, die es damals noch nicht gab. Die Anfeindungen haben sich aber schnell aufgelöst.

Burgherrin zu sein, fühlt sich für mich wunderbar an. Ich hatte immer eine besondere Beziehung zu München, ich habe schon als junge Studentin die Schauburg besucht. Das hat mich geprägt, denn es gibt wenig Städte, die ein eigenes Theaterhaus für Kinder haben.

Corona war hart. Wir waren lange geschlossen und mussten unsere Begegnungen aufs Digitale verlegen. Das hat uns sehr bedrückt, weil wir in dieser Zeit nicht live für das Publikum da sein konnten.

Demut empfinde ich, weil wir in diesem Land für die Heranwachsenden arbeiten dürfen. In anderen Ländern gibt es viel weniger Möglichkeiten für Kinder, an Kunst und Kultur teilzuhaben.

Experimentierfreudig bin ich sehr, weil sich die Welt ständig verändert und das junge Publikum ein Recht darauf hat, dass wir darauf reagieren.

Freiheiten nehme ich mir, indem ich künstlerische Wagnisse eingehe und nicht nur auf Sicherheit setze. Zum Beispiel, wenn wir die Kinder aktiv mitspielen lassen, ohne sie dabei zu manipulieren.

Giesing: Ich wohne dort am Weißenseepark. Als Kölnerin habe ich mich in dieser Nachbarschaft sofort sehr wohl gefühlt. Ich liebe die älteren Lokale dort und gehe auch mal auf ein Bier in den Giesinger Bräu.

Hungrig bin ich immer auf Begegnungen mit dem Publikum. Von den Kindern und Jugendlichen lernen wir, wie wir für sie Theater machen. In unserem Experimentierer-LAB können Kinder selbst Theater spielen, Musik machen oder Bühnenbilder entwerfen. Wir sind immer wieder überrascht, was sie sich alles ausdenken.

Impulse gibt mir München als echte Kulturstadt. Hier kann man sich als Künstler gut geistig ernähren.

Ja-Sager: Nicht „ja, aber“, sondern „ja, und“ sagen, weiterzudenken, wie man zusammenkommt... Das ist wichtig im Umgang mit Kindern und Jugendlichen.

Krieg bewegt uns hier im Theater sehr. Wir haben zwei LABs für ukrainische Kinder eingerichtet. Wenn sie auf der Bühne stehen, bringen sie ihre Sorgen, Sehnsüchte und Hoffnungen zum Ausdruck.

Langeweile ist einer der schlimmsten Vorwürfe, den uns Kinder machen können. Aber in unserer schnellen Welt steht es ja auch für Innehalten, Nachdenken und etwas Aushalten.

Messlatte: Ich sehe es als Aufgabe, Impulse zu geben und Neues zu wagen. Wir haben ja den Anspruch, Kinder mit den unterschiedlichsten Hintergründen zu erreichen. 

Neugierig bin ich auf unser Festival „Südwind“, das wir anlässlich unseres 70. Geburtstags im Juli 2023 veranstalten. Hier kommen bayerische Kinder- und Jugendtheater zum Austausch zusammen.

Ort des Wandels: Als Künstler entwerfen wir Visionen und Utopien. Das Theater ist ja auch ein Ort des Träumens – für eine bessere Welt.

Programm wähle ich so aus, dass die Kinder viel Verschiedenes kennenlernen. Darauf haben sie ein Anrecht. Wir machen Bilder-, Erzähl-, Bewegungs- und Musiktheater – eine Vielfalt auf hohem Niveau.

Qual: Die größte meines Lebens war bis jetzt, dass ich mir heuer beide Beine gebrochen hatte und das Theater vom Homeoffice aus leiten musste. Mir fehlte auch das Publikum.

Respekt habe ich vor allen Mitarbeitern des Theaters, die trotz der vielen Krisen flexibel arbeiten können.

Schwabinger Kunstpreis ist eine große Ehre und Ansporn in der Schauburg, im Herzen von Schwabing, noch Einiges zu bewegen!

Toleranz brauchen wir alle, weil wir selbst überzeugt von dem sein sollten, was wir tun und weil es immer Menschen gibt, die Dinge anders sehen. Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, trotz der Verschiedenheit solidarisch mit der Gesamtgesellschaft zu sein.

Umwelt ist ein großes Thema bei uns, weil es da manchmal verschwenderisch und luxuriös zugeht. Wir haben unser Bühnenbild auf LED umgerüstet. Auch Kostüme und Bühnenbildmaterialien werden nicht weggeschmissen.

Viele Sorgen bereitet mir, dass wir in Krisenzeiten zuerst an Bildung und Kultur sparen. Denn sie sind nicht nur Luxus, sondern Basis unserer Gesellschaft.

Wegweisend war für mich die Arbeit meiner Vorgänger. Sie waren immer mutige Erneuerer. Als sie vor 70 Jahren anfingen, gab es nur Weihnachtsmärchen und die Gummibärchen flogen ins Publikum. In den 80er-Jahren wurde manifestiert, was in der Kunst für Kinder alles möglich ist. Das war für mich wegweisend.

X-mal habe ich gesagt, dass Kinder- und Jugendtheater genauso wichtig ist wie für Erwachsene und deshalb mehr Raum und Unterstützung braucht.

Yoga mache ich seit 30 Jahren, weil ich im Körper und Geist beweglich bleiben möchte.

Zukunft des Theaters sehe ich in seiner spezifischen Qualität. Es bringt Kunstschaffende, Kinder und Jugendliche an einem Ort zusammen. So kann es für alle Beteiligten Spiegel der Seele sein und Fenster zur Welt öffnen.

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