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„Selbstverteidigung beginnt mit einem ‚Nein‘“ - Lisa Maria Potthoff im Gespräch

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Von: Sabina Kläsener

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Seit vier Jahren übt sich Lisa Maria Potthoff in Mixed Martial Arts (MMA).
Seit vier Jahren übt sich Lisa Maria Potthoff in Mixed Martial Arts (MMA). © Nils Schwarz

Als Polizistin Sarah Kohr taucht die Schauspielerin im neuen Fall tief in die Szene der Corona-Leugner ein. Auch diesmal macht sie alle Stunts selbst, trainiert seit vier Jahren Kampfsport. Ein Gespräch über Weiblichkeit und was sie ihren Töchtern mitgibt.

Frau Potthoff, Sie machen alle Stunts selbst. Ist es für Sie einfach interessant, weil Schauspiel mehr als Sprechen ist? Es macht bestimmt auch Spaß.

Die Vorstellung ist vollkommen richtig. Ich empfinde diese Körperlichkeit als große, wundervolle Herausforderung. Ich mochte das schon immer, durch die Figuren emotional und körperlich an Punkte zu geraten, wo ich sonst nicht hinkommen würde. In diesem Fall ging es darum, eine besondere, wehrhafte Körperlichkeit zu entwickeln. Das finde ich insbesondere als Frau sehr spannend. Und ich mag tatsächlich auch die Nähe zum Scheitern: Schaff ich das? Wo sind meine Grenzen?

Die Sarah spielen Sie seit 2014, die Susi beim Eberhofer fast genau so lang. Was ist der Reiz dabei? 

Nur eine Figur zu spielen – in einer Serie, die ich acht Monate im Jahr drehe – das möchte ich nicht über zehn Jahre machen. Bei einer Reihe ist das Schöne, dass ich eine Figur über die Jahre begleiten und mich trotzdem noch parallel anderen Projekten widmen kann. Bei Sarah Kohr war das wegen der Körperlichkeit verlockend und bei der Susi habe ich mir das vorher gar nicht so überlegt. Ich hatte einen kleinen bayerischen Film zugesagt. Schnitt, zehn Jahre später ist es eine erfolgreiche Kinoreihe. Das konnte man wirklich nicht ahnen. Da sind wir alle „hineingeraten“ (lacht).

Der neue Eberhofer wurde frisch abgedreht. Wie schaut es dort mit Action-Szenen aus?

Es gibt diese Szenen, allerdings ist Susi nicht beteiligt. Sie wittert die große Karriere als Verwaltungsfachangestellte, übernimmt für ein paar Wochen eine sehr verantwortungsvolle Position. Da blüht sie auf. Durch die Action musste sich Simon Schwarz kämpfen.

Auf Instagram zeigen Sie sich beim MMA-Training – zur Überraschung mancher mit rotem Nagellack. 

Manchmal bin ich verwundert, was Posts generell in Menschen triggern. Ich zeige meine Reise in und durch die Welt der Kampfkunst, weil es eine persönliche Leidenschaft ist. Die Reaktionen zeigen, dass vorher ein bestimmtes Bild darüber existiert hat und viele positiv überrascht sind, was sie da sehen. Dass es auch Eleganz hat, auch weiblich sein kann, oder Weiblichkeit nicht ausschließt. Warum auch? Ich habe aber auch Rückmeldung von einer Agentin eines MMA-Kämpfers bekommen: Danke, dass Sie den Kampfsport aus der Schmuddelecke holen. 

Da schwingt auch ein modernes Frauenbild mit.

Mit Freundinnen habe ich darüber schon gesprochen, dass es vielleicht gut wäre, wenn Kinder – insbesondere Mädchen – früh mit Kampfsport, oder besser der Kampfkunst, in Kontakt kommen. Dann würde sich das Bild in den Köpfen der Eltern wandeln. 

Inwiefern?

Gerade die asiatische Kampfkunst ist teilweise sehr elegant, fließend, denken Sie an Tai Chi. Dazu gehört auch der Aufbau von mentaler Stärke, Achtung vor dem Gegner, Demut. Es wäre toll, Kinder einen langen Atem beizubringen, Geduld, Achtung vor dem Gegenüber. Das lehrt die Kampfkunst. Wenn es auf Instagram ein Gedankenanstoß ist oder mir Frauen schreiben, sie hätten auch mit Boxen angefangen – und wenn es nur zwei Frauen sind – dann ist das doch super. Mir schreibt eine Teenagerin, die starke Selbstwertprobleme hat. Sie geht jetzt zum Thai-Boxen und blüht auf. Und das freut mich riesig. Diese Gemeinschaft, zu merken, ich habe eine mentale Stärke, das ist gerade für junge Mädchen toll.

Obwohl Sie Kampfkunst machen, haben Sie in einem Interview gesagt, dass die körperliche Unterlegenheit als Frau bleibt. Sie sind Mutter zweier Töchter, wie gehen Sie damit um?

Es ist ein spannendes Thema. Der beste Satz ist: Beschütze nicht deine Töchter, erziehe deine Söhne. Es geht darum, dass Männer jetzt begreifen, was Frauen teilweise ausgesetzt sind. Zu der Wehrhaftigkeit: Im Kampfsport gibt es Gewichtsklassen. Ich kann mich mittlerweile sehr viel besser verteidigen. Aber käme ein Mann mit 90 bis 100 Kilo auf mich zu und würde mich angreifen, hätte ich wahrscheinlich erstmal ein Problem durch seine größere Masse. Er bekommt aber sicher auch ein klitzekleines Problem mit mir (lacht). 

Man muss also lernen, wie man mit der Unterlegenheit umgeht.

Insbesondere bei Selbstverteidigungskursen kann man das lernen. Das sage ich auch meinen Mädchen: Wo fängt Selbstverteidigung an? Im klar geäußerten Nein. Es ist erstaunlich, wie schwer es für Frauen ist, sich das zu trauen. Wir wollen niemanden vor den Kopf stoßen, weil wir unsicher sind, ob wir das richtig einschätzen. Das bringe ich meinen Töchtern bei: Euer Nein zählt. Dass sie auf keinen Fall denken sollen, dass sie sich nicht verteidigen dürfen. 

Zur Person

Lisa Maria Potthoff, am 25. Juli 1978 in Berlin geboren, wuchs im Münchner Südosten auf. So klappte es auch für die Bayerin mit Migrationshintergrund mit dem Dialekt lernen: „Der Ort hatte eine dörfliche Struktur, eigentlich bis heute. Es gibt den Burschenverein, ich war in der evangelischen Jugend aktiv“, erklärt die Schauspielerin im Interview. „Da wird Münchnerisch und Bairisch gesprochen. Dadurch hatte ich es immer im Ohr.“

Seit 2013 spielt sie die Susi in den Eberhofer-Filmen – seit 2014 die Polizistin Sarah Kohr in der gleichnamigen Krimireihe. Potthoff ist Mutter zweier Töchter (*2009 und *2014) und wohnt in Berlin – „recht idyllisch mit einem wunderschönen Garten“. Daher steht nicht in absehbarer Zeit eine Rückkehr in den Süden an. „Wenn man morgens auf dieses Alpen­panorama blickt, tut mir das Herz ein bisschen weh, dass ich so weit weg wohne. Aber ich komme ja oft nach Bayern.“

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