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Stadtmuseums-Puppen kommen wegen Umbau in die Kiste – Kuratorin über Abschied und Zukunft

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Von: Claudia Theurer

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Mascha Erbelding, Kuratorin der Ausstellung Puppentheater im Münchner Stadtmuseum, mit einer ihrer Puppen.
Mascha Erbelding, Kuratorin der Ausstellung Puppentheater im Münchner Stadtmuseum, mit einer ihrer Puppen. © Claudia Theurer

Sie lässt normalerweise die Puppen tanzen, doch diese müssen nun in die Kiste, denn das Stadtmuseum wird umgebaut. Dazu und zum Puppentheater äußert sich die Kuratorin der Ausstellung bei Hallo.

Ihr Leben sind die Puppen. Schon von Kindesbeinen an wusste Mascha Erbelding, die in München Theaterwissenschaften und Dramaturgie studiert hat, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. Und so ist die Neuhauserin vor 14 Jahren als Kuratorin der Ausstellung Puppentheater/Schaustellerei im Münchner Stadtmuseum am Jakobsplatz gelandet. Am Montag, 29. August, ist mit dieser erst mal Schluss. Das Museum wird von Grund auf saniert.

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Davor, am Sonntag, 2. Juli, gibt es unter dem Motto „Ab in die Kiste!“ von 11 bis 22 Uhr noch eine Abschiedsfeier mit Vorstellungen, Führungen und Musik (Programm: www.figurentheater-gfp.de). Was die 43-Jährige bewegt und wie die Zukunft der Puppen bis zur Museumsferigstellung 2031 aussieht, erzählt sie hier von A bis Z.

 Mascha Erbelding (43), Kuratorin der Ausstellung Puppentheater im Münchner Stadtmuseum, von A bis Z

Abschied fällt mir schwer. Die Ausstellung gibt es seit 38 Jahren. Ich bin vor 14 Jahren dazugekommen.

Beziehung: Ich habe viele Lieblingsfiguren. Aber ich hänge sehr an der „kleinsten Bühne der Welt“, einem Münchner Koffertheater.

Corona war schlimm für das ganze Stadtmuseum. Wir haben uns sehr viel mit Hygienevorschriften beschäftigt, testen, kontrollieren müssen. Alles, was man nicht mag.

Daueraustellungen haben wir aktuell vier. „Nationalsozialismus in München“, die Sammlung Musik, die schon geschlossen ist, Puppentheater/Schaustellerei und „Typisch München!“.

Entzückend finde die kleinteiligen Geschichten. Zum Beispiel den Puppenköpfe-Musterkoffer. Mini, mini zum Spielen, das waren richtige Marionetten, das Köpfchen daumengroß.

Faszination: Für mich ist das Figurentheater sehr poetisch und visuell vielseitig. Man kann mit ganz wenig ganz viel machen.

Graf Pocci war wegweisend für das Marionettenspiel und hat bildnerisch Einfluss mit seinen Karikaturen ausgeübt. Und er hat mit seinen Texten das Marionettentheater von Papa Schmid in der Blumenstraße geadelt. Der Humor seiner Texte war mindestens 100 Jahre wegweisend.

Höhepunkte sind und waren sicherlich die Gastspiele. Sie kamen aus Asien, Afrika und den USA. Das hat sich zu einer schönen Tradition entwickelt.

Illusionen braucht man zum Leben. Ich liebe sie. Sie sind gerade im Puppentheater sehr wichtig. Manchmal verliert man sie. Aber in meinem Bereich kann ich sie auch immer wieder frisch aufladen. Denn wir sind ja auch nach dem Auszug täglich mit den Figuren zusammen. Wir wollen dann viel in die Forschung und in die Digitalisierung der Bestände gehen.

Job: Den mache ich gerne. Ich habe den schönsten Arbeitsplatz der Welt. Das Puppentheater war schon immer eine große Leidenschaft von mir, die ich zum Beruf gemacht habe. Als Schülerin habe ich es schon für mich entdeckt und später bei der „Spieldose“, einer Amateurbühne, die früher im Künstlerhaus war, gespielt.

Kinder reagieren anders als Erwachsene. Für sie sind Puppen Objekte, die wie lebendige Menschen sind. Sie reagieren sehr unmittelbar.

Larifari: Der Kasperl-Name kommt aus dem Wiener Volkstheater und wurde von Johann La Roche geschaffen. Der Name macht sich über die italienische Oper und Einflüsse aus dem französischen Theater lustig. Graf Pocci berief sich darauf.

München ist nicht unbedingt die Wiege des Kasperltheaters. Diese liegt wahrscheinlich mit der Figur des „Pulcinella“ in Italien. Sicher ist aber, dass München im 19. Jahrhundert eine der Puppenhauptstädte Deutschlands war.

Nachwuchs: Das Stab-Puppentheater ist nicht mehr reizvoll, was ich schade finde. Heute geht es eher in Richtung „visuelle Performance“.

Oktoberfest: Hat mit unserer Ausstellung insofern zu tun, als dass wir auch alles zum Thema Jahrmarkt sammeln. Puppentheater und Schaustellerei treffen sich an vielen Stellen. In der Schichtl-Dynastie gibt es beispielsweise Puppenspieler. Wir haben hier die Original-­Guillotine stehen.

Programm zum Abschluss: Wir haben einen „Pulcinella“-Spieler aus Neapel eingeladen, weil die Figur dort herkommt. Außerdem Doktor Döblinger und eine junge Schauspielerin. Sie zeigt „Sonst Schoko“, ihre Bühne ist eine Eistüte.

Quote: Vor Corona hatte die Ausstellung 20 ­000 bis 25 000 Besucher im Jahr. In der gesamten Laufzeit aber definitiv mehr als eine Million. Das sind nicht so viele wie etwa in „Typisch München!“

Rückblick: Ich denke, die Ausstellung war ein voller Erfolg. Es gibt Besucher, die uns geschrieben haben: „Das können Sie uns nicht antun. Wir kommen jedes Jahr.“ Es gibt in ganz Deutschland kein Stadtmuseum, das so eine große Puppentheatersammlung hat. Schade finde ich, dass es so wenig zum Mitmachen gibt. Die Chance, die sie als Familienausstellung gehabt hätte, ist leider nicht voll ausgeschöpft worden.

Schließung muss sein wegen des Umbaus, der 2024 beginnen soll. Wir ziehen in ein Ausweichquartier auf dem ehemaligen ARRI-Gelände an der Türkenstraße. Dann kommt die Zeit für die Restauratoren, die mit der Grundreinigung der Figuren beginnen. Der Rest – wie zum Beispiel Bühnenbilder – wird in Freimann eingelagert.

Teamwork: Ohne geht es nicht. Wir haben 13 Restauratoren, Schreiner, Elektriker, Maler und, und, und...

Unheil wäre, wenn sich die Bauarbeiten länger hinziehen als geplant. Bis 2031 soll alles fertig sein, aber man weiß ja nie... Ich bin optimistisch.

Varianten sind Schattentheater, Marionetten- und Handpuppenspiel sowie Stabfiguren. Man kann auch das Maskenspiel dazurechnen.

Wie viele Figuren hier lagern – ein Schätzwert liegt bei 13 000, aber genau sagen kann ich das nicht.

X-mal habe ich mich gefreut über Aufführungen, die funktionierten, über ein glückliches Publikum, über viele Zuschauer, über herausragende Puppenspieler. Sie sind einfach angenehme Zeitgenossen, die bescheiden sind und die Puppen im Vordergrund lassen.

Yoga für Kasperl: Da fällt mir die Handspring Puppet Company aus Südafrika ein. Die beginnen ihr Spiel mit Atemtechnik und animieren so ihre Figuren.

Zukunft: Sie bringt uns von 14. Oktober bis 8. November noch einmal ein Figurentheater-Festival hier im Haus. Es heißt „Wunder-Punkt.Festival“. Wir arbeiten mit der Schauburg, der Pasinger Fabrik, dem Theater HochX und den Kammerspielen zusammen.

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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