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Millionen-Hilfe, Kritik an Söder & die Suche nach Publikum: Münchens Kulturreferent Anton Biebl im Interview

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Von: Claudia Theurer

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Anton Biebl ist 1962 in München geboren, hat in München an der LMU studiert und leitet seit Juli 2019 das Kulturreferat.
Anton Biebl ist 1962 in München geboren, hat in München an der LMU studiert und leitet seit Juli 2019 das Kulturreferat. © Kulturreferat/Tobias Hase

Alter Gasteig, neuer Gasteig, Zwischennutzungen und ein spontaneres, aber zögerliches Publikum: Anton Biebl erklärt im Hallo-Interview, wie das Kulturreferat 2023 meistern will. 

Herr Biebl, vergangenes Jahr hatten Sie einen Etat von 250 Millionen Euro. Sind Sie damit gut über die Runden gekommen?

Ja, auch wenn man natürlich immer noch mehr tun könnte in der Kulturförderung, vor allem angesichts der Pandemie. Gut, dass wir während des Haushaltsjahres 2022 zusätzliche Mittel bekommen haben zur Stärkung der kulturellen Infrastruktur und der Freien Szene – 1,9 Millionen Euro. Außerdem gab es eine Re-Start-Hilfe von 250 000 Euro und die Programme „Kultur aus der Krise“. Damit sind wir durch herausfordernde Zeiten gekommen. Wir können stolz darauf sein, dass wir gerade die Freie Szene ohne größere Verluste durch die Pandemie gebracht haben.

Wie geht es der Freien Szene nach dem Lockdown?

Sie hatte zusätzliche Mittel von uns und natürlich haben auch die Hilfsfonds vom Freistaat und vom Bund geholfen. Die Möglichkeit, Kurzarbeitsgeld zu beantragen, hat bei vielen Kultureinrichtungen einiges abgefedert, so dass manche Zuwendungsempfänger gar nicht den vollen Zuschuss von uns benötigt haben. Der Stadtrat hat frühzeitig beschlossen, den Zuschuss dennoch zu gewähren und die verbliebenen Restmittel als Puffer in 2023 zu übertragen. Jetzt gilt es, das Publikum zurückzugewinnen. Die Einnahmensituation ist noch sehr schwankend. 

Sind Sie mit dem neuen Gasteig HP8 zufrieden?

Ich bin sehr zufrieden und es ist schön, dass mittlerweile alle städtischen Einrichtungen eingezogen sind – also Münchner Philharmoniker, Stadtbibliothek und seit Herbst die Volkshochschule. Der Gasteig HP8 schaut auf über ein Jahr Betrieb zurück mit mehr als 1000 Veranstaltungen. Es ist wirklich beeindruckend, wie sich der besondere Mix aus Isarphilharmonie, Open Library in der Halle E und Bildungsangeboten der MVHS auf diesem spannenden Gelände entwickelt.

Wann wird der alte Gasteig saniert?

Gute Frage. Derzeit läuft das Ausschreibungsverfahren für einen Investor, der die Sanierung als Generalunternehmer vornehmen soll. Die eingehenden Angebote werden von der Stadtkämmerei und dem Baureferat geprüft, diese beiden Ressorts haben die Federführung. Sie werden dem Stadtrat einen Vorschlag unterbreiten.

Das kann aber dauern...

Es ist geplant, dass sich der Stadtrat 2023 mit den nächsten Schritten befasst. Er entscheidet, wann und wie es weitergeht. Parallel dazu wird eine Zwischennutzung im „alten Gasteig“ ermöglicht, um Leerstand zu vermeiden.

Wie sieht es mit Zwischennutzungen generell aus?

Sie beleben die Kulturszene, die Stadt und auch die Kreativwirtschaft. Ein Großprojekt ist natürlich die Zwischennutzung des „alten Gasteig“ am Rosenheimer Platz, die 2023 starten wird. Ich bin schon gespannt, welche Akzente die vier, die zum Zug gekommen sind, setzen werden.

Das sind?

In einem Ausschreibungsverfahren hat sich ein Team durchgesetzt: Der Konzertveranstalter Nepomuk Schessl von MünchenMusik, der zwischennutzungserprobte Michi Kern (Lovelace, Sugar Moutain, Anm. d. Red.), Kleinkunst-Tausendsassa Till Hoffmann und Peter Fleming, Betreiber des Clubs Harry Klein. Die vier haben ein Konzept eingereicht, das sie derzeit verfeinern. Dann wird sich einiges rühren. Ich bin ein großer Freund von Zwischennutzungen. Sie sind eine Chance, Neues und Experimentelles zu erproben. Und nur um ein Vorurteil auszuräumen: Bisher haben sich alle Zwischennutzer, die wir kennen, an die getroffenen Vereinbarungen, insbesondere das Auszugsdatum gehalten. Daher bin ich mir sicher, dass Vermieter in München weiterhin offen sind für eine günstige Überlassung leerstehender Räume. 

Wie sieht es mit einem neuen Konzertsaal für München aus?

Fragen Sie gerne den Freistaat Bayern. Wir arbeiten, wie gesagt, an der Sanierung des Gasteig am Rosenheimer Platz und der dortigen Philharmonie. Und es gibt die neue Isarphilharmonie im Gasteig HP8 in Sendling. Es mehren sich zu Recht die Stimmen, die diese Interimslösung verstetigen möchten. Die Interimsphilharmonie hat eine herausragende Akustik und auch aus Nachhaltigkeitsgründen muss man darüber nachdenken, ob sie nicht längerfristig oder dauerhaft stehen bleiben kann. Es ist also einiges passiert, die Situation hat sich verändert. Und Herr Söder hat sich zum Thema Konzertsaal ja eine Denkpause verordnet.

Viele Veranstalter beklagen den Schwund des Vorverkaufs und können oft nicht kalkulieren, ob eine Veranstaltung stattfinden kann...

Das bleibt schwierig, denn das Publikum entscheidet sich viel kurzfristiger. Wer kann es ihm verdenken nach zwei Jahren, die von Umplanungen, Absagen und sich ständig ändernden Regeln geprägt waren? Erinnern Sie sich noch an den Jahresanfang 2022? Da durften maximal 25 Prozent der Plätze belegt werden und es galt Maskenpflicht. Im März waren es dann plötzlich 75 Prozent erlaubte Auslastung. So schön diese Änderung war: Sie verkaufen nicht von jetzt auf gleich hunderte Karten ohne Vorlauf. Es war ja monatelang der Eindruck entstanden, dass ein Kulturbesuch besonders gefährlich ist – denn für unseren Bereich galten die mit Abstand strengsten Regeln. Das hat zu einer Zurückhaltung des Publikums geführt, quasi zu einem Wegfall des Vorverkaufs, viel weniger Abonnements und einer Verlagerung auf Spontan-Besuche. Insgesamt ist das Publikumsverhalten noch immer schwer einschätzbar.

Wie kann man das Publikum wieder zurückholen?

Vor allem durch ein überzeugendes, begeisterndes, attraktives Programm. Und mit einem sozialen Erlebnis, das uns so lange verwehrt war. Es ist ein großer Nachholbedarf da – ob es um Urlaub, Kultur oder Sport geht. Alles, worauf wir lange verzichten mussten. Natürlich gibt es eine Bedürfniskonkurrenz. Denn sie können zeitlich und finanziell nicht alles gleichzeitig haben. Und die Unsicherheit, die der Ukraine-Krieg und die Energiekrise mit sich bringen, kommt hinzu. Wir müssen es schaffen, die Menschen mit unseren Mitteln anzusprechen, sie wieder für Ausstellungen, Theater und Konzerte, aber auch neue Kulturformate zu begeistern. Und überlegen, wie wir die Kulturlandschaft so weiterentwickeln, dass sie auch künftig noch auf Interesse stößt. In den letzten beiden Monaten haben wir den Eindruck, dass die Nachfrage wieder anzieht. Manche Theater haben bereits wieder ähnlich hohe Auslastungen wie vor Corona.

Wir sehr hat sich die Kultur generell durch den Lockdown verändert?

Wir hinterfragen im Kulturbetrieb unser Tun, das schadet ja nicht. Wir diskutieren, welcher Kulturbegriff zeitgemäß ist und wen wir womit ansprechen wollen. Ich finde es beispielsweise nachvollziehbar, dass manche sich nach guter Unterhaltung sehnen – oder nach einem Klassiker, der heute noch eine starke Aussage transportiert. 

Also weg vom Experimentellen?

Nein überhaupt nicht. Das ist kein Plädoyer für ausschließlich leichtgängigen Mainstream und trotzdem muss man den nicht verteufeln. Experimentelles, Gewagtes, Herausforderndes hat ebenso seine Berechtigung. Viele Klassiker waren zu ihrer Entstehungszeit Avantgarde. Man darf nicht nur auf die Publikumszahlen und die Auslastung schauen, sondern muss sich fragen, welchen kulturellen Auftrag man vermitteln will. 

Staatskulturministerin Claudia Roth hat sich für einen Kulturpass ausgesprochen, was halten Sie davon?

Ich finde die Idee gut, dass junge Menschen unter 18 Jahren einen einfachen und günstigen Zugang zu Kultur haben sollen. Wir praktizieren das längst. Bei unseren städtischen Museen ist der Eintritt bis 18 Jahre frei. Auch der Bibliotheksausweis ist gratis. Und unsere Bühnen haben sehr günstige Tickets, sogar bis 30 Jahre. Sie kommen für zehn Euro in die Kammerspiele oder ins Konzert der Philharmoniker. Auch einkommensschwächere Menschen gewähren wir freien oder vergünstigten Eintritt. Der Verein Kulturraum hilft uns, Tickets an diese Gruppe zu vermitteln. Außerdem schenken wir allen, die in München die Schule abschließen, ein Heft mit Kulturgutscheinen. Das soll einladen. Ein anderes Beispiel: Im Lenbachhaus heißt es jeden ersten Donnerstag im Monat „Free and Easy“, also freien Eintritt am Abend. Start war im November. Wir hatten von 18 bis 20 Uhr knapp 2300 Besucher. Der Auftakt war eine Kooperation mit dem Studentenwerk – die haben das intensiv beworben. Nun wünsche ich mir natürlich, dass viele wiederkommen oder sich eine Jahreskarten für zehn beziehungsweise 20 Euro kaufen. Den kostenlosen Abend finanzieren der Förderverein des Lenbachhauses, die Ingrid Werndl-Laue Stiftung und die Herbert Schuchardt-Stiftung. Sie helfen uns damit, neue Zielgruppen ins Museum zu bringen.

Was sagen Sie dazu, dass das Metropoltheater das Stück „Vögel“ wegen Antisemitismus-Vorwürfen abgesetzt hat?

Das Stück war ein großer Erfolg in Tel Aviv, in Genf und an zahlreichen weiteren Orten. Es wird derzeit am Thalia Theater Hamburg und in Köln gespielt. Nur hier kam es zu einer Eskalation, die letztlich die Absetzung des Stücks durch das Theater zur Folge hatte. Das wünsche ich mir anders. Antisemitismus-Vorwürfe müssen natürlich ernst genommen werden. Und zugleich müssen wir sprachfähig bleiben, uns auseinandersetzen und beides diskutieren: die Freiheit und die Grenzen der Kunst. Ich halte es für problematisch, dem Publikum, das dieses Stück besucht hat, eine antisemitische Haltung zu unterstellen. Da ist in der Kommunikation einiges schiefgelaufen. Wir müssen da nochmal ran.

Was ist mit dem ehemaligen Zwangsarbeiterlager in Freiham/Neuaubing?

Dafür haben wir vor Kurzem 26 Millionen Euro bekommen, um die Gebäude zu sanieren, das Gelände zu gestalten und einen Erinnerungs- und Gedenkort zu schaffen. Es ist ein ganz besonderer Ort mit verschiedenen Nutzungen, die sich über Jahrzehnte entwickelt haben. Das soll erlebbar bleiben. Wir werden also die Dependance des NS-Dokumentationszentrums, die dort entsteht, in das Vorhandene integrieren.

Ihr Blick nach vorne?

Ich bin Optimist und schaue deswegen immer positiv nach vorne. Ich nehme mir ein Beispiel an den Jubilaren des vergangenen Jahres: Alexander Kluge, Charlotte Knobloch, Ernst Grube, die 90 wurden, und Werner Herzog, dessen 80. Geburtstag wir gefeiert haben. Hätten diese Persönlichkeiten nicht stets an das Gute und an die Zukunft geglaubt, wäre ihre bewundernswerte Lebensleistung nicht möglich gewesen.

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