Die Sportfreunde Stiller im Gespräch mit Hallo München

„Deppenhumor ist zurück“ - Die Sportfreunde Stiller im großen Interview mit Hallo München

„Wir haben extra einen neuen 
Proberaum angemietet. Einen ohne die Blutflecken von früher.“  Rüdiger Linhof (li.) über den Neuanfang nach der dreijährigen Funkstille mit den Bandkollegen Peter Brugger (M.) und Florian Weber.
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„Wir haben extra einen neuen Proberaum angemietet. Einen ohne die Blutflecken von früher.“ Rüdiger Linhof (li.) über den Neuanfang nach der dreijährigen Funkstille mit den Bandkollegen Peter Brugger (M.) und Florian Weber.
  • Marco Litzlbauer
    VonMarco Litzlbauer
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Mit Liebeserklärungen wie „Ein Kompliment“ oder Fußball-Hymnen wie „54, 74, 90, 2006“ hat sich das Münchner Trio in die Herzen der Republik gesungen. Warum es zuletzt lange still um sie war und welche Rolle Themen wie Angst und Alter aktuell für sie spielen, verraten Peter Brugger, Rüdiger „Rüde“ Linhof & Florian „Flo“ Weber hier:

Sechs Jahre sind seit dem letzten Album vergangen. Warum die lange Pause?
Peter: Wir hatten lange Zeit wirklich Sendepause. Ich habe mich selbst gefragt: „Sind wir noch eine Band?“ Dann haben wir uns zunächst ein paar Mal in Cafés getroffen.
Auf neutralem Boden...
Rüde: Ja, wir haben später sogar einen neuen Proberaum angemietet – einen ohne die Blutflecken von früher (lacht).
Ihr hattet also richtig Zoff?
Flo: Bei den letzten Konzerten zu „Sturm und Stille“ gab es schon viel Frust. Wir haben nur noch sehr dürftig kommuniziert, jeder hatte komische Befindlichkeiten und die Klarheit in der Äußerung eigener Wünsche hat gefehlt. Die dann von Peter 2017 eingeleitete Pause war enorm wichtig. Es war echt düster um uns und wir haben uns drei Jahre nicht gesehen oder gehört. 
Rüde: Das hatten wir ja schon früher. Wenn auch kürzer. Ich habe das Gefühl, das Auf und Ab gehört zu uns. So schlimm wie es ist, aber vielleicht müssen wir diese Phasen akzeptieren, um dann wieder neue Seiten an uns kennenzulernen.
Flo: Hätten wir alle die gleiche Geschwindigkeit, dann wäre es eher eine periodenhafte Entwicklung. Aber wir ticken sehr unterschiedlich.
Rüde: Aber das ist es ja auch, was uns als Band ausmacht. Uns gibt es jetzt seit 27 Jahren. Wie viele Bands haben eine gute Zeit, machen drei Alben und lösen sich dann auf...
Peter: Flo hat schon sehr gelitten und ich habe dann irgendwann nachgegeben.
Rüde: Ich habe mich abgeschottet. Dachte: Ich beobachte das mal, aber verbrenne mich nicht. Ich hatte in der Zeit gar keinen Bock mehr auf Musik. Keine Lust mehr, auf Konzerte zu gehen. Da siehst du dann nur andere, wie sie auf der Bühne stehen. Das tut weh, weil man sich denkt: Das könntest du sein. Aber jetzt ist eine tolle neue Platte da...
Lasst uns darüber sprechen…
Rüde: Der Moment, wo es wieder losgeht, da setzt sich ein krasser Zug in Fahrt. Das erste Zischen der Nightliner-Türen, die leuchtenden Augen der Crew, das Zischen des Biers. Die Menschen wiederzusehen, die teilweise schon vor Jahrzehnten in der ersten Reihe standen. In ihren Gesichtern zu erkennen, wir sich die Bedeutung von Songs wie „Wie lange sollen wir noch warten“ verändert hat. Wir haben Mitarbeiter, die sich während unserer Pause neue Jobs gesucht haben. Keiner wusste ja, ob es weitergeht. Die sich aber in ihre Verträge haben schreiben lassen: „Wenn die Sportis wieder auf Tour gehen, dann bekomme ich frei.“
Peter: Eine krasse Ehre für uns.
Rüde: Und zu sehen, wie sich der Musikmarkt in der Zeit verändert hat. Sich zu fragen: Wie komme ich da wieder cool ins Surfen? Schließlich sind wir ja jetzt fast schon alte Säcke.
Flo: Da muss bitte jeder für sich sprechen.
Stichwort Alter: Wenn ihr jetzt wieder zusammen im Studio oder auf der Bühne steht – fühlt sich dann alles wieder wie früher an? Oder merkt ihr, dass ihr älter geworden seid?
Peter: Beides. Der Deppenhumor bricht schon wieder raus, der zum Glück wieder da ist. Aber eben auch viel Erfahrung.
Obwohl viele der neuen Songs ernste Themen behandeln, vermitteln sie stets auch Zuversicht und gute Laune. Eine bewusste Entscheidung in diesen schweren Zeiten?
Flo: Wir haben diesmal wirklich mit Händen und Füßen versucht, ein negatives Lied zu schreiben. Aber es gelingt uns nicht. Trotz Themen wie Angst oder Depressionen nehmen die Lieder immer eine Wendung, bieten einen Lösungsansatz.
Rüde: Wir sind halt Kämpfer.
Flo: Ich hätte gerne mal ein Lied mit einem ernsten Ansatz, das sich nicht wieder dreht.
Rüde: Vielleicht bin ich der, der nichts Negatives stehen lassen kann. Aber nein, eigentlich sind wir das schon alle.
In „Zombie“ – quasi einem Lied über die Pandemie – gibt es die schöne Zeile: „Gebt der Angst endlich wieder Freizeit“.
Peter: Das Lied ist tatsächlich im Lockdown entstanden. 
Flo: Es wurde oft die Frage gestellt: Wie darf sich Politik äußern, ohne Panik zu schüren? Ich habe keine Angstzustände, kenne aber welche, die sie haben.
Peter: Es gibt so viele Momente, in denen man auf den Angst-Zug aufspringen kann. Dann muss man sich bewusst damit befassen, dass auch ein angstfreier Raum da ist.
Rüde: In vielen Bereichen sind wir regelrecht zu Angst erzogen. Auch die Art, wie wir über den schrecklichen Angriffskrieg in der Ukraine reden. Das sind regelrechte Endzeit-Bilder. Das wird schnell manipulativ, man fühlt sich fremdgesteuert. Man kann aber auch Anteil nehmen, ohne selbst Schiss zu haben. 
In einem unserer letzten Gespräche haben wir uns über ein Champions League Finale der Bayern und die Toten Hosen unterhalten. Letztere feiern gerade ihr 40-Jähriges. Was ist wahrscheinlicher? Dass die Bayern wieder ins Champions-League-Finale einziehen, oder dass auch die Sportis ihren 40. erleben?
Flo: Beides zu 100 Prozent.
Peter: Was passiert früher?
Rüde: Ohne Lewy hängt Mané ganz schön in der Luft.
Flo: Wir nehmen auf dem Weg zu unserem 40. auf jeden Fall erstmal noch den 30. mit.

Zur Band:

Gegründet 1995 – damals noch unter dem Namen Stiller – erlangten die Sportfreunde Stiller, wie die Band seit 1997 heißt, Anfang der 2000er mit Songs wie „Wellenreiten“ oder „Wunderbaren Jahren“ größere Berühmtheit, ehe sie sich mit „Ein Kompliment“ 2002 vollends in die Gehörgänge einer ganzen Generation katapultierten. Mit „54, 74, 90, 2006“ gelang ihnen dann 2006 nicht nur der Sprung an die Spitze der Charts, sondern auch der Hit schlechthin zur Fußball-Heim-WM. Seit ihrem Album „La Bum“ (2007) – ebenfalls Platz 1 der deutschen Charts – sind die Abstände ihrer Studioalben deutlich größer geworden.

Abgesehen von einem MTV-Unplugged-Album 2009 folgten erst 2013 und 2016 wieder Studioalben. Die kreativen Bandpausen nutzen die Mitglieder ganz unterschiedlich. Neben Zeit mit ihren Familien unter anderem für Soloprojekte, Kooperationen mit anderen Musikern oder wie Flo Weber zuletzt für das Schreiben von Büchern. Auch sozial sind die Sportis stets engagiert – jüngst mit einem Auftritt beim Benefizlauf „Giro di Monaco“. Ihr reguläres München-Konzert zum neuen Album findet am Samstag, 26. November, um 20 Uhr im Circus Krone statt. Die begehrten Stehplatztickets waren nach wenigen Stunden ausverkauft.

*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Zuvor hat Hallo schon mit Bandmitglied Flo Weber gesprochen. Das Interview gibts hier zum Nachlesen.

Hallo verlost das neue Album und die neue Single der Sportis.

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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