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Expertin über Münchner Tatorte & deren Faszination

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Von: Katrin Hildebrand

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Christine  Hornberger kennt Münchens Kriminalfälle wie wenige andere.
Christine Hornberger kennt Münchens Kriminalfälle wie wenige andere. © Katrin Hildebrand

Christine Hornberger ist eine wahre Expertin für Münchner Tatorte. Im Interview berichtet sie auch über unbekanntere Mordfälle und erzählt von ihren Stadtführungen.

Studiert hat sie Geschichte und Kunstgeschichte. Abseits der Vorlesungen und Seminare allerdings hat Christine Hornberger als Reiseleiterin gearbeitet. Seit über zehn Jahren ist sie als Tourguide des „Weissen Stadtvogel“ in München unterwegs. Sie führt nicht nur durch die Altstadt, sondern auch zu Tatorten echter Verbrechen. „True Crime“ nennt man das heute. Laut Hornberger ist die „Tatort München“-Führung auch deswegen so spannend, „weil man selbst als Guide nie weiß, was da passiert“. So komme es schon mal vor, dass ein Gast beim Rundgang durch die Stadt erzählt, dass ein Opfer, Täter oder Zeuge eines großen Verbrechens zufälligerweise sein Nachbar sei. Hallo hat sich mit Hornberger auf die Spuren von Münchner Kriminalfällen gemacht – von den Morden an Rudolph Moshammer, Kurt Eisner und Walter Sedlmayr bis zu unbekannteren Fällen.  

Die Gedenkplatte zum Mord an Kurt Eisner. Auch zu diesem Fall besitzt Christine Hornberger ein riesiges Fachwissen.
Die Gedenkplatte zum Mord an Kurt Eisner. Auch zu diesem Fall besitzt Christine Hornberger ein riesiges Fachwissen. © Katrin Hildebrand

Christine Hornberger (53), Stadtführerin und Kennerin von Münchens Verbrechen, von A bis Z

Adele Spitzeder war eine Betrügerin. Ihre Privatbank funktionierte nach dem Schneeballsystem. 1873 kam sie ins Gefängnis. Sie hatte 61 000 Gläubiger betrogen.

Bragadino war ein betrügerischer Alchemist, der den in Geldnöten steckenden Bayernherzog Wilhelm V. um den Finger wickelte. 1591 wurde er in München hingerichtet. 

Czenki: Kindergärtnerin Margit Czenki raubte 1971 mit drei Komplizen eine Bank am Frankfurter Ring aus. Ihr Motiv: Klassenkampf. 

Daktyluskopie befasst sich mit Fingerabdrücken. Diese sind einzigartig, selbst bei eineiigen Zwillingen.

Erfolg im Kampf gegen Gaunereien kann für mich auch sein, wenn man Menschen das Handwerk legt, die schöne alte Gebäude einfach so mal nebenbei abreißen – wie das Uhrmacherhäusl.

Fernsehen: Ich frage mich oft bei vielen München-Krimis, ob die Stadtkulisse oder eher die grantigen Polizisten die Hauptrolle spielen?

Geiselnahme: Die erste nach einem Banküberfall in Nachkriegs-Deutschland fand 1971 an der Prinzregentenstraße 70 statt. Zwei Männer überfielen die Deutsche Bank, nahmen 18 Geiseln. Eine Geisel und ein Räuber starben. 

Hinterteil: Der Münzräuber Wilhelm Ruff wurde 1906 über den Abdruck seines Hinterns identifiziert. Den hatte er beim Einbruch in die Königliche Münze, die einst am Hofgraben lag, durch einen Sturz ins leere Bett des Pfisterbachs hinterlassen. 

Indizien wie Fusseln der Einlegeböden einer Münzkassette an einem Pullover spielten im Mordfall Walter Sedlmayr eine große Rolle, weil es wenige verwertbare Zeugenaussagen gab. 

Josef Apfelböck erschoss im Juli 1919 seine Eltern. Zwei Spezln des 16-Jährigen fiel Mitte August der Gestank in der Haidhauser Wohnung auf. Josef: „Das ist ein alter Käse.“ .

Kneißl trieb sich als Räuber im Umland Münchens herum. Er wurde wegen zweifachen Mordes zum Tode verurteilt, 1902 hingerichtet. 

Leichenfund im Kino: Im seit 2011 geschlossenen Film­casino am Odeonsplatz wurde 1996 in der Dachverschalung ein ermordeter Übersetzer gefunden. Ein Kino-Putzmann hatte ihn entführt, weil er dachte, seine Familie sei reich.

Museum im Polizeipräsidium (Foto o. li.): Kann ich nur empfehlen für Crime-Fans. Zu sehen ist auch das Kabel, mit dem Rudolph Moshammer erwürgt wurde. 

Nebenbei interessiere ich mich für Lesen, Reisen und Kultur. Außerdem beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema Brauchtum. 

Oetker: Fabrikantensohn Richard Oetker wurde 1976 entführt. Lösegeld: 21 Millionen DM. Die Übergabe fand im Stachus-Untergeschoss an einer Stahltür neben der Apotheke statt.

Pantherbande: Galt als gefährlichste Bande der Nachkriegs-Ära. In der Nazizeit sozialisiert, wollten die ausschließlich männlichen Münchner Jugendlichen durch Überfälle reich werden. Auf Befehl ihres Anführers ermordeten sie auch Ex-Mitglieder.

Quellen und Informationen übers Leben vieler Täter nach ihrem Verbrechen gibt es kaum. Das habe ich oft bei Recherchen erlebt.

Revolution: 1844 stürmten 2000 Münchner die Brauereien und randalierten. Grund: Wegen Rohstoffknappheit war der Bierpreis um einen Pfennig erhöht worden.

Sperrbezirke gibt es seit 1969. Derzeit sind es 27, sie decken das Stadtgebiet zu 97 Prozent ab. Prostitution und die Anbahnung von Prostitution sind dort verboten. 

Tausend: Franz Tausend nannte sich Goldmacher. Seine Labore lagen nacheinander in Obermenzing, Aubing und Gilching. Er behauptete, er könne Gold wie Pflanzen wachsen lassen. Zu seinen Förderern zählten viele Rechtsextreme, etwa Ex-Weltkriegs-General und Hitlers Mitputschist Erich Ludendorff. 1931 wurde Tausend wegen Betrugs zu einer Haftstrafe von mehr als drei Jahren verurteilt.

USPD war die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Ihr Mitglied Kurt Eisner, erster Ministerpräsident des Freistaats, wurde 1919 von einem Rechtsextremen ermordet.

Vera Brühne, wohnhaft in der Kaulbachstraße, landete 1962 wegen Doppelmordes im Gefängnis. 1979 wurde sie begnadigt. Zeitlebens bestritt sie die Tat. 

Werner hieß der Chef der Pantherbande mit Nachnamen. Er wurde 1953 zu lebenslanger Haft verurteilt. Bayerns Ministerpräsident Alfons Goppel begnadigte ihn 1972 wegen guter Führung.

X Y: Durch einen TV-Beitrag bei „Aktenzeichen XY“ kam die Polizei auf die Spur von Bankräuberin Margit Czenki. 

Y-Chromosom: Männer machen etwa 88 Prozent der wegen Mordes Verurteilten in der Bundesrepublik Deutschland aus.

Zeit: Die „Tatort München“-Führung gibt es ungefähr seit zehn Jahren. Ganz genau steht es nicht in den Archiven.

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